Standpunkt Stuttgart VIII

Bild: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Ohne Michael Reschke kein Mario Gomez. Kein Dennis Aogo. Kein Andreas Beck. Ohne Jan Schindelmeiser kein Chadrac Akolo. Kein Anastasios Donis. Kein Orel Mangala. Für immer mehr Menschen scheint klar: Reschke steht für solides fußballerisches Altholz, die Reschkerampe hat sich längst zum Hashtag entwickelt. Die Kritik am Sportmanager geht an der Realität vorbei, hinter ihr steckt verklärte Romantik. Denn er steht auch für Santiago Ascacibar (Zitat Reschke bei dessen Vorstellung: „Der Spieler (Ascacibar) ist sowohl der Scoutingabteilung des VfB als auch mir persönlich schon lange bekannt“).

Bis heute ist nicht ganz klar: Warum musste Jan Schindelmeiser eigentlich den Verein so überraschend verlassen? Just nach dem großen Erfolg Aufstieg. Weil er den für die Vereinsführung noch größeren Erfolg – die erfolgte Ausgliederung – nicht entsprechend weiter umsetzen wollte? Weil ihm das Auftreten von Präsident Wolfgang Dietrich zu forsch war, ihm die Hau-Ruck-Mentalität nicht passte? Weil der VfB bei einem Michael Reschke einfach zugreifen musste, wenn er auf dem Markt ist – um im Fußballsprech zu bleiben? Der Verein hat es versäumt oder kein Interesse daran, die Gründe für die Trennung aufzuklären.

Vor dem Start in die Bundesligarückrunde wird deutlich: Reschke und Dietrich, das scheint zu passen. Beide wollen Erfolg, notfalls um den Preis, traditionsbewusste Anhänger und/oder Fans aus der Ultra-Szene zu verlieren. Sie rangieren den VfB Stuttgart wie ein Wirtschaftsunternehmen, darin sehen sie den Auftrag nach der Entscheidung der Mitglieder über die Ausgliederung der Profiabteilung. Mit Erfolg. Der VfB Stuttgart boomt, die Mitgliederzahlen explodierten auf über 60.000 – wohlgemerkt im Jahr der Zweitligazugehörigkeit. Das Stadion ist voll, Absatzzahlen im Merchandising steigen, Kinder rennen wieder mit dem VfB-Trikot auf den Stuttgarter Schulhöfen herum. Kurz: Wolfgang Dietrich entwickelt den VfB zur Marke und Michael Reschke schafft dafür den sportlichen Unterbau. Würde es wirklich jemanden wundern, wenn nach Gomez in einem Jahr auch Sami Khedira zurück am Neckar wäre?

Reschke eckt wie Dietrich an. Seinen Transfers wird dies zum Verhängnis. Andreas Beck und Dennis Aogo sind solide Abwehrspieler, ihre Statistiken lesen sich im Bundesligavergleich ordentlich bis gut. Aber sie sind eben Reschke-Transfers. Ist es verwegen, zu glauben, Holger Badstuber würde bei all seinen Verletzungen negativer gesehen, hätte auch ihn Reschke statt Schindelmeiser verpflichtet? Mario Gomez muss daher funktionieren, und zwar sofort. Weder wird sich Michael Reschke nachsagen lassen wollen, er hätte sich bei der Stürmer-Wahl vergriffen. Noch kann es sich der VfB sportlich erlauben, ohne einen bundesligatauglichen Stürmer – Daniel Ginczek stets gute Besserung an dieser Stelle – in die Rückrunde zu gehen. 13 Hinrundentore sind schlicht zu wenig und nur deshalb nicht hochpeinlich, weil der 1. FC Köln mit zwei Handvoll Toren jedem nur noch leidtun kann.

Entsprechend schiebt sich eine Bugwelle an Erwartungen an Gomez hinauf. Hannes Wolf will die Mannschaft entgegen seiner sonstigen Spielidee auf Gomez ausrichten und beruft ihn in den Mannschaftsrat (und streicht Timo Baumgartl). In zahllosen O-Tönen der (sportlich) Verantwortlichen wird der Rückkehrer mit Vorschusslorbeeren überhäuft („Einer der besten Stürmer Deutschlands“/ „Echter Führungsspieler“/ „Glücksgriff für den VfB“). Was aber, wenn einige Testspieltore die einzigen Treffer Gomez‘ bleiben – ist er dann ein weiterer Kandidat der #Reschkerampe?

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Das Orakel aus Stuttgart

Der VfB ist ja „der FC Bayern der 2. Liga“. Alter Hut, längst ad absurdum geführt. Dennoch Anlass genug, sich von Steffen von @miasanrot inspirieren zu lassen und in Anlehnung an seine 13 Thesen zur Bayern-Saison die Rückrunde des VfB zu orakeln. Acht Thesen müssen reichen, weil: halbe Saison und ist ja nur 2. Liga. Ob es sich um Fake-News handelt, wird der Faktencheck am Ende der Saison zeigen.

8 Thesen zur Rückrunde

Bild: Adam Pretty/Bongarts/Getty Images

Der Aufstieg entscheidet sich am 21. Mai

Und damit am letzten Spieltag im Heimspiel gegen die Würzburger Kickers. Dramaturgisch toll, konzeptionell bescheiden. Warum der VfB den Aufstieg nicht vorher klarmacht? Weil derzeit zu viel dafürspricht, dass auch in der Rückrunde bis zu fünf Niederlagen runterfallen: Die Defensive wackelt beträchtlich, Verstärkungen sind (noch) nicht in Sicht, sieht man einmal von Julian Green ab; Hannes Wolf werden auch in der Rückrunde taktische Fehlgriffe unterlaufen, wenngleich sie auch seltener werden; es werden immer wieder Spiele dabei sein, die an den Null-Bock-VfB der Vergangenheit erinnern. Aber hey, ich schreibe hier nicht, dass der Aufstieg nicht klappen würde.

Alexandru Maxim entspricht den Erwartungen

Und zwar jenen, die er seit Jahren schürt. Der Durchbruch wird ihm beim VfB nicht mehr gelingen, vielleicht ist er auch in der Rückrunde gar kein Stuttgarter mehr. Wer es unter sieben Trainern unterschiedlichster Mentalität und bevorzugter Spielweise und nun auch in der 2. Liga nicht schafft, dem ist nicht zu helfen. Talent hin oder her, Maxim wird in diesem Sommer 27 und hat bei genauem Hinsehen nie bestätigt, was man sich von ihm erhofft hat. Vielleicht waren diese Hoffnungen zu groß, vielleicht leidet er unter einem unerklärlichen Phlegma, vielleicht beschäftigt er sich zu viel mit Dingen, die mit Fußball wenig zu tun haben. Beim VfB hat er jedenfalls keine Zukunft. Er wird dann eben woanders ein ganz Großer – Shinji Okazaki lässt grüßen.

Guido Buchwald und Thomas Berthold warnen weiter

Es wird sich wenig ändern. Die beiden „Legenden“ werden weiter viel zu sagen haben – ohne Substanz aber dafür mit viel Aufmerksamkeit beschert. Wenn Berthold Klartext redet und über Maxim rätselt, dann mag das damit zu tun haben, dass er tieftraurig ist und allgemein über vieles im Leben rätselt. Darüber, dass er nicht irgendein VfB-Pöstchen bekommt. Darüber, dass statt ihm der alte Kollege und Namensvetter Thomas Häßler in den Dschungel fliegt. Aber warum der VfB es zulässt, dass sein Ehrenratsmitglied Buchwald regelmäßig zur großen Selbstdarstellung ausholt, darf ein Rätsel bleiben. Was sich humorig lesen mag, ist ein tiefgreifendes Stuttgarter Problem. Zu viele Menschen meinen, sich über den Verein äußern zu müssen – möglichst öffentlichkeitswirksam, ohne dem VfB damit zu helfen. Es mag keinen Hansi Müller alias „Der Maulwurf“ mehr geben. Aber in dieser Qualität schafft das heute in Deutschland allenfalls der Hamburger SV.

Der obligatorische Panikkauf bleibt aus

31. Januar heißt: Zittertag für alle Fans. Häufig zauberte einer der in den vergangenen Jahren sportlich Verantwortlichen kurz vor knapp noch eine „echt Verstärkung“ aus dem Hut. Kleine Liste? Artem Kravets, Felipe, Federico Macheda. Von Wintertransfers sollte man generell absehen, sofern es keine Vorgriffe eines ohnehin geplanten Wechsels im darauffolgenden Sommer sind. Ich weiß, das sehen viele anders und die kommen mir jetzt vielleicht mit Serey Dié, der treusten aller VfB-Seelen. Das Risiko einer aus der Not geborenen Idee aufzusitzen ist allerdings größer, als die Chancen darauf, die Ausnahme von der Regel zu erwischen. Jan Schindelmeiser wird sich nicht zu einem solchen Schritt hinreißen lassen. Im besten Fall, weil der Kader vorab komplett ist. Im schlechtesten, weil er wenigstens einsieht, dass Notkäufe keinen Sinn ergeben.

Die Defensive bleibt das Sorgenkind

Halten wir fest: Die Vereinsverantwortlichen wissen, wo der Schuh drückt. Vornehmlich defensiv. Timo Baumgartl hat eine starke Hinrunde abgeliefert, im scheint die 2. Liga sichtlich gutzutun für seine Entwicklung. Aber bereits hinter ihm gibt es einen gewaltigen Qualitätsabfall. Benjamin Pavard ist eine starke Rolle zuzutrauen, irgendwann. Noch fehlt ihm in vielen Momenten die Sicherheit, die Erfahrung und die Abgeklärtheit. Es ist ein Risiko, die gesamte Verantwortung in der Innenverteidigung zwei gerade der Jugend entwachsenen Spieler schultern zu lassen. Auch wenn nun erneut viele sagen werden: Im Fußball gibt es die Kategorie Alter nicht mehr. Marcin Kaminski ist ein durchschnittlich guter Spieler, ausreichend für die meisten Spiele in der zweiten Liga. Aber nicht mehr. Was der Autor von Toni Sunjic‘ fußballerischen Leistungen hält, dürfte bekannt sein.
Gleichzeitig scheint eine Lösung in dieser Frage nicht in Sicht zu sein. Die Zwickmühle für Schindelmeiser: Einen Spieler zu verpflichten, der auch in einer möglichen Bundesliga-Saison 2016/17 weiterhilft und eine feste Größe wird. Dass weder Holger Badstuber per Leihe kommt, der wohl ernsthaft in den Überlegungen eine Rolle spielte, ist ebenso gut, wie eine Nicht-Rückkehr von Serdar Tasci, um den es auch nur allenfalls halbgare Gerüchte gab. Ersterer ist – so schade das für ihn sein mag – einfach ein gesundheitliches Risiko und beschäftigt womöglich lediglich die Reha-Welt. Letzterer wäre die romantische Nummer gewesen: Rückkehrer, einer von uns. Das geht selten gut. Seltsamerweise sind diejenigen, die Tasci fordern, genau diejenigen, die in Christian Gentner den gescheiterten Rückkehrer und Wurzel allen Stuttgarters Schlendrian-Übels sehen.

Die VfB-Jugend liegt weiter brach

Zugegeben, eine bittere These. Aber gefühlt ist die Konkurrenz in Sachen Nachwuchsarbeit dem einstigen Vorzeigeverein VfB Stuttgart entwachsen. Und das liegt nicht daran, dass die Youngster gerade im Sindelfinger Glaspalast gegen die Kollegen aus Hoffenheim das Finale verloren haben.
Der VfB war ein Pionier, zu Zeiten, in denen nur wenige Clubs etwas auf einen funktionierenden Nachwuchs gaben. Leider kann er sich von dieser antizyklischen Arbeit heute wenig kaufen, außer regelmäßig in der Presse aufzutauchen unter der Schlagzeile: „Diese Nationalspieler haben eine VfB-Vergangenheit.“ Es ist lange her, dass ein Stuttgarter Jugendspieler den Durchbruch auch beim VfB geschafft hat. Timo Baumgartl ist immerhin drauf und dran, Berkay Özcan dagegen ist der Schritt nicht zuzutrauen. Ansonsten verlassen die Talente den VfB reihenweise bereits in der Jugend. Arianit Ferati und nun Max Besuschkow sind nur zwei Beispiele, denen viel zuzutrauen ist. Mittlerweile geben sich auch die Clubchefs bedeckter, was die Rückkehr zu den „Jungen Wilden“ Version XY angeht. Es ist weder ein neuer Kevin Kuranyi oder Aliaksandr Hleb in Sicht, und schon gar kein neuer Sami Khedira oder Mario Gomez.

Wolfgang Dietrich liefert keine Schlagzeilen

Für viele kommt diese These einer Traueranzeige gleich. Einmal großes Menno! Sie hätten sich gewünscht, dass sich Dietrich krachende Fehlgriffe leistet. Dass er in Stuttgart als Präsident so beliebt wird, wie Donald Trump in der freiheitlichen Welt. Ist nicht passiert. Weil Dietrich ein Kommunikations-Profi ist, anders als seine Vorgänger. Weil er weiß, was er wann, wie und wo zu lancieren hat. Und was besser nicht. Er weiß genau: Über seine umstrittene Wahl muss Gras wachsen, gelingt mit mir der Aufstieg, sieht die Welt anders aus. Dietrich bleibt im Hintergrund, auch in der Rückrunde. Sprechen lässt er den Vollprofi Schindelmeiser und everybodys darling Hannes Wolf.

Kevin Großkreutz sitzt nackend auf dem Crosstrainer

Zurück in Stuttgart! #2017

Ein von Simon Terodde (@simonterodde9) gepostetes Foto am


Wisst ihr Bescheid…

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Endlich Mittelmaß

Man muss sich ziemlich lange die Augen reiben als Fan des VfB Stuttgart. Punktausbeute aus den vergangenen vier Spielen: Zwölf. Das gab es zuletzt irgendwann um die Jahrtausendwende – fast zumindest.

Samstag, 17.30 Uhr - der Würfel in Frankfurt sitzt. Bilder: www.vfb-bilder.de

Samstag, 17.30 Uhr – der Würfel in Frankfurt sitzt. Bilder: www.vfb-bilder.de

Wer erinnert sich eigentlich noch an den 7. Mai 2011? Auch in jener Saison war der VfB Stuttgart lange nicht vorm Abstieg gefeit. Erst durch einen Endspurt machte die Mannschaft, damals noch von Bruno Labbadia trainiert, den Klassenerhalt klar. Jürgen Kramny war damals schon beim VfB, es war sein erstes Jahr als Trainer der zweiten Mannschaft. Wie ist das eigentlich mit der Unternehmenshierarchie beim VfB? War Kramny damals eine Stufe unter Labbadia? Und wie hat Armin Veh das gehandhabt? Jedenfalls: Beide hatten gegen den einstigen „Lehrling“ das Nachsehen.

Ich gebe zu: Ich war skeptisch, als Kramny übernahm. Erst recht, als er von der Interims- zur Dauerlösung aufstieg. Ich dachte sogar ähnlich wie Fredi Bobic. Kein schlechter Mann, ja. Aber Bundesliga? Hat der nette Herr, den ich im Medienräumchen des Höhen-Stadions in Degerloch Kaffee schlürfend kennenlernen durfte, die Härte und das Charisma für den Job? Kurz gesagt: Mea maxima culpa. Kramny macht das dermaßen gelassen und seriös, dass es einen leicht schaudert. Wo nimmt er diese Ruhe her? Stilistisch eignet er sich als das Antipod zu Vorgänger Alexander Zorniger, der immer etwas zu aufgedreht wirkte. Kramny kommt an, Erfolg macht eben doch sexy. Ob er wirklich der tätschelnde Onkel-Typ ist, zu dem er aktuell in den Medien gemacht wird, darf hinterfragt werden. Aber er kann Menschlichkeit und das ist es, was die Spieler im Moment wohl brauchen. Neben der Tatsache, dass er sie gemäß ihrer Stärken aufstellt. Und nicht in ein theoretisches taktisches Konstrukt zwängt, wie in eine zu eng gewordene Jeans. Was wäre wohl gewesen, wenn… Zu schade, dass der Fußball so schlecht Konjunktiv verträgt.

Willkommen im Mittelmaß

Stuttgart steht auf dem ersten Tabellenplatz der Rückrundentabelle. Sei’s drum. Wichtig ist nicht die Rückkehr ins Mittelfeld der Tabelle. Klar dürfte man sich freuen, wenn man mal wieder 15 Sekunden kürzer warten muss, wenn die Tabelle eingeblendet wird, weil der VfB in der ersten Hälfte platziert wird. Im Moment zählen jene fünf Punkte. Das ist der Abstand zum Relegationsplatz. Wäre es nicht schon eine Wonne, zur Abwechslung mal wieder nicht bis in den Mai rechnen zu müssen? Wie viele Siege brauchen wir noch? Gegen wen könnte gepunktet werden? So eine Saison trocken zuende zu spielen – das hätte schon etwas.

Was die Seele allerdings noch viel mehr streichelt: Man wacht am Spieltag nicht mehr mit diesem Missmut auf. Ergebnisse hin oder her, es macht wieder Spaß dem VfB zuzuschauen. Ich hätte damit nicht mehr gerechnet. Denn Kramny lässt keinen biederen Hausfrauen-Fußball spielen, nur um Punkte einzufahren – so legitim das auch wäre. Den Kommentatoren im Fernsehen ist anzuhören, wie sehr es ihnen Spaß macht, die Spiele zu begleiten. Beispiele gefällig? Das 1:0 am Samstag, ein Konter wie aus dem Lehrbuch, das 2:0 per Seitfallzieher von Daniel Didavi. Dass ausgerechnet „Und-kommt-mir-nicht-mit-Niedermeier“ den Rückschlag nach der Halbzeit wieder zurecht rückt: eine Geschichte für sich.

In der aktuellen Form muss es einem nicht mehr bange sein um den VfB Stuttgart. Nicht gegen den Tabellendritten Herha BSC Berlin in der kommenden Woche, nicht gegen den Tabellenvierten Schalke 04 in der Woche darauf. Vielleicht nicht einmal gegen Borussia Dortmund am Dienstag. Zum Zeitpunkt der Auslosung zählte man im Geiste schon die Gegentore, stellte sich vor, wie Pierre-Emerick Aubameyang die Defensive zerlegte. Times are ‚a changin‘.

Mann des Spiels

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