Ja, aber…

So lässt sich der Geburtstag feiern. Robin Dutt kann nach dem durchaus überraschenden Sieg zum Rückrundenstart etwas gemütlicher ins 52. Lebensjahr gehen. Ist dank zwei Siegen in Folge alles im Lack beim VfB?

Heimspiel in Müngersdorf? Auswärtssieg - die große Fremde. Bild: www.vfb-bilder.de

Heimspiel in Müngersdorf? Auswärtssieg – die große Fremde. Bild: www.vfb-bilder.de

Erinnert sich noch jemand an die Saison 2009/10? Es ist tatsächlich sechs Jahre her, dass der VfB Stuttgart sein letzter Hin- und sein erstes Rückrundenspiel gewonnen hat. Damals spielte man noch in der Champions League, wurde dank einer großartigen Rückserie am Ende noch Sechster. Aber lassen wir das, die Zeiten ändern sich. Sind wir mal ehrlich: Wer hielt den guten Auftritt gegen den VfL Wolfsburg nicht für eine Eintagsfliege? Wer glaubt wirklich daran, dass 2016 alles besser werden könnte? Nun sollte man nicht übertreiben, wir sprechen über einen ersten Auswärtssieg (den zweiten überhaupt in dieser Saison) oder, um den neuen Liebling der Stadt alias Lukas Rupp zu zitieren: „Dieser Sieg ist nur ein Schritt von vielen, die wir in den nächsten Wochen machen möchten.“ Das klingt jedenfalls erfreulicher als die Durchhalteparolen, die die Fans inzwischen gewohnt waren. Selbst zum Kabinen-Selfie reicht es, wenngleich sich auch der ein oder andere Gedanken darüber machen sollte, wie es mit den Übersetzungen so laufen könnte.

Schon am 18. Spieltag vier Punkte Abstand zum ersten Abstiegsplatz geschaffen, alles töfte also am Wasen. Nun, man sieht zumindest schon deutlich die Handschrift des neuen Trainers. Das Umschaltspiel funktioniert. Zu sehen war das besonders beim Ausgleichstor, ich bin geneigt es als Treffer des Willens zu bezeichnen. Filip Kostic erinnert plötzlich wieder an jenen Spieler der Rückrunde aus der vorigen Saison. Der große Profiteur des Trainerwechsels, elf Flanken hat er geschlagen, darunter sogar brauchbare. Fast 80 Prozent seiner Pässe kamen an. Kann sich alles sehen lassen. Seit langer Zeit verdient er sich mal wieder das Prädikat Spieler des Spiels. Und dann wäre da ja noch Lukas Rupp, den man auch einfach mal so ohne nachzudenken abfeiern darf. Rückblickend vielleicht der größte Transfercoup Dutts im Sommer?

Die Innenverteidigung erreicht keine höheren Weihen

Ich gebe zu: Selten habe ich die Winterpause so gelassen erlebt, wie in dieser Saison. Nicht, weil alles in geregelten Bahnen läuft beim Club der Wahl. Sondern weil es mich kaum störte, dass keine Bundesliga zu sehen war. Es ist viel passiert in den vergangenen Monaten und Jahren. Die Verve, mit der ich einst dem Freitag, Samstag oder Sonntag entgegenblickte, sie ist nicht mehr so selbstverständlich vorhanden wie früher. Man könnte sagen, dass sich die Mannschaft erst einmal wieder das verlorene Vertrauen zurückholen muss. Irgendwie ist es wie als wäre deine Geliebte fremdgegangen, du liebst sie aber abgöttisch und willst ihr noch einmal eine Chance geben.

Vielleicht ergötzte ich mich deshalb in der Winterpause auch am Transfer von Kevin Großkreutz. Er ist ein Fußballspieler, nicht unbedingt ein Mensch, den man als Fan einfach lieben muss. Und ja: Gegen Köln hat das schon ganz gut funktioniert. Seine Passquote war unter ferner liefen, mit Abstand die schlechteste aller Spieler auf dem Platz. Das könnte der mangelnden Spielpraxis geschuldet sein. Er machte das wett durch mehr als zwölf Kilometer Laufstrecke und die meisten gewonnenen Zweikämpfe beim VfB. Wie war das noch gleich mit: Der steht nicht im Saft? Fit hat er sich in Istanbul offenbar gehalten. Großkreutz – und das sollte seine Defensiv-Kollegen ängstigen – war der beste Abwehrspieler. Die Kollegen Insua, Niedermeier und Schwaab waren kraft Statistik die schwächsten Akteure von jenen, die von Anfang an auf dem Platz standen. Weiterhin, das zeigte etwa die Entstehung des 0:1, reißt der VfB hinten allzu gerne ein, was er vorne gut bis außergewöhnlich macht. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist.

Man darf sich über die jüngsten Ergebnisse freuen. Ohne Frage. Zumal deutliche Fortschritte erkennbar sind. Man sollte jedoch auch mahnen dürfen. Es läuft einiges besser, aber… Georg Niedermeier und Daniel Schwaab sind nachweislich keine Überflieger. Zweikampfquote jeweils 52 bis 54 Prozent. Die Crème de la Crème auf dieser Position gewinnt durchschnittlich etwas 15 Prozent mehr. Keiner von beiden hat sich etwas zu schulden kommen lassen, sowohl Niedermeier als auch Schwaab haben sich stets professionell verhalten und geben wohl ihr Bestes. Ob das zumindest zum Klassenerhalt taugt, wird sich erst noch zeigen müssen. Dass sich Timo Baumgartl hinter ihnen anstellen muss, lässt tief blicken. Man muss es wohl akzeptieren: Der Sieg in Köln wird wohl das letzte Domino-Steinchen gewesen sein, das fallen musste, um endgültig zur Überzeugung zu gelangen: Es wird kein neuer Innenverteidiger mehr kommen für die Rückrunde. Auch wenn das die Wenigsten wirklich begrüßen.

Nun ist es allemal besser, dass a) der VfB nicht weiter unten rein rutscht und b) Dutt deshalb keine Notkäufe tätigen muss. Man darf ihm trotzdem anlasten, dass er sich nicht rechtzeitig um eine absolut konkurrenzfähige Innenverteidigung gekümmert hat. Das hätte im Sommer passieren müssen, danach hatte er noch einmal ein halbes Jahr Zeit, in dem er offenbar verzweifelte. Ist er einfach zu wählerisch? Sind Profil, Budget und Markt schlicht nicht vereinbar, am Ende einfach die Engländer mit ihren „Mondpreisen“ schuld? Oder vielleicht doch einfach das Scouting? Die Mischung macht’s. Kein Djilobodji, kein Wimmer, kein Tasci, kein Subotic… Wurschteln wir also irgendwie durch bis Ende der Saison, werden am Ende irgendwie mindestens 15. und schauen mal, was nächste Saison passiert. Köln war ein Schritt, nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.

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Quo Vadis, Malente?

Ob hier noch ein Geist weht, muss jeder selbst entscheiden. Bild: Mundus Gregorius/ flickr.com

Ob hier noch ein Geist weht, muss jeder selbst entscheiden. Bild: Mundus Gregorius/ flickr.com

Malente. Schleswig-Holstein. Aktuelles Wetter: Zwischen 0 und 5 Grad, ziemlich nass. Ein Geist an der Verbandssportschule weht eher im Frühsommer. Dabei ging es zu den Frühzeiten der Trainingslager-Geschichte nicht gerade in Richtung Sonne, Strand und Luxus-Domizil. In den 60er- und 70er-Jahren wurden die Netzers, Bonhofs, Müllers und Seelers noch in Sportschulen einkaserniert. Gemeinschaftsklo auf dem Gang, Nachtruhe um 22 Uhr. Spätestens. Die Kicker von damals mussten sich noch mit Skat oder Schafkopf über Wasser und bei Laune halten. Im Winter ging es übrigens gar nicht erst weg von zuhause. Schließlich gab es dieses schnöde Konstrukt „Winterpause“ noch gar nicht. Trainiert wurde auf gefrorenem Platz und unter Schneebergen. Nicht mit Rolli und Handschuhen bei 10 Grad plus.

Heute fliehen bereits Drittligisten vor dem Januargrau. Und Bundesligisten reicht es längst nicht mehr, an die Algarve oder die Costa Brava zu tingeln. Es muss das ganz große Rad her: Katar, USA, Südafrika. Aus rein sportlichen Gründen natürlich. Fußballvereine – besonders wenn es die beiden Branchenführer sind – müssen sich über die politische Lage ihrer Reiseziele äußern. Ob sie es können oder nicht, spielt kaum eine Rolle. Als Repräsentanten von Sport und einer ganzen Nation, hat es eben ein Gschmäckle, wenn der FC Bayern in ein Land reist, wo die Menschenrechte nicht gerade oberstes Gut sind. Fraglos: Viel besser als an der Aspire Academy kannst du es als Profiverein nicht haben: 15 Fußballplätze, 14 Kilometer Laufstrecke, Fußballstadion mit 50.000 Sitzen, eine Fußball-Halle, Luxus-Hotels, eine Shopping Mall mit Vergnügungspark und Eislauffläche. In Europameisterschafts- und Weltmeisterschafts-Jahren ist die Winterpause immer relativ kurz. Viele Bundesligisten kürzen das Muskelwärmen deshalb auf wenige Tage runter. Sportlicher Wert oder Markterschließung? Entscheidet selbst. Übrigens: Nicht alle Clubs suchen das Weite. Schaut in die Karte für alle Standorte.

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