Standpunkt Stuttgart III

Bild: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Bild: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Stuttgart ist nicht Darmstadt. Im Neckarstadion holen sich die Spieler in den Kabinen keine Spreißel im Oberschenkel von den alten Holzbänken. Holger Badstuber, Dennis Aogo und Andreas Beck sind nicht Aytac Sulu, Jan Rosenthal und Kevin Großkreutz. Dennoch: Einige Transfers des VfB werfen Fragen auf hinsichtlich des viel beschworenen Plans, der den Fans zuletzt angekündigt worden war. Badstuber und Beck sind zweifelsohne Spieler mit Qualitäten, auch Ron-Robert Zieler kann man in diese Reihe nehmen; bei Aogo darf das zumindest bezweifelt werden. Für sie ist der Wechsel zum VfB Stuttgart aber ein Ast, an dem sie sich beim Abrutschen der Karriere festhalten können. Das zeitweise erfolgreiche Darmstädter Modell, in der Extended Edition: etwas mehr Qualität, etwas weniger Gescheiterte als in Hessen.

Es ist nicht verwerflich, dass der VfB offenbar auch auf erfahrene Spieler setzt, die Stuttgart als Chance nützen müssen, um nicht alsbald in der Versenkung zu verschwinden. Es entspricht nur nicht den Erwartungen, die von der Vereinsführung geschürt worden waren. Auch wenn das niemand aus dem Verein so sagte, lautete sie: Wenn wir schon nicht mehr den eigenen Nachwuchs aufbauen und im Verein halten können, dann sammeln wir die Talente eben aus der ganzen Welt ein. Michael Reschke als bestens vernetzter Ex-Bayern-Kaderplaner sollte die Arbeit von Jan Schindelmeiser weitertreiben. Die Folge: Die neuen Hoffnungsträger müssen sich entweder zuerst an Liga, Land und Sprache gewöhnen. Oder sie sind nicht besonders lange hier, weil erfolgreichere oder besser zahlende Clubs sie zwecks Spielpraxis nur nach Stuttgart verleihen. Werden sie doch für längere Zeit verpflichtet, ist der VfB Opfer des Fußballmarkts 2017 und bezahlt für einen 20-Jährigen aus der argentinischen Liga geschätzte acht Millionen Euro.

Santiago Ascacíbars Transfer legt zumindest den Schluss nahe, man habe ihn gescoutet und erwartet sich einst einen Mehrwert – heutzutage denkt ja niemand mehr unter der Kategorie Dembélé. Für die Verpflichtungen von Holger Badstuber, Dennis Aogo und Andreas Beck dagegen braucht es kein besonderes Netzwerk oder Talent bei der Einschätzung von Spielern. Man weiß, was man bekommt. Im Guten, wie im Schlechten. Sie sind bestenfalls ein Nullsummenspiel. Sind sie gut genug, erleben sie in Stuttgart noch einige erfolgreiche Jahre zu einem hoffentlich vernünftigen Gehalt. Geld aus einem Weiterverkauf spülen sie jedenfalls nicht mehr in die Kassen. Vielleicht ist das bereits die Notlösung der Notlösung. Europas Talenten wie Chadrac Akolo oder Orel Mangala – und sei es zu deren Eingewöhnung – einige erfahrene Spieler an die Seite zu stellen, mag altmodisch sein. Verkehrt ist diese Justierung der Philosophie nach dem Abstieg nicht.

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Schindi – der Abrechnung erster Teil

Bei seiner Ankunft war klar: Jan Schindelmeiser wird dem VfB Stuttgart die nächste Tragödie bescheren. Inzwischen hat er seine erste Transferperiode überstanden. Eine Blick auf seine Bilanz.

Ihr habts da ja so an Zauberer, wie heißt der glei? Bild: www.vfb-exklusiv.de

Ihr habts da ja so an Zauberer, wie heißt der glei? It’s a Shinder’s game. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Etwas anderes als an Autos rumzuschrauben hat der doch in den vergangenen Jahren nicht gemacht, hieß es über Jan Schindelmeiser bei seiner Vorstellung als neuer Sportvorstand beim VfB Stuttgart. Was hat der schon geleistet? Auch noch einer von Hoffenheim, wo er auch noch gescheitert ist. Und wieder eine 1C-Lösung beim VfB. Der gemeine Schwabe hatte sein gefundenes Fressen: Bruddeln, und das auch noch in der Sommerpause. Ein cleverer Schachzug, schließlich ließ der Abstieg in die 2. Liga erahnen: Womöglich gibt es in der neuen Saison nicht mehr ganz so viel zu motzen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist genau das, wofür ich die schwäbische Mentalität liebe; weshalb ich im Stadion auch als Badner „aufstehen“ kann – jetzt gebe ich es zu, steinigt mich.

Zurück zu Jan Schindelmeiser, der Einfachheit halber ab sofort für mich nur noch Schindi. Das klingt irgendwie nach einer Mischung aus Wrestler und Schlumpf, ich hab’s mit Namen. Bevor die Saison so richtig gestartet ist, hätte Schindi im Namen vieler am besten schon wieder weg sein sollen. Wie konnte er Jos Luhukay nur einen unvollständigen Kader zumuten? Wer sich den Hype um den Todeslinien-Tag mal so gibt, weiß: Das ist der unrühmliche Teil seines Jobs. Zu warten, sich zu gedulden, abzuwägen, zu beobachten. Ein guter Fußball-Manager reagiert heute auf den Punkt richtig. Oder er macht während der emsigsten Transfer-Wochen Urlaub in New York. Entscheidet selbst.

Drum prüfe stets und bleibe kritisch

Schindi hatte stets betont: Wir müssen und wir wollen noch etwas tun. Noch bevor auch nur ein Spiel gespielt war. Der Stein der späten Manager-Verpflichtung fiel dem VfB krachend auf die eigenen Füße. Schindi hatte zu liefern, als er dann endlich da war. Ob er zu lange lavierte oder sich die Vereinsführung bei seiner Verpflichtung einmal mehr spät entschied, weil sie dieselben Bedenken wie viele Fans hatten (war der nicht zu lang raus?) – wir wissen es nicht. Letzteres scheint, aus VfB-historischer Sicht, zumindest nicht ausgeschlossen. Nun endete zumindest für 99 Prozent der Transferentscheidungen die Frist. Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt (und nicht vor fünf Wochen), Schindis erste acht Wochen in Stuttgart einmal genauer zu überprüfen.

Kaum war Schindi da, zerschmetterte er eine scheinbare Selbstverständlichkeit: Sorry Jungs, aber für den Aufstieg reicht der Kader nicht. Ja, aber? War Stuttgart gerade nicht einige Kilometer nach Südosten verpflanzt und zum „FC Bayern der 2. Liga“ ernannt worden? Schindi musste es wissen, war er doch mit Hoffenheim auch einst in die Bundesliga aufgestiegen (und ob das damals auch schon die beste 2. Liga aller Zeiten war?).  Drei Tage nach Schindis Einzug in die Geschäftsstelle war für Daniel Schwaab beim VfB Feierabend. Schwaab spielt jetzt Champions League und mir fällt ein ganz persönlicher Stein vom Herzen. Danke PSV. Neben Schwaab gab es seit Schindi genau einen Abgang: Jan Kliment. Ersetzt vermutlich durch Takuma Asano. Da ich leider eher selten japanischen Fußball schaue, habe ich den nur während Olympia gesehen. Und da auch nur kurz. Ich wage dennoch zu behapten: Kliments Fußstapfen haben jetzt nicht gerade die Größe von Kindersärgen. Danke Guido.

Ich möchte zugeben: Ich habe ernsthaft befürchtet, der VfB fasse sich ein Herz und verpflichtet Kevin Kuranyi [hier können Sie wahllos Altstars einsetzen]. Der Kelch ist dank dessen Vereinslosigkeit jetzt zwar noch nicht vollständig an Stuttgart vorübergegangen; aber gehen wir jetzt einfach mal davon aus, dass man sich nicht auf karitative Zwecke besinnt. Als Schindi dem VfB die Bundesligatauglichkeit absprach kamen kurze Zeit später Hajime Hosogai und Tobias Werner. Und wieder rollten die Augen: zu alt, sportlich keine Verbesserung, auf dem Abstellgleis der ersten Liga. Das ist Humbug, sowohl Hosgai als auch Werner sind alles andere als abgehalfterte Altstars. Wer das glaubt, möge sich daran erinnern, in welcher Liga der VfB mittlerweile spielt.

Misch‘ dir einen

Werner und Hosgai haben Qualitäten, die es Luhukay ermöglichen, in anderen Mannschaftsteilen auf jüngere Spieler zu setzen. Berkay Özcan profitiert von der Erfahrung und der Mentalität Werners als Nebenmann, dass er ihn einst in Sachen sportliches Talent überflügeln soll steht auf einem anderen Blatt. Es tut nicht weh, auch einmal positive Entwicklungen zu benennen. Ja, in Stuttgart läuft bei Weitem nicht alles rund. Die Einsetzung des mutmaßlichen neuen Präsidenten hat ein mittelsäuerliches Gschmäckle, die zweite Mannschaft darbt in der Regionalliga ähnlich vor sich hin, wie zuvor in der 3. Liga, und die Jugendteams haben erfreulichere Zeiten hinter sich. Von der individuellen Qualität der vergangenen Saison ist der VfB nach den Abgängen von Daniel Didavi und Filip Kostic meilenweit entfernt. Das haben bislang alle vier Pflichtspiele bewiesen.

Aber: Den Kader, den Schindi für die 2. Liga zusammengestellt hat ist – zumindest nominell – tauglich für den Aufstieg. Im Interview mit der Stuttgarter Zeitung gibt Schindi den Physiker und sagt lediglich, man habe „der Mannschaft insgesamt mehr Substanz zugeführt“. Wenn selbst drittklassige Spieler für Millionensummen durch Europa wechseln, bleibt ihm nicht viel anderes übrig, als Abstriche zu machen in Sachen Wunschspieler. Der Vorteil: Die Chance, dass Neuverpflichtungen tatsächlich kommen, weil sie sich beweisen möchten, meinetwegen den VfB auch als Sprungbrett nutzen wollen, ist beträchtlich größer, als wenn nur das üppigere Gehalt oder der Investor lockt. Dass dann auch Leihen wie im Fall von Carlos Mané herunterfallen, ist logisch. Der zigfache Juniorennationalspieler des aktuellen Europameisters wäre wohl eher nicht in die 2. Liga gewechselt, wenn er nicht gewusst hätte: Ich habe hier zwei Jahre Zeit, mich zu zeigen. Schindi hätte Altstars verpflichten können, oder Spieler, die es woanders nicht gepackt haben. Darmstadt hat bewiesen: Auch das kann funktionieren. Der VfB will einen anderen Weg gehen, der Blick in die Zukunft könnte mehr als eine Phrase sein.

Das Wir-Gefühl

Abschließend ist es erfrischend, dass die Alleingänge vergangener Jahre wohl erst einmal der Vergangenheit angehören: In besagtem Interview zählt Schindi acht Personen außer ihm auf, die an der Kaderplanung beteiligt sind. Die mögen zum Großteil auch schon früher beim VfB gewesen sein – allzu oft genannt wurden sie weder von Fredi Bobic, noch von Robin Dutt. Die Zeit der Alleinherrscher ist vorbei, womöglich hat man das auch in Stuttgart endlich erkannt. Der nächste Schritt ist es, professioneller zu werden. Es muss endgültig Schluss sein mit dieser trägen Traditionsromantik des Rumwurschtelns, der bräsigen Behäbigkeit eines 70er-Jahre-Vereins. Der norddeutsche Technokrat Schindi könnte endlich einmal jemand sein, der Wind reinlässt in die Geschäftsstelle.

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