Mit Ansage

Die Trauer nach dem Abstieg des VfB Stuttgart hält sich in bizarren Grenze. Der sportliche Absturz kam zu schleichend, um schockiert zu sein. Der Traum vom Durchmarsch in der 2. Liga – er muss erst noch dem Faktencheck standhalten.

Der VfB Stuttgart darf sich künftig auf echten Fußball freuen.

Der VfB Stuttgart darf sich künftig auf echten Fußball freuen.

So fühlt es sich also an, abzusteigen. Ich kann meine eigene Gefühlswelt nicht so richtig ernst nehmen. Abstieg? Da tauchen vor meinem inneren Auge am Boden zerstörte Fans auf, da sitzen Spieler konsterniert und fassungslos auf dem Rasen und in irgendeiner Katakombe liegt Andy Brehme schluchzend in den Armen von Rudi Völler. Aber dieser unerklärliche Gleichmut – darf der sein? Muss ich mich dafür schämen? Zugegeben, so richtig realisiert hat man den Abstieg auch am Tag danach nicht; versuchte den Verarbeitungsprozess auch irgendwie hinauszuzögern und einfach nicht schlafen zu gehen.

Nun machten es einem die Spieler auch nicht gerade leicht, mitzuleiden. Als um 17.21 Uhr abgepfiffen war standen sie da, mit Händen in den Hüften. So wie eben nach einer der unzähligen Niederlagen der vergangenen Wochen zuvor. Stimmungslage: Tja nun. Lag vielleicht auch daran, dass der Abstieg in den beiden Spielen gegen Bremen und Mainz eingetütet wurde. Sie wollten nach dem Spiel auch nicht mehr zu nah an die Fans herantreten, die ihnen zunächst „Vorstand raus“ und schließlich „Versager. Alle raus.“ entgegen schmetterten.

Ich hatte mir erhofft, der VfB haue gegen die Schönwetterkicker aus Wolfsburg noch einmal einen raus, verabschiedet sich wenigstens mit Würde aus der Bundesliga. Das war nicht der Fall. Stuttgart spielte wie eine Mannschaft, die sich den Abstieg redlich verdient hatte; wie eine Mannschaft, die nicht mehr an sich glaubte (wenn sie überhaupt je an sich geglaubt hatte). So wurden meine Augen auch nur ein einziges Mal kurz feucht – als ich Jürgen Kramny schwer getroffen auf der Bank sitzen sah. Vermutlich wusste er zu diesem Zeitpunkt bereits, dass er ab heute nicht mehr Trainer der Profis sein wird. Es wird nicht der Job-Verlust gewesen sein, der ihn zu Tränen rührte. Kramny sieht sich als VfBler, ein Prädikat, dass nicht vielen im Verein zuteil wird. Dem Vernehmen nach soll er zurück zur zweiten Mannschaft kehren und darf zumindest dort dafür sorgen, einen seiner zwei Abstiege wieder vergessen zu lassen. Seine Rückstufung ist dennoch folgerichtig. Kramny hat es nicht geschafft, eine Mannschaft in der Liga zu halten, die für „die 2. Liga ja viel zu gut ist“.

Keine Bauernopfer

Wichtig ist nun: Kramny darf kein Bauernopfer sein. Er sollte der erste Kegel sein, der fällt. So bitter er ist: Der Abstieg muss – jetzt darf man das endlich sagen – dafür genutzt werden, das einiges anders läuft in Stuttgart. Zweitklassigkeit passt zum stolzen Selbstverständnis in Stuttgart in etwas so gut wie Tofu-Würstchen zu Linsen. Der Abstieg darf nicht mehr als ein Ausrutscher sein. Selbst Stuttgarts OB Fritz Kuhn – ausgewiesener Bayern-Fan – fühlt sich bemüßigt, aus dem Urlaub zu verkünden: „Das Projekt Wiederaufstieg hat schon gestern mit Schlusspfiff begonnen.“ Angeblich trafen sich gestern Abend noch die Granden des VfB und debattierten über die Zukunft. Konkret soll es dabei, neben Kramny, auch um Robin Dutt und Bernd Wahler gegangen sein. Offenbar wird Präsident Wahler zurücktreten. Alles andere wäre eine große Blamage – für ihn als Person und für den Verein. Wahler beschäftigte sich ausgiebig mit der heißgeliebten Ausgliederung, wies die baldige Rückkehr in die Champions League überschwänglich als Ziel aus, während sich der VfB langsam sportlich bedeutungslos machte. Mit einem selbst gewählten Rücktritt würde Wahler zumindest die Schmach umgehen, die ihm bei der Mitgliederversammlung Mitte Juli blühen würde. Statt Königsklasse steht in seinem Arbeitszeugnis die größte Enttäuschung der Vereinsgeschichte seit mehr als 40 Jahren.

Jürgen Kramny ist der erste Kegel der fällt: Er wird in der kommenden Saison nicht mehr Cheftrainer sein. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Jürgen Kramny ist der erste Kegel der fällt: Er wird in der kommenden Saison nicht mehr Cheftrainer sein. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Auch für Sportvorstand Dutt dürften die Tage am Wasen gezählt sein. Er hat seine Amtszeit mit markigen Worten begonnen, das war mutig und machte Fans und Medien glücklich. Endlich einmal einer, der dazwischen haut, der aufräumt. Dutt hatte keine leichte Aufgabe in Stuttgart: Ein mit Spielern der untersten Mittelklasse gespickter Kader und ein von bräsiger Vetterleswirtschaft durchwirkter Verein – das ad hoc zu ändern, ist schier unmöglich. Vielleicht war Dutt sogar nahe dran. Kaum jemand hätte ihm zugetraut, vor der Saison den Kader derart auszudünnen; einige Spezis, die rund um den VfB irgendetwas zu sagen zu haben glaubten, sind verschwunden. Reicht halt nicht, wenn man keine Abwehr zusammengestellt bekommt, die diese Bezeichnung verdient hätte. Das Geschäft ist hart, Missgriffe darf man sich in der Bundesliga nicht ohne Konsequenzen erlauben. Niemand in Stuttgart wird so gnädig sein und Dutt zutrauen, beim VfB den Hertha’schen Preetz-Weg zu gehen, der sich seine Sporen erst in der Zweitklassigkeit der Berliner verdiente.

Selbstläufer? Mitnichten!

Das Erfreuliche am gestrigen Tag (und bis heute): Häme und Spott sind erstaunlich spärlich ausgeschüttet worden. Monatelang hatte man sich ja in Fußballdeutschland ein wenig beeumelt über die unfähigen Schwaben, ihren zwischenzeitlichen Hau-Drauf-Trainer, die Witz-Abwehr. Im Moment herrscht eher Mitleid und Zuspruch und ja: auch eine gewisse Traurigkeit. Offenbar hätten sich doch viele gewünscht, nächste Saison gegen den VfB statt gegen Leipzig zu spielen. Ein kurzes, aber von Herzen kommendes Dankeschön an euch. Und an die wenigen Versprengten, die jetzt ihren Spaß am VfB-Abstieg finden: Mei, geht’s Champions-League-Finale in Mailand gucken – am Fernseher.

Es bereitet nun etwas Sorgen, dass kollektiv damit gerechnet wird, der VfB kehre nach einem Jahr selbstverständlich wieder zurück ins Oberhaus. Das kann so laufen, klar. Durchmarsch, Meisterschaft (yeah!), gereinigte und wiedererstarkt back in business. Muss es aber eben nicht. Es wird ja gerne von der „stärksten 2. Liga aller Zeiten“ gesprochen, jedes Jahr. Aufgrund Unkenntnis wage ich das nicht zu beurteilen. Zu selten sah ich bisher die 2. Liga. Ein Problem, das auch die Spieler haben. Zweitligaerfahrung hat im Kader so gut wie niemand. Dort wird anders gespielt, heißt es. In a nutshell: Mehr Zweikämpfe, weniger technisches Bohei. Da muss man als VfB-Fan schlucken, gerade in Sachen Zweikämpfen hat man sich ja nun zuletzt nicht gerade einen Ruf der Extraklasse erarbeitet. Hinzu kommt: Abwarten und auf Konter spielen wird kommende Saison nicht mehr möglich sein. Nahezu alle Mannschaften werden im VfB den Favoriten ausmachen. Es könnten uns verdammt eklige Spiele drohen. Ein Trainer, der dies aufzufangen weiß, der womöglich die zweite Liga kennt, wäre nicht die verkehrteste Verpflichtung.

Zum Abschluss des gestrigen Tages erlebte ich mich dann noch bei etwas, was ich seit Jahren nicht mehr tat: Ich dachte über den Reiz nach, den es mir bereiten würde, für die nächste Saison eine Dauerkarte zu erstehen. Genau jetzt. Davor befasse ich mich ein wenig mit den kommenden Gegnern, ein wenig freue ich mich darauf, mal nicht gegen Schalke, Leverkusen, Bayern und Co. zu spielen. Kennt man ja alles: Trikots, Stadien, Gesänge. Dresden, Sandhausen, Union – das hat schon was. Einzig an die Anstoßzeiten muss ich meinen Biorhythmus noch anpassen.

Facebooktwitterrss

Zeit zu gehen

Der VfB Stuttgart und die erste Bundesliga gehen in der kommenden Saison wahrscheinlich getrennte Wege. Man hat sich jahrelang auseinander gelebt und scheidet in Frieden.

Samstag, 7. Mai 2016 - ein Verein schafft sich ab. Bilder: www.vfb-bilder.de

Samstag, 7. Mai 2016 in Stuttgart – ein Verein schafft sich ab. Bilder: www.vfb-bilder.de

21. Februar 2016, Unentschieden gegen den FC Schalke 04. Experten, Konkurrenten, Blogger, Podcasts, Fans, Spieler, Vorstand – alle sind sich einig: Der Klassenerhalt des VfB Stuttgart ist reine Formsache. In den folgenden elf Spielen holt der VfB noch fünf Punkte, ein beispielloser Absturz folgt. Er wurde am Samstag endgültig besiegelt, der zweite Abstieg steht fest. Natürlich ist es weiter Fan-Pflicht, sich an die kleine Hoffnung Relegation zu klammern. Dazu müsste eine desolate Stuttgarter Mannschaft zunächst einmal in Wolfsburg gewinnen – womöglich scheitern die Rechenspiele also schon an der eigenen Aufgabe. Ich sah am Samstag eine Mannschaft, die sich aufgegeben hat. Und ich meine nicht die Szenen nach dem Abpfiff, sondern die 90 Minuten, als die Spieler die Gelegenheit hatten, sich zu wehren. Wenn es gegen den Abstieg geht, erwarte ich von meiner Mannschaft wenigstens, dass sie ihre Zweikämpfe gewinnt. Blöd, dass die Defensive dazu nicht geeignet ist; blöd, dass die Offensive spielerisch glänzen, aber nicht kämpfen kann. Der VfB – zeitweise noch als Chancen-Maschine der Liga bezeichnet – schoss gegen Mainz acht Mal aufs Tor, die meisten Versuche hatte Linksverteidiger Philip Heise.

Konnte Kramny es nicht besser?

Jürgen Kramny wollte Mut beweisen im letzten Heimspiel, er ist kläglich gescheitert. Die Viererkette stellte er komplett um, überzeugt hat hier nur Timo Baumgartl. Warum er nach Verletzung und Krankheit derart lange außen vor war, weiß Kramny wohl nur selbst. Neben ihm versuchte Toni Sunjic zu verteidigen. Es blieb leider beim äußerst traurigen Versuch. Man könnte die Positionen so weiter durchgehen und würde wenige bis keine Ausreißer nach oben ausmachen. Kramny entschied sich auch, Martin Harnik und Florian Klein komplett aus dem Kader zu streichen. Das sorgte für viel Zustimmung seitens der Fans, die beiden Österreicher gelten bekanntlich als Ausgeburt der Stuttgarter Fußball-Hölle. Und ja: Keiner von beiden konnte überzeugen in dieser Saison. Damit reihen sie sich zwischen 20 weiteren Spielern ein. Harnik hätte dennoch in einem solchen Spiel den Unterschied machen können, irgendeinen Ball reinwurschteln. Stattdessen komplett ohne Stürmer zu starten – wie gesagt: Kramny war mutig. An Charisma fehlte es ihm von Beginn an, von Souveränität konnte ich wenig erkennen. In den vergangenen Spielen hat er zudem dafür gesorgt, dass seine fachliche Qualität infrage gestellt werden muss. Ein Trainer, der gleich zwei Mannschaften in den Abstieg begleitete, muss sich diesen Vorwurf gefallen lassen. Fragen an Kramny könnte man genug stellen: Warum erhielt Mitchell Langerak seine Chance so spät? Warum wirft er im wichtigen Spiel gegen Mainz nicht nur den Kader, sondern auch die Taktik über den Haufen?

Am Ende bleibt der Eindruck: Kramny ist irgendwie ins Profitrainer-Geschäft reingerutscht, seine Beförderung zum Cheftrainer gleicht einem Zufall. Vielleicht war er der letzte, der sich wehren konnte, als Robin Dutt einen Nachfolger für Alexander Zorniger suchte? Fand der Sportchef schlicht keinen „besseren“? Kramny wirkte während der Niederlagenserie zum Ende der Saison überfordert und, ja: ratlos. Sein Mangel an Erklärungen für die radikalen Umstellungen vor dem Spiel gegen Mainz (die ja nach einem 2:6 durchaus zu erläutern gewesen wären) lässt tief blicken.

Kevin der Große

Es gefällt mir nicht, dass mit Jürgen Kramny ausgerechnet ein Trainer den lange erarbeiteten Abstieg begleiten muss. Denn persönlich lebt er diesen Verein, der VfB ist ihm eine Herzensangelegenheit. Das sollte man bei all der (durchaus gerechtfertigten) Lobhudelei auf Kevin Großkreutz nicht vergessen. Kramny war auf der Pressekonferenz nach dem Spiel sichtlich angefasst, wenn das heute als Nachweis gelten soll für „echten Fußball“. Dennoch darf man Großkreutz durchaus erwähnen. Wie er nach dem Spiel reagierte, beeindruckt in Zeiten von glatt gebügelten, perfekt geschulten Medien-Profis, die in der Mixed Zone mal eben ein Interview runterschnodddern. Großkreutz ist nicht einmal ein halbes Jahr in Stuttgart, er weiß aber offenbar gut genug, das er dem Verein zu verdanken hat,noch einmal in der Bundesliga spielen zu können.

„Wir sind verantwortlich. Ich bin sprachlos, es tut mir leid für die Fans.“ (Kevin Großkreutz)

Es ist ein Armutszeugnis für den restlichen Kader, wenn die VfB-Fans jenem Kevin Großkreutz, der noch bis vor kurzem eine Witz- und Hassfigur war, nach dem Abpfiff huldigen und NUR ihm huldigen. Und nicht etwa Christian Gentner, der nahezu seine gesamte Karriere in Stuttgart verbracht hat. Das Netz feiert Großkreutz für seine Tränen vor dem Sky-Mikro und er erscheint ihnen als einziger Lichtblick in der wahrscheinlichen Zweitligasaison. Während Bernd Wahler, der zweite Stuttgarter, der sich äußerte, seltsam gleichmütig wirkte, die Fragen des Reporters mit einem leichten Lächeln beantwortete. Kurios, tatsächlich ist Großkreutz einer der wenigen Spieler, denen zuzutrauen ist, den VfB wieder zurück in die Bundesliga führen zu können und zu wollen. Er hat das richtige Alter, die nötige Erfahrung, das Herzblut und die Einstellung für Drecksspiele gegen Aue, Bielefeld, Sandhausen und Co.

Außer Kevin könnt ihr alle gehen - das Netz und die Fans feiern Großkreutz.

Außer Kevin könnt ihr alle gehen – das Netz und die Fans feiern Großkreutz für seine Emotionen.

Geht, oder ihr werdet gegangen

Um eines klar zu stellen: Der Abstieg ist das Schlimmste, was einem Fußballverein passieren kann. Ich kann sie nicht mehr hören, die Beschönigungen: Es sei gut für den VfB mal runter zu gehen, da kann endlich aufgeräumt werden; ein Abstieg sei wie ein reinigendes Gewitter. Wir leben nicht mehr in den 70er-Jahren, als die Zweitklassigkeit tatsächlich kurzfristig verkraftbar war. Frankfurt-Präsident Heribert Bruchhagen hat einmal gesagt: Der Abstieg koste einen Verein heutzutage zwischen 20 und 30 Millionen Euro. Bedenkt man, dass in der übernächsten Saison ein neuer TV-Vertrag große Summen in die Kassen schwemmt, ist der VfB dazu verpflichtet, wieder direkt aufzusteigen. Andernfalls stürzt er mit großer Wahrscheinlichkeit in die absolute Bedeutungslosigkeit ab. Kaiserslautern, Bochum, Bielefeld, Duisburg und 1860 München lassen grüßen. Der VfB Stuttgart ist nicht der SC Freiburg, der mit Auf- und Abstiegen plant und sich entsprechend aufstellt.

Natürlich wird er nun kommen, kommen müssen: Der radikale Umbruch. Der VfB muss einen Etat extrem verschlanken, die teuren Spielerverträge – wenngleich sie auch Gültigkeit für die 2. Liga haben – kann er sich schlicht nicht leisten. Es wird Ausstiegsklauseln geben. An dieser Stelle fällt dem VfB nun genau das auf die Füße, wofür er sich die ganze Saison auszeichnete: „Der Kader ist ja viel zu gut für den Abstieg“, hieß es allerorten. Bei der großen Entrümpelung darf nun keinesfalls der Fehler begangen werden, genau jene Spieler zu halten, die überhaupt für den Niedergang verantwortlich zeichnen – aus Mangel an Alternativen. Wenn schon Wandel, dann gehörig! Und wenn der (doppelte) Abstieg überhaupt eine Chance bietet, dann ist es die, dass die größten Talente der U23 beim VfB bleiben könnten. Möglicherweise werden sie schneller gebraucht, als sie sich erträumten. Ich jedenfalls sehe lieber den eigenen Nachwuchs Fehler machen und aus diesen zu lernen, als vermeintlich gestandene, zufriedene Alt-Profis.

Wer den Umbruch vollziehen wird, ist noch nicht in Aussicht. Wer ihn nicht vollziehen dürfte, sollte klar sein. Weder Vorstand, noch Sportchef, noch Trainerteam sollten am 1. Juli noch im Amt sein. Ein Trainer, der den Abstieg (mit)verantwortete, hat keinerlei Argumente – nicht vor den Spielern, nicht bei den Fans. Bernd Wahler ist in seiner Amtszeit als Präsident krachend gescheitert, er sollte den Anstand haben, entsprechend zu reagieren und anderen, besseren den Vortritt lassen. Und wenn sich Dutt zu diesem Schritt für sich nicht durchringen kann, dann haben andere diese Aufgabe zu lösen.

„Wir haben uns letztes Jahr für einen Weg entschieden, der auch den Worst Case eines Abstiegs vorgesehen hat. Wenn es nun so kommt, dann werden wir sehr gut vorbereitet sein.“ (Robin Dutt)

Letztlich ist es jetzt am Aufsichtsrat, den Verein auf die zweite Liga vorzubereiten. Nicht mehr an Dutt also, sondern an einem Mini-Gremium aus Wirtschaftsweisen, ohne sportliches Know-How. Ganz ehrlich: Gerade gibt es stille Minuten, in denen sehne ich mich nach Gerhard Mayer-Vorfelder und Dieter Hundt zurück. Vermutlich wäre spätestens am 15. Mai dann am Wasen kein Stein mehr auf dem anderen. Unter Wahler und seinem Team muss man wohl eher damit rechnen, dass es ab da schlicht #Neuanfang hieße.

Facebooktwitterrss

Schwäbisch Roulette

Warum arbeiten andere Vereine eigentlich so viel besser als der VfB Stuttgart und haben ihn links und rechts überholt? Weil viele Rädchen funktionieren und weil der Wille da ist. Eine Analyse vor dem Abstiegsfinale.

Montagsspiele drohen beim VfB zum Alltag zu werden. Bild: www.vfb-bilder.de

Montagsspiele drohen beim VfB zum Alltag zu werden. Bild: www.vfb-bilder.de

Über mangelnde Spannung muss man sich als VfB-Fan nicht beschweren. Schade eigentlich. So eine Saison als graue Maus der Bundesliga hätte Stuttgart ganz gut zu Gesicht gestanden. War ja auch das angemessene Ziel im vergangenen August. Für Top-Platzierungen sprach die überdurchschnittliche Offensive um Daniel Didavi, Filip Kostic, Daniel Ginczek und Talent Timo Werner; für Abstiegskampf sprach die vogelwilde Abwehr, die nicht ausreichend verstärkt wurde. Der X-Faktor sollte ein selbstbewusster Trainer sein, der sich bald als realitätsfremd erweisen sollte. Macht also: Irgendetwas zwischen Rang acht und zwölf wird wohl runterfallen. Blöd nur, dass Arithmetik im Fußball noch nie funktioniert hat.

Der VfB spielt Russisch Roulette, benutzt dafür aber fünf Patronen statt einer. Nun zum dritten Mal in Folge. Gegen Wolfsburg am letzten Spieltag wird man schon irgendwie gewinnen, die haben erstaunlicherweise ja noch weniger Bock als ihre Stuttgarter Kollegen. Leider kann man sich mit einer Niederlage am Samstag bereits eine der fünf Kugeln ins Hirn gejagt haben.

Warum machen eigentlich so viele andere Mannschaften so vieles besser als der VfB? Mit lachhaft minderen Voraussetzungen? Ich weiß schon, dieser Gedanke ist etwas verbraucht, weil sooft herbeizitiert. Aber er ist es, der mir in den letzten Wochen nicht aus dem Kopf wollte. Ich bin mir inzwischen sicher, es gibt nicht DIE eine Antwort auf die obige Frage. Eines meine ich aber zu wissen: Mit Glück hat der Erfolg der Konkurrenz höchstens marginal zu tun. Viel eher geht es um den Faktor Kompatibilität. Das klingt jetzt verdammt wissenschaftlich, brechen wir es also runter: Trainer und/ oder Spieler und/ oder Manager, ja sogar Vorstand und Aufsichtsrat „funktionieren“ bei manchen Vereinen, bei anderen eben nicht. Muss ich erwähnen, in welche Kategorie der VfB fällt?

Entwicklung? Welche Entwicklung?

Mainz profitierte jahrelang von Christian Heidel, der – Ausnahmen bestätigen die Regel – bei der Trainerbesetzung ein äußerst glückliches Händchen bewies; Augsburg profitierte vom vermeintlichen Hemdsärmel-Duo Reuter und Weinzierl; zum Holztribünen-Image von Darmstadt scheint Dirk Schuster charakterlich zu passen. Die Liste wäre endlos fortzusetzen, was nicht gerade für Stuttgart spricht. Selbst in Köln, wo jahrelang Chaos in der Führung herrschte, bekommt man den Eindruck: Das passt, da entwickelt sich etwas.

Dem VfB traue ich das derzeit auch nach langem Überlegen nicht zu. Man wird den Eindruck nicht los, der Verein mache – wenn er denn überhaupt einmal reagiert – oft das Falsche. Auf der Trainerposition haben die Schwaben in den vergangenen fünf Jahren so ziemlich jeglichen Typus durch: Autokraten, Spielerkumpel, Laptop-Trainer, Nachwuchscoach. Man ist geneigt dazu, sich zu überlegen, was als nächstes kommt – die Halbwertszeit von Jürgen Kramny schätze ich als eher gering ein. Als Manager hat man nach dem Abgang von Geldschleuder Horst Heldt auf eine Vereinslegende gesetzt, mit bescheidenem Erfolg. Dass für Robin Dutt immer noch keine Bewertung zu fällen ist, spricht für sein Mäandern im Ungefähren, Halbgaren. Als Sinnbild kann man hier die missglückte Lösung der Innenverteidiger-Problematik sehen. Dutt reagierte zu spät – was wohl auch mit den zähen Verhandlungen rund um die Personalie Antonio Rüdiger zu tun hat. Dann präsentierte er Toni Sunjic, der den Ansprüchen bei Weitem nicht genügte; mit Federico Barba schoss Dutt erneut ins Blaue, das Ergebnis ist bekannt. Und so hantiert der VfB mit einer Abwehr, die nur in Anführungszeichen als eine solche zu bezeichnen ist und von ganz Fußball-Deutschland mit Kopfschütteln betrachtet wird. Eine Entwicklung, die leider bereits zu Beginn der Saison absehbar war. Und gehört eigentlich wirklich nur Glück oder Pech dazu, wenn man im Sturm statt beispielsweise Alfred Finnbogasson Artem Kravets verpflichtet – ohne ernsthaftes Scouting des Ukrainers?

Getestet und für satt befunden

Der VfB wird zum Versuchslabor, hier darf sich jeder mal ausprobieren. Aber eben nicht die besten und talentiertesten in ihrem Bereich – sondern buchstäblich JEDER. Das passt zum Geschehen auf dem Platz, denn zu Talent gehört der Hunger danach, mehr zu erreichen; sich eben nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufrieden zu geben. Wenn nicht sogar wörtlich so geäußert, dann vermittelten die Spieler nach dem überraschend erfolgreichen Rückrundenstart mindestens mit ihrer Körpersprache: Ist doch alles ganz lauschig, hinten wird’s eh nicht mehr eng, lassen wir die Saison mal locker auspendeln. In Darmstadt beispielsweise leben sie das Gegenteil vor: Zahlreiche Spieler, deren Karriere fast beendet schien, reißen sich dort (zumindest von außen betrachtet) den Hintern auf. Weil sie eben nicht so verflucht satt sind.

Ich brauche keine Leitwölfe im klassischen Sinne, dieser Typ Spieler existiert (bald) nicht mehr. Aber was nützen mir 20 von 25 (selbst)zufriedene Kicker, die zwar lieb und nett sind, aber eben auch satt – unabhängig davon, wie lange ihre Karriere noch währen wird.

In stillen Momenten denke ich darüber nach, wie Dutt versucht, potentielle Neuzugänge vom VfB oder gar dem „Stuttgarter Weg“ zu überzeugen. Und vergleiche das dann mit den Voraussetzungen, die Jörg Schmadtke, Alexander Rosen oder Rouwen Schröder haben. Mir kommen dann fast die Tränen. Weil mir nichts einfiele, nach Stuttgart zu wechseln, außer der schieren Schönheit der Stadt. Aber leben lässt es sich eben auch in Mainz oder Augsburg gut und nach Sinsheim pendelt man notfalls von Heidelberg aus.

Dass sich Dutts Verhandlungsposition stark verbessern würde, sehe ich als völlig unrealistisch. Selbst wenn der VfB noch die Klasse hält, was ich diese Saison auf wundersame Weise noch schwerer einschätze als 2014/15. Didavi ist schon weg, Kostic wohl so gut wie, wie und ob Ginczek nach seinen zig Verletzungen zurückkehrt, ist unklar. Auf welcher Position besitzt Stuttgart dann noch Qualität, die für mehr sprächen? Notgedrungen arbeitet man weiter mit dem, was dann eben noch an Spielern auf dem Hof steht – verlängert womöglich sogar noch Verträge, deren Verlängerung einem mephistophelischen Pakt gleicht. Ein Schreckensszenario, ähnlich sexy wie künftige Montagsspiele gegen Sandhausen, Aue und Bielefeld.

Facebooktwitterrss