Standpunkt Stuttgart I

Disclaimer: Wie angekündigt, wird sich das Tragische Dreieck mit Beginn der Saison 2017/18 inhaltlich ändern. Ihr findet hier ab sofort einen Kommentar zum VfB Stuttgart mit gelegentlichen Ausflügen in die übrige Fußballwelt. Deutlich kürzer als früher, dafür wöchentlich. Da es sich um meine Meinung handelt, freue ich mich auf Reaktionen und Kommentare. Cheers.

Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Nein. Der VfB Stuttgart hätte auch mit Sportchef Jan Schindelmeiser nicht in Berlin gewonnen. Auch wenn zuletzt ein anderes Bild vermittelt wurde: Unruhe in die Mannschaft bringt die Entlassung ihres Sportchefs nicht. Mit Michael Reschke hat ein Profi den anderen ersetzt. Unruhe in das Umfeld bringt sie freilich schon, sie hinterlässt Fans und wohl auch viele Mitarbeiter, die sich fragen: Warum? Und vor allem: Warum jetzt?

Die beiden entscheidenden Fehler in der Abwehr wären mit Schindelmeiser ebenso geschehen, wie sie es nun mit Reschke sind; Takuma Asano hätte ebenso den Pfosten getroffen und den Ball nicht zuvor quer gelegt. In den Zeitungen wird morgen stehen: Der VfB musste Lehrgeld zahlen und weiß spätestens jetzt, wie schwach die 2. Liga im Vergleich zur Bundesliga besetzt ist.

Schindelmeisers Entlassung wirft ungeachtet der Auftaktniederlage ein sehr schlechtes Licht auf das Gebaren von Präsident Wolfgang Dietrich. Sie ist unprofessionell, vor allem wegen ihres Zeitpunkts kurz vor Beginn der Saison und nachdem der VfB wesentliche Transfers getätigt hat. Sie hinterlässt den Eindruck: Treffen zwei starke Egos aufeinander, will und wird Dietrich als Gewinner hervorgehen. Und sie hinterlässt die Frage: Wie schnell reagiert er gegenüber dem Trainer bei Misserfolgen identisch? Dass mit Reschke ein patenter Nachfolger präsentiert wird, mag ein Trost sein. Es ändert jedoch nichts am Nimbus des Alleinherrschers, der Wolfgang Dietrich spätestens jetzt anhaftet. Die Fans, allen voran die Mitglieder unter ihnen, dürfen sich getäuscht fühlen. Haben sie doch unter der Voraussetzung mit überwältigender Mehrheit für die Ausgliederung gestimmt, dass Jan Schindelmeiser diese in sportlichen Erfolg ummünzen soll.

Hört man sich im Umfeld des Clubs formerly known as Verein um, bekommt man von einem angeblichen Zerwürfnis zwischen Jan Schindelmeiser und den Mitarbeitern des VfB Stuttgart wenig mit. Viel mehr deutet auf einen Machtkampf zwischen Präsident und Sportvorstand hin. Ein starker Präsident, ein starker Aufsichtsrat eines Unternehmens kann Reibungen in Erfolg verwandeln. Gegenläufige Meinungen nicht dulden zu wollen, einen internen Widersacher zu entlassen ist dagegen ein Zeichen von Schwäche.

Facebooktwitterrss

Beherrscht euch – Was an der Diskussion über die Verrohung des Fußballs falsch läuft

 

Fans randalieren, Trainer rasten aus, Spieler treten ihre Gegner vom Platz. Man könnte den Eindruck bekommen, der Fußball habe zuletzt seine Unschuld verloren. Warum das nicht so ist.

Bengalos beim Spiel zwischen dem KSC und dem VfB. Folklore oder ein Zeichen für die Verrohung der Fans? Bild: www.vfb-bilder.de

Bengalos beim Spiel zwischen dem KSC und dem VfB. Folklore oder ein Zeichen für die Verrohung der Fans? Bild: www.vfb-bilder.de

Zwei Derbys, zwei Hochrisiko-Spiele, tausende Polizisten im Einsatz. Die gute Nachricht: Am Wochenende ist es sowohl nach den Spielen zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04, als auch zwischen dem Karlsruher SC und dem VfB Stuttgart bis auf wenige Ausnahmen ruhig geblieben. In den letzten Tagen wird der Eindruck vermittelt: Alle am Fußball Beteiligten hätten die Kontrolle verloren. Trainerausraster hier, Rüpel-Fouls dort, unfaire Torjubel hier, tobende Hooligans dort: Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten, neigen gerade dazu, all dies in einen Topf zu werden und einmal kräftig umzurühren. Heraus kommt eine tiefschwarze Suppe mit bitterem Geschmack. Das tut der Diskussion um die tatsächlichen Probleme rund um den deutschen Fußball nicht gut.

Wir Menschen tendieren dazu, Dinge gerne möglichst simpel einzuordnen. Wir malen schwarz und weiß, grau fällt uns schwer. Es dauert schlicht zu lange und verbrennt zu viel wertvollen Hirnschmalz, Dinge einzuordnen, sich Gedanken zu machen, zu differenzieren. Diese Denkweise ist längst im Fußball angekommen und hat viel mit seiner – nennen wir es einmal – Akademisierung zu tun. Dem Fußball geht sein Prollo-Image verloren, seine Erdig- und Galligkeit; das, worüber man gerne am Stammtisch diskutiert.

Die Schmidts gab es schon immer

Nun mag Leverkusens Trainer Roger Schmidt eine schlechte Kinderstube gehabt haben, jedenfalls hat er nun schon häufiger mangelnde Höflichkeit erkennen lassen. Aber warum seine wenig gewählten Worte in Richtung Julian Nagelsmann für eine wochenlange Diskussion über Moral und Anstand herhalten müssen, muss mir erst noch erklärt werden. Die Aufregung zeugt davon, dass die Bundesliga mit Fußball nur noch wenig zu tun hat. Selbst Nagelsmann selbst konnte ob der „Beschimpfung“ nur mit den Schultern zucken. Wer jemals auch nur in der Nähe eines Fußballplatzes war, der nicht von beheizten Schalensitzen umsäumt war; wer eine Tochter oder einen Sohn hat, die sich am Wochenende über die Dorfplätze quält, der wird sich folgendem zustimmen können: Ja, so ist das halt, da fallen schon einmal auch Worte, die eher nicht den Regeln des Knigge gerecht werden. Und dass Schmidt als Mensch der Öffentlichkeit eine Vorbildfunktion habe und solche Worte deshalb nicht wählen dürfe? Auf dem Schulhof fallen noch ganz andere Begriffe.

Nun könnte man es dabei belassen. Doch die Causa Schmidt wird derzeit als Beweis herangezogen, warum dem Fußball angeblich seine Unschuld verloren gegangen sei. Das ist Humbug und verhindert eine Auseinandersetzung mit den wirklich unschönen Entwicklungen im Fußball. Polternde, schimpfende Trainer mit Hang zum Choleriker hat es schon immer gegeben. Ohne einen Werner Lorant, einen Max Merkel würden wir heute seltener lachen. Früher scheint es allerdings dazu gehört zu haben, auch mal schmuddelig zu werden. Fußball ist ja eh was für Männer, da darf er auch kernig sein. So lauteten die Klischees damals eben. Heute bieten die Clubs Familien-Blocks an, Kinder schauen zu (das haben sie früher übrigens auch schon), Mädels verbringen ihren Junggesellinenabschied im Stadion, Geschäftsleute laden ihre Partner zu Verhandlungen in Arenen ein, die jährlich ihren Namen wechseln. Klar, für die Kommerzialisierung wird es keine Bremse mehr geben. Der Punkt ist überschritten und dies soll auch kein letzter Hilfeschrei an den „guten alten Fußball“ werden. Wer weiß, womöglich werden in 20 Jahren die Begegnungen Allianz Bayern gegen VW Wolfsburg oder Mercedes Stuttgart gegen Wiesenhof Bremen heißen, werden wir alle personalisierte Tickets haben, wird das Spiel alle 15 Minuten von Werbung unterbrochen. Das ist ein wahres Problem, um das es hier aber nicht gehen soll.

Wer anderen den Tod wünscht, hat den Schuss nicht gehört

Aber wer legt eigentlich fest, dass eine Lebensart – für viele gehört der Gang ins Stadion genau hierzu – sich seinen neuen Umständen anpassen kann? Und es nicht andersherum nicht viel einfacher und normaler wäre? Fußball ist ein Gutteil auch Folklore, das wöchentliche Volksfest des kleinen Mannes. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Leute, die den Fans des nächsten Gegners den Tod wünschen, die ankündigen, sie bewusst verletzten und jagen zu wollen (geschehen vor und während den beiden Derbys am Wochenende in Form von Fahnen, Bannern und Plakaten und teilweise von den Bezahlfernseh-Kameras festgehalten), haben weder in der Bundesliga, noch in der Kreisliga etwas zu suchen. Genauso wenig wie Leute, die Fahnen oder Maskottchen-Kostüme stehlen und diese anschließend verbrennen. Aber wer diese Idiotie mit wütenden Trainern in Zusammenhang bringt, oder mit der möglicherweise respektlosen Art, sein Tor mit einem Selfie zu bejubeln, macht einen großen Fehler. Wenn überhaupt, dann wird vielleicht unsere gesamte Gesellschaft roher, abgestumpfter. Aber sicher nicht der Fußball im Besonderen.

Zweikämpfe gehören auf den Rasen. Und da sind sie eben auch Teil des Spiels, einer der Aspekte, der das Spiel neben Toren spannend macht. Soll es sie bald nicht mehr geben? Weil die Spieler Vorbilder sein sollen? Ich sehe Eltern vor mir, die ihren Kindern die Augen zuhalten, ob des „Horrors“, den sie da auf dem Platz sehen. Während diese sich nach Abpfiff gemütlich den nächsten Shooter auf die Playstation laden. Dass Dortmunds Trainer Thomas Tuchel auch noch in dieses Horn stößt und über eine angeblich unfaire und überharte (aber nicht belegbare) Gangart der Gegner gegen seine Mannschaft klagt, ist mehr als fragwürdig. Dass er sich eine Woche später über ein „Fußballspiel für Männer“ freut, trägt nicht gerade zu seiner Glaubwürdigkeit bei.

Es gibt echte Probleme im Umfeld des Fußballs, auch in Deutschland. In immer mehr Städten wird die Hooligan-Bewegung wieder stärker, findet immensen Zulauf. Menschen, die nichts mit Ultras zu tun haben (eine Schande, dass dies immer wieder erwähnt werden muss), sondern lediglich den passenden Anlass suchen, sich auf die Fresse zu hauen. Mit Fußball haben sie nichts zu tun, hätten sie ihn nicht, würden sie als Anlass für ihre stumpfen Wald-und-Wiesen-Feste etwas Anderes finden. Nur weil ein Trainer ausfallend wird, weil Spieler inzwischen auf lächerliche/lustige/innovative/seltsame/unfaire (sucht es euch aus) Ideen kommen, ihr Tor zu bejubeln, wird „der Fußball“ noch lange nicht roher. Reagieren wir nicht bald mit etwas mehr Augenmaß, dann blüht uns bald der Verlust des letzten Bisschen Originalität und Glaubwürdigkeit.

Facebooktwitterrss