33. Spieltag: Hannover 96 – VfB Stuttgart

Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

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Ausgangslage

Kurz nochmal den Abakus ausgepackt: Gewinnt der VfB „das schwerste Spiel des Jahres“ (Hannes Wolf) in Hannover, ist er sicher aufgestiegen. Zu 90 Prozent würde ein Unentschieden reichen, weil Stuttgart ein um sechs Tore besseres Torverhältnis als Hannover hat – bei drei Punkten Vorsprung. Für Hannover sieht die Sache sehr viel ungemütlicher aus, bei Punktgleichheit mit der Lieblingsmannschaft aus Braunschweig und einem um ein Tor schlechteren Torverhältnis droht die Relegation. Und ganz ehrlich: Nicht gegen den HSV aufsteigen gönnt man niemandem. Prognosen und der VfB passen ohnehin nicht in dieser Saison, aber an diesem vorletzten Spieltag ist von einem 0:4 bis zu einem 4:0 alles möglich.

Fakt ist: Beide Mannschaften haben einen Lauf. Der VfB holte aus den letzten fünf Spielen alle Punkte, Hannover hat unter André Breitenreiter nicht verloren (17 Punkte in sieben Spielen). Wolf hat übrigens kein Bock auf Rechen-Geplänkel und sagte in der Pressekonferenz: „Meine Planung geht nur bis Sonntag, 17.20 Uhr etwa. Was danach kommt, werden wir sehen.“ Groß gefeiert soll übrigens nicht werden, sollte der VfB in Hannover bereits alles klar machen. Gehen wir mal von „Vivaldi“ aus.

Auf dem Platz

Die wichtigste Nachricht zuerst: Simon Terodde hat sich im Laufe der Trainingswoche nicht verletzt und ist – Stand: Samstagvormittag – in Hannover dabei. Darauf ein Halleluja, weil ihn Torjäger-Verfolger Martin Harnik sonst wohl noch eingeholt hätte. Nicht auszudenken, was dann in Stuttgart losgewesen wäre. Aber: Bei Alexandru Maxim sieht es gesundheitlich weniger gut aus. Er ist zumindest angeschlagen (muskuläre Probleme), fliegt aber eventuell dennoch mit. Ähnliches gilt für Anto Grgic, dessen Sprunggelenk es erwischt hat. Alternativen für Maxim? „Takuma, Christian, Berkay, da gibt es einige, die diese Rolle übernehmen können.“ Schön, dass Wolf die Spieler vor den Presseleuten dutzt – die machen das ja auch gerne. Gut möglich, dass Flo Klein bei seinem letzten Auswärtsspiel für den VfB (ist in finalen Gesprächen mit Maccabi Tel Aviv) rechts erneut ran darf. Gut möglich, dass der gegen Aue schwächelnde Josip Brekalo auf der anderen Seite weichen muss – kommt Mentalitätsmonster Tobi Werner?

Neben dem Platz

A propos Florian Klein. Dass er den VfB nach der Saison verlässt, ist schon länger kein Gerücht mehr. Es gibt dennoch welche. Während Brekalo bei einem Aufstieg sicher noch ein Jahr bleibt – was dann passiert, weiß nur Volkswagen -, ist man bei Takuma Asano und dem langzeitverletzten Carlos Mane versucht, sie irgendwie zu halten. Klar, oder so gut wie klar, ist der Wechsel von Bayern-Junior Benjamin Hadzic an den Neckar, wie unter anderem die Stuttgarter Nachrichten berichten. Kurz zu den Fakten des 18-jährigen Bosniers: Stürmer, neun Tore in 23 Spielen für die U19, Juniorennationalspieler. Wer mehr zu ihm lesen möchte, dem sei die Vorstellung der Bayern-Junioren bei miasanrot empfohlen.

Um das Thema Tuchel-weg-Wolf-zurück kommt man nicht ganz drumherum. Die Kurzfassung: Tuchel und Watzke mögen nicht mehr, Wolf hat die BVB-Jugend trainiert, ergo: Wolf geht zurück. So das Gerücht. Wolf dazu: „Da gibt es nichts. Einer hat’s geschrieben, alle anderen haben abgeschrieben.“ Erledigt. Welch große Stücke Jan Schindelmeiser auf seinen Trainer hält, könnt ihr übrigens in diesem sehr starken – weil für heutige Zeiten außergewöhnlich tiefgründigen – Interview bei Spox lesen.

Letzter Punkt: Feierei. Es waberte schon länger durch den Kessel, jetzt weiß man: Es wird ein Public-Viewing und eine anschließende Feier auf dem Wasen geben. Am 21. Mai, unabhängig davon, ob der Aufstieg schon vorher klar wäre. Und jetzt zum wirklich letzten Punkt, die alles entscheidende Frage: Kommt er, oder kommt er nicht?

Und der Gegner so?

Breitenreiter hat – zumindest taktisch – nicht so viel verändert, was Vorgänger Daniel Stendel nicht schon ähnlich gemacht hätte. Klassischerweise spielt Hannover im 4-2-3-1, weicht hin und wieder auf ein 4-4-2 aus, jeweils mit einer Doppelsechs. Das funktionierte zuletzt vor allem defensiv sehr gut. Seit Mitte März hat die Mannschaft nur gegen Aue Gegentore bekommen und behielt sonst immer eine weiße Weste. Die Folge: Nach Braunschweig die zweitwenigsten Treffer kassiert (31). Was nicht heißt, dass die Offensive zu verachten wäre. Martin Harnik dürfte man kennen, bei Niclas Füllkrug wird das nicht mehr lange dauern. Es kommt nicht unerwartet, dass Hannover ähnlich wie der VfB eine der Mannschaften mit hohem Ballbesitz sind. Das liegt bei beiden weniger am System, als viel mehr an der Rolle als Dauerfavorit in der Liga.

Liegt es am ungemütlichen Tabellenplatz, oder was ist in Hannover los – bei der Bilanz zuletzt müsste doch Freude aufkommen? Die Euphorie zündet aber nicht so wirklich, wie ihr im 96 Freunde Blog nachlesen könnt. Vielleicht der eine entscheidende Unterschied zu Stuttgart? Für ein bisschen Hoffnung sorgt die mögliche Rückkehr von Manuel Schmiedebach, Kapitän und Führungskraft.

Von außen betrachtet schien vor der Saison das Duo Martin Kind („Ich hasse die zweite Liga!“) und Horst Heldt vor allem für den Boulevard interessant. Man hätte aus Hannover erwarten können, dass sehr viel geblubbert und sehr viel weniger gespielt wird. Gefühlt ist das nicht so, auch wenn Kind sich nicht nehmen lässt, den ein oder anderen Klopfer rauszuhauen. Der Fokus geht eher in Richtung spielerisches Talent: Felix Klaus, Waldemar Anton, Niclas Füllkrug. Da wächst schon was. Großes Risiko für die Hannoveraner: Wenigstens ein Teil der jungen Spieler wird gerne den nächsten Schritt gehen wollen, sprich: in die Bundesliga wechseln. 

Dauerbrenner Ausgliederung

Komisch. Man hört gerade so wenig dazu. Präsident Wolfgang Dietrich setzt seine Wahlkampf-Tour fort. Und bekommt Unterstützung von – kein Witz – Christoph Daum („Es wird sich nichts verändern an dem ganzen Herzblut oder der Tradition des VfB. Das wird alles bleiben.“). Na dann. Ein bisschen etwas von Substanz sagte dagegen Schindelmeiser noch in besagtem Spox-Interview. Letztlich gehe es für den VfB bei der Frage, Ausgliederung oder nicht, um diesen einen Satz: Will man auch in den kommenden Jahren nur um den Klassenerhalt spielen oder will man wieder mehr?

Zitat der Woche

Auf den Maxim müsst ihr aufpassen, der macht alles beim VfB, alle anderen sind nichts, die kannst du mit der ganzen Liga in einen Topf werfen.Der unvergleichliche Buffy Ettmayer

Tweet der Woche

Weiter, immer weiter – was die anderen schreiben

Eines vorab: Solltet ihr es noch nicht tun. Lest unbedingt in Socrates rein. Am besten als Magazin, weil es so schön ist. So, und jetzt zu den eigentlichen Empfehlungen. Die könnten unterschiedlicher sein. Die lesenswerte Langstrecke zum Thema Regelkunde – ja, wer macht die eigentlich? – von Endreas Müller bei 120 Minuten. Ein ziemlich elitärer Zirkel kaspert aus, worüber wir uns wöchentlich aufregen. Bitteschön. Und zum zweiten noch etwas Abseitiges: Ihr erinnert euch noch ans Sommermärchen, also den Film, der uns jeden Glauben an Traineransprachen genommen hat? Dann gebt euch die Analyse zum Thema filmisches Storytelling im Fußball bei genrefilm. Großartig.

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25. Spieltag: Quo Vadis VfB Stuttgart

Foto: www.vfb-bilder.de

Gute Fans sind wie schlechte Politiker: Sie halten ihr Fähnchen in den Wind. Volksvertreter sind immer dann peinlich, wenn sie dem Mann auf der Straße nach dem Maul reden. Fans sind immer dann sympathisch, wenn sie dann poltern, wenn es zu poltern gilt; wenn sie dann jubeln, wenn es zu jubeln gilt.

Auch auf die Gefahr hin, dass es dafür Schelte gibt: Man sollte nicht über den einen Fehlpass zetern, wenn der Verein des Herzens gerade Sieg auf Sieg folgen lässt. Bruddeln des Bruddelns willen ist albern. Den Finger auch im Erfolg in die Wunde zu legen ist Aufgabe des Trainerteams. Genauso wenig sollte man, wenn augenscheinlich etwas falsch läuft im Club, die Alles-Wird-Gut-Brille aufsetzen und jede gelungene Aktion wie eine Meisterschaft abfeiern.
Womit wir beim VfB Stuttgart nach dem Spiel bei Greuther Fürth wären. Wo steht er denn, der VfB? Ist es schon wieder angebracht zu meckern, oder muss man noch froh sein über den ersten Tabellenplatz? Gemäß der eingangs genannten Fähnchen-Theorie sollte man derzeit wieder kritisch auf den Verein blicken. Ja, die Siegesserie zu Beginn der Rückrunde war ebenso stark wie unerwartet – und damit feierwürdig. Genauso enttäuschend wie unerwartet verliefen die vergangenen drei Spiele. Das Fähnchen dreht sich.

Erinnerungen an die Abstiegssaison

Bei unterirdischen äußeren Verhältnissen und in Unterzahl darf man den Punkt aus Braunschweig noch ausklammern. Ein Punkt gegen Bochum und Fürth ist dagegen – dieses Selbstbewusstsein muss man inzwischen beim VfB haben – peinlich. Es mag arrogant klingen, doch diese Offensive muss gegen Abwehrreihen eines sogenannten normalen Zweitligisten mehr als zwei Tore aus drei Spielen erzielen. Dass in der Defensive bei nächster Gelegenheit noch nachgebessert werden muss, steht außer Frage. Dennoch: Der Kader ist auf den Einzelpositionen jedem anderen Zweitligisten derart überlegen, dass es keine Rolle spielen darf, ob da jetzt eine Dreier- oder eine Viererkette aufläuft; ob Hannes Wolf mit einer Doppelsechs spielen lässt, ob er Daniel Ginczek als hängende Spitze aufstellt.

Wie geht es für den VfB Stuttgart nach der Pause weiter?

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Fällt dem VfB also wieder einmal auf die Füße, dass er allzu früh bejubelt wurde? Übrigens nicht von den Fans – sondern vor allem von Journalisten. Egal woher der Kollege kommt: Mit erstaunlich wenig Neutralität ist lange nur gefragt worden, wer denn HINTER dem VfB aufsteigt. Zieht man die Dramatik ab, werden Parallelen zur Abstiegssaison offenbar. Manche mögen sich schmerzlich erinnern, wie man Hoffenheim aus dem Neckarstadion fidelte und quasi schon im Europapokal war. Das Ende ist bekannt. Man hatte eigentlich gehofft, dass die Spieler des VfB langsam ihrer Bräsigkeit im Erfolgsmoment, ihrer frühen Selbstzufriedenheit entwachsen sind. Jetzt haben sie drei Spiele das Gegenteil bewiesen und es wird an Wolf und Jan Schindelmeiser sein, sie ganz schnell zu erden. Zuzutrauen ist es beiden.

Im besten Fall drehen die Fans nach der Länderspielpause und einer darauf folgenden neuen Serie Mitte nächsten Monats ihr Fähnchen wieder um 180 Grad. Im schlimmsten Fall steht der VfB dann auf dem vierten Rang, landet am Ende noch auf dem Relegationsplatz und scheitert dann gegen Ham… Aber lassen wir das: Fähnchen sind zum Flattern da.

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Warum die Trennung von Kevin Großkreutz richtig ist

Warum sich der VfB Stuttgart von Kevin Großkreutz trennen musste. Bild: Matthias Kern/Getty Images

Warum sich der VfB Stuttgart von Kevin Großkreutz trennen musste. Bild: Matthias Kern/Getty Images

Kevin Großkreutz ist mindestens ein Prozentpunkt mehr Mensch als Fußballprofi. Das wusste auch der VfB Stuttgart, als er ihm im vergangenen Jahr eine zweite Chance in Deutschland bot. Großkreutz war aber auch auf dem besten Weg, nicht mehr als Döner-Werfer, Hotel-Lobby-Pinkler, Mentos-Typ wahrgenommen zu werden. Nicht als Deutschlands Kickschuh-Lachnummer. Sondern als Spieler, der sich zerreißt für seinen Verein; dem die Fans in Zeiten des Fußball-Nomadentums wirklich wichtig zu sein scheinen. Das wird nicht vergessen werden, auch beim VfB nicht. Nicht nur, weil er nun zum zweiten Mal Tränen wegen des Clubs vergossen hat. Dass es eine Randnotiz bleibt, dafür ist Großkreutz vor allem selbst verantwortlich.

Großkreutz ist keine 18 mehr

Kevin Großkreutz ist kein schlechter Mensch, das vorweg. Tatsächlich ist er herzlich und umgänglich, hat einen Draht zu und ein offenes Ohr für jüngere Kollegen. Im heutigen Fußball ist er eine Ausnahmeerscheinung. Er selbst nannte sich in der Vergangenheit oft einen „dieser Typen, die es heute nicht mehr gibt“. Eine fragwürdige Einschätzung, die am Bild eines Fußballers klebt, als in den Kabinen gequalmt, nach dem Spiel gesoffen und nackt durch die Hotelflure gerannt wurde. Es ist Großkreutz‘ Zuflucht, sich nicht an die modernen Gegebenheiten des Fußballs anpassen zu können.

Dazu gehört eben auch, nicht als junger Vater mit Stuttgarter Jugendspielern auf einer Schülerparty abzuhängen und danach mutmaßlich durchs einschlägig bekannte Stuttgarter Bohnenviertel zu galoppieren, um sich schließlich verprügeln zu lassen. Nun mag man argumentieren: Was jemand in seiner Freizeit macht, geht niemanden etwas an. Doch, tut es eben. Wenn er eine Vorbildfunktion einnimmt. Fußballprofis bekommen dieses Zugeständnis in Sachen weniger Privatleben fürstlich bezahlt. Ausreißer kann man zugestehen, wenn sie im Rahmen passieren und der Ausreißende keine 28 ist, sondern ein junger Mann, der eben auch einmal Blödsinn macht.

Der richtige und notwendige Schritt

Die Entscheidung des VfB Stuttgart, sich von Großkreutz zu trennen, ist deshalb richtig und notwendig. Sie ist mutig, auch weil Großkreutz‘ Wert für den Verein weit über den sportlichen hinausreicht – als Marketing-Figur. Bis auf Großkreutz selbst und die Leute, die dabei waren in jener ominösen Nacht von Stuttgart, können alle nur spekulieren, was genau passiert ist. Fakt ist aber: Großkreutz wurde bereits früher zum Gespräch gebeten wegen seiner Auswüchse in den sozialen Medien. Ob es vielleicht bereits bei seiner Verpflichtung die klare (vertraglich fixierte) Ansage gab: Kevin, wir wollen dich beim VfB, aber dies und das darf nicht passieren. Zumindest ist das vorstellbar. 

Ist die Trennung von Kevin Großkreutz richtig?

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Seit Jan Schindelmeiser Sportchef beim VfB Stuttgart ist, spätestens aber seit Wolfgang Dietrich Präsident ist, weht in Cannstatt ein anderer Wind. Er ist kühler, eine steifere Brise, kein lauer Gute-Laune-Föhn mehr. Er sorgt aber auch für mehr Professionalität und Zielstrebigkeit. Der professionelle Fußball entfernt sich immer weiter von seiner Prolligkeit, der Party-Modus weicht Business-First-Denken. Wenn Großkreutz für Ersteres steht, stet Schindelmeiser für Letzteres. Man kann diese Entwicklung verteufeln und sich wegen des Verlusts von Identität zum Amateur-Kick verabschieden. Oder man nimmt es zähneknirschend in Kauf und genießt diese neue, sicherlich andere Fußballwelt so gut es geht.

Kevin Großkreutz ist nur alles Glück zu wünschen, er würde mit Kusshand bei einer möglichen Aufstiegsparty begrüßt werden. Gut vorstellbar, dass die Fans ihm am Montagabend in Braunschweig den ein oder anderen plakatierten Gruß zukommen lassen. Dass er sich nun vom Profi-Fußball zumindest vorerst zurückziehen will, ist der richtige Schritt. Wenn er möchte, dass ihn „die Medien bitte in Ruhe lassen“, sollte man dieser Bitte nachkommen. Das allerdings hätte sich Kevin Großkreutz leichter machen können, wenn er intimste Momente seines Privatlebens nicht fast täglich selbst öffentlich zur Schau gestellt hätte. Aber er ist eben ein Mensch.

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