Standpunkt Stuttgart VII

Bild: Thomas Niedermueller/Bongarts/Getty Images

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Glaubwürdigkeit ist ein hohes Gut. Wolfgang Dietrich tritt es mit Füßen. Mit großem Rummel hat die Marketing-Abteilung des VfB Stuttgart für die Ausgliederung der Profi-Abteilung geworben. Ein Punkt unter vielen: Unsere Partner sollen aus der Region kommen. Wie hübsch doch die Industriehallen auf der Baden-Württemberg-Karte im Erklärvideo dampfen. Schritt um Schritt verabschiedet sich Dietrich von Ankündigungen, die noch kein halbes Jahr zurückliegen. Frei nach der Redewendung: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Sie zeugt von Großmannssucht, Arroganz und Überheblichkeit. Alles Eigenschaften von Wirtschaftsbossen, die ein Licht darauf werfen, in welche Richtung Wolfgang Dietrich den VfB entwickeln möchte.

Es wird nicht der Großteil der Mitglieder gewesen sein, die gerade wegen des Vertrauens auf regionale Partner für die Ausgliederung gestimmt haben. Vielleicht aber waren es genug, um die erforderliche Mehrheit zustande bringen zu können. Nun sagt Dietrich, es sei „zweitrangig“, ob die Partner aus der Region kommen. Er hätte auch sagen können: Es ist egal. Plötzlich ist von Fonds und Investoren die Rede. Einzige Maßgabe ist laut Dietrich „das Ziel, den Verein erfolgreicher zu machen“. Es könnte ein Versprecher sein, dass er vom „Verein“ spricht – oder blanker Zynismus. Tatsächlich hätte er sagen können: Hauptsache, die machen uns die Taschen voll – notfalls auch mit Geld aus China, Katar oder Dingelskirchen.

Mit der Entlassung von Jan Schindelmeiser hat das Präsidium zum ersten Mal Glaubwürdigkeit vermissen lassen. Die Andeutungen für die Öffnung der VfB-AG für Investoren und Fonds ist ein weiterer Schlag ins Kontor. Dietrich ist kein Mann fürs Volk, sondern für den Erfolg. Er will den VfB Stuttgart auf links drehen und vergisst dabei die Fußball-Romantik von Fans und Mitgliedern. Das zeugt davon, wie sicher er sich seiner Position ist.

Die Stimmen werden lauter, die auf den ganzen Wahnsinn Fußball-Geschäft keine Lust mehr haben. Die um Himmels Willen vermeiden wollen, dass irgendwelche Investoren die Bundesliga oder sogar den eigenen Verein regieren – selbst, wenn das den ein oder anderen Platz in der Tabelle kostet. Dass Wolfgang Dietrich gerade jetzt in eine andere Richtung argumentiert, mag selbstbewusst wirken. Doch es geht an den Belangen der Fans vorbei.

Danke

Auf die Idee, noch einmal nach dem Sendung-mit-der-Maus-Video zu suchen, hat mich Lennart Sauerwald mit seinem Tweet gebracht. Danke dafür.

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Standpunkt Stuttgart V

Bild: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Bild: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

64,35 und 2,38 Millionen Euro. An diesen beiden Zahlen wird der VfB Stuttgart heute gemessen. Es handelt sich um den gesamten beziehungsweise durchschnittlichen Marktwert des Kaders. Zumindest wie sie das einschlägige Portal angibt. Hört man sich bei den Vereinen – nicht nur beim VfB Stuttgart – um, wundert man sich: Warum hat transfermarkt.de eigentlich noch keine neue Kategorie eingeführt? Wiederverkaufswert könnte sie heißen.

Zugegeben, diese Kategorie wäre hanebüchen, weil die Zahlen schlicht geraten sein müssten. Verletzungen, Formdellen, schlechte Berater – all das und mehr müsste sie einbeziehen. Sie drückte dennoch aus, worum es den Clubs zu gehen scheint: Wer erwischt den neuen Ousmane Dembélé oder zumindest den neuen Maximilian Philipp? Mit anderen Worten: Wer erwirtschaftet mit seinen U-20-Neuzugängen in nicht allzu ferner Zukunft das meiste Geld? Ihren sportlichen Mehrwert nehmen die deutschen Fußballsportchefs für den Moment noch so mit. Aber es erschreckt, wie unverblümt mittlerweile betont wird, dass Spieler X eine wirtschaftlich wichtige Verpflichtung ist.

Natürlich wussten sowohl Vereine wie der SC Freiburg als klassischer Ausbildungsverein wie der VfB als Durchgangsstation schon immer, dass die besten Spieler nicht ewig im Breisgau oder am Neckar bleiben würden. Aber man hat den Fans immerhin den Eindruck vermittelt, den Stars von morgen den eigenen Verein noch das ein oder andere Jahr schmackhaft zu machen. Schwer vorstellbar, dass ein Spieler namens Sami Khedira in der heutigen Fußballwelt vier Jahre für den VfB in der Bundesliga spielen würde. Der Wiederverkaufswert ist der Identifikation mit dem Verein längst entwachsen. Santiago Ascacíbar oder Chadrac Akolo spielen auch deshalb heute in Stuttgart, weil sie bald teuer weiterverkauft werden sollen.

Bei aller Freude über die guten Leistungen von Chadrac Akolo, Santiago Ascacíbar, Orel Mangala oder Benjamin Pavard schwingt mehr denn je die Freude darüber mit, dass ihr Verkaufswert damit Ende der Saison bereits ungeahnte Höhen erreichen könnte. Das ist wirtschaftlich verständlich, für Fußballromantiker allerdings eine mühevolle Aufgabe. Sie müssen sich umorientieren. Bloß nicht zu viel identifizieren mit den Neuen, bloß keinen neuen Liebling mehr suchen. Denn der ist schneller weg, als man seinen Nachnamen der Rückennummer zuordnen kann.

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Standpunkt Stuttgart IV

Bild:  Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Bild: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Die Verantwortlichen des VfB Stuttgart sollten sich mit ihrer Wortwahl zügeln. Weder ist jemand ein Vollidiot, der Spieler als Notlösung erachtet. Noch ist dieser jemand ein Fortschrittverweigerer, wenn er sich kritisch zur Ausgliederung positioniert. Bisher waren Fans in Stuttgart froh, dass man frei vom Hannoverschen Gepolter à la Martin Kind ist. Einige der jüngsten Aussagen der VfB-Bosse greifen ähnlich tief ins Regal.

Zurecht ereifert sich halt Deutschland über den Zungenschlag und das Gebaren einiger Ultra-Gruppierungen. Ob gesprochen oder verkleidet: Krieg hat im Fußball nichts verloren. Ob gegen den DFB, die Fifa oder noch viel fragwürdige Organisationen. Die Folge: Ultras werden pauschal mit Hooligans gleichgesetzt, das eigentliche Problem bleibt damit aber verkannt.

Kritisch zu sein, muss erlaubt sein. Dass einige Fans in Stuttgart Dennis Aogo und Andreas Beck – und vielleicht sogar Holger Badstuber – als Notlösungen zum Plan A bezeichnen, mag für die Betroffenen schmerzlich sein. An der Sache vorbei geht es eher nicht. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst sind, wissen die drei auch von der ihr vorerst zugedachten Rolle. Zu lange dokterten sie beim VfB an den vermeintlich großen Namen als Neuzugänge herum – für die drei Verteidigerpositionen, die nun von den oben genannten Herren besetzt sind. Grundsätzlich wäre es nicht einmal falsch, Aogo, Badstuber und Beck als bedeutende Stabilisatoren einer sonst talentierten aber sehr unerfahrenen Bundesligamannschaft zu bezeichnen.

Falsch bleibt aber, jene die das anders sehen als Vollidioten zu beschimpfen. Der neue Sportchef Michael Reschke folgte nun auf eine, wenn man ihn zu kennen meint, überraschend unangenehme Weise dem Ton des Präsidenten. Der hatte Kritiker an der durchgesetzten Ausgliederung als Fortschrittsverweigerer bezeichnet. Pauschal und ohne Not. Wer mit Argumenten zu überzeugen weiß, muss niemanden beschimpfen oder herabwürdigen. Schon gar nicht die, die dem Verein bereits die Stange hielten, lange bevor dort auch nur das Wort Aktiengesellschaft zum ersten Mal ausgesprochen wurde. Diese Wortwahl wirkt überheblich, abgehoben und ist Wasser auf die Mühlen der Hasser des Systems Profifußball.

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