Standpunkt Stuttgart VI

Bild: www.vfb-bilder.de

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Die Liste ist lang. Es gibt weiß Gott genug Gründe, den DFB und die DFL kritisch zu sehen: Die Bandbreite reicht vom eingekauften Sommermärchen zum Helene-Fischer-Auftritt im Pokalfinale; vom Zerpflücken des Spieltags bis zum Einschleusen chinesischer Juniorenmannschaften in die Regionalliga. Salopp gesagt: Man kann das “scheiße” finden. Wenn dies jene Kreise tun, die schon vor 20 Jahren riefen: „Fußballmafia DFB“. Dass DFL und DFB dabei sachlich vermengt und als Wurzel allen Übels vereinheitlicht werden: geschenkt. Dass Kriegsrhetorik jenseits des guten Geschmacks im Fußballstadion ist, sollte logisch sein.

In Stuttgart haben sich die Fans des VfB mit einem Banner gegen die Bevorzugung “des Chinesen” am Smartphone auf Kosten der eigenen Anhängerschaft im Stadion gewehrt. Soweit, so metakritisch. Denn auf das Banner folgte auch eines mit chinesischen Schriftzeichen. Was folglich von der Mehrheit nicht verstanden werden konnte und – Achtung, Pointe – schnell auf dem Smartphone gegoogled werden musste. Es folgte ein Wechsel-Gesang, der den DFB mit Fäkalien beschrieb. echote es auf das “Scheiß DFB” aus der Cannstatter Kurve ein “Vau Ef Beee” aus der gegenüberliegenden Untertürkheimer Kurve. Die Macht der Gewohnheit.

Es dauerte, bis das Echo angepasst wurde – auch in den Blöcken 74 bis 76 und 80 bis 82. Das war, um im Bild zu bleiben, der eigentliche Griff ins Klo. Jene Blöcke sind die Familienzone des VfB. Dort, wo Kinder mit Fritzle-Club-Trikots herumspringen und im Sekundentakt snappen; wo Mütter und Väter sich vor den Ausgang stellen, um verstohlen an ihrer im Block verbotenen Zigarette zu ziehen; wo jeder Ruf über einen “scheiß Pass” oder einen „beschissenen Schiri“ von Mamas mit bösen Blicken und Kopfschütteln quittiert wird. Dass der DFB dort scheiße sein darf und Kindern von ihren fröhlich-lächelnden Eltern beim Mitlästern beobachtet werden, würden Linguisten als Paradoxon bezeichnen. Auch Nicht-Linguisten dürften dagegen wissen: Diese Familienblöcke gäbe es ohne die Eventisierung der Bundesliga durch DFB und DFL gar nicht. Wut auf die Verbände ist verständlich, wenn der Absender einen Grund dazu hat. Wird Hass allerdings zur Mode, verkommt er zur beliebigen Stadion-Folklore. 

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Standpunkt Stuttgart V

Bild: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Bild: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

64,35 und 2,38 Millionen Euro. An diesen beiden Zahlen wird der VfB Stuttgart heute gemessen. Es handelt sich um den gesamten beziehungsweise durchschnittlichen Marktwert des Kaders. Zumindest wie sie das einschlägige Portal angibt. Hört man sich bei den Vereinen – nicht nur beim VfB Stuttgart – um, wundert man sich: Warum hat transfermarkt.de eigentlich noch keine neue Kategorie eingeführt? Wiederverkaufswert könnte sie heißen.

Zugegeben, diese Kategorie wäre hanebüchen, weil die Zahlen schlicht geraten sein müssten. Verletzungen, Formdellen, schlechte Berater – all das und mehr müsste sie einbeziehen. Sie drückte dennoch aus, worum es den Clubs zu gehen scheint: Wer erwischt den neuen Ousmane Dembélé oder zumindest den neuen Maximilian Philipp? Mit anderen Worten: Wer erwirtschaftet mit seinen U-20-Neuzugängen in nicht allzu ferner Zukunft das meiste Geld? Ihren sportlichen Mehrwert nehmen die deutschen Fußballsportchefs für den Moment noch so mit. Aber es erschreckt, wie unverblümt mittlerweile betont wird, dass Spieler X eine wirtschaftlich wichtige Verpflichtung ist.

Natürlich wussten sowohl Vereine wie der SC Freiburg als klassischer Ausbildungsverein wie der VfB als Durchgangsstation schon immer, dass die besten Spieler nicht ewig im Breisgau oder am Neckar bleiben würden. Aber man hat den Fans immerhin den Eindruck vermittelt, den Stars von morgen den eigenen Verein noch das ein oder andere Jahr schmackhaft zu machen. Schwer vorstellbar, dass ein Spieler namens Sami Khedira in der heutigen Fußballwelt vier Jahre für den VfB in der Bundesliga spielen würde. Der Wiederverkaufswert ist der Identifikation mit dem Verein längst entwachsen. Santiago Ascacíbar oder Chadrac Akolo spielen auch deshalb heute in Stuttgart, weil sie bald teuer weiterverkauft werden sollen.

Bei aller Freude über die guten Leistungen von Chadrac Akolo, Santiago Ascacíbar, Orel Mangala oder Benjamin Pavard schwingt mehr denn je die Freude darüber mit, dass ihr Verkaufswert damit Ende der Saison bereits ungeahnte Höhen erreichen könnte. Das ist wirtschaftlich verständlich, für Fußballromantiker allerdings eine mühevolle Aufgabe. Sie müssen sich umorientieren. Bloß nicht zu viel identifizieren mit den Neuen, bloß keinen neuen Liebling mehr suchen. Denn der ist schneller weg, als man seinen Nachnamen der Rückennummer zuordnen kann.

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Standpunkt Stuttgart II

Bild: Thomas Kienzle/AFP/Getty Images

Bild: Thomas Kienzle/AFP/Getty Images

Ganz viele Ausrufezeichen, ganz viel ausgerechnet, ganz viel Badstuber. Wer wollte, hatte am Samstagabend seine Geschichte, die nur der Fußball schreibt: Holger Badstuber trifft im ersten Heimspiel für den VfB Stuttgart, trifft zum ersten Mal seit acht Jahren überhaupt in der Bundesliga. Die Süddeutsche Zeitung scheut sich nicht, seinen Jubelschrei zum Titelbild für den Sport am Wochenende zu machen, für Sky ist er der Spieler des Tages.

Seinen Verein hat Badstuber vor ein Problem gestellt. Zähneknirschend haben die Verantwortlichen das Kollektiv, die Mannschaft gelobt. Bei Hannes Wolf ist das nicht neu, gerade junge Spieler hebt er nicht gerne in den Himmel. Nur ist Badstuber der Inbegriff der Bodenständigkeit; ein Mann, dem man wirklich alles Glück der Welt gönnt. Niemand würde sich derzeit besser eignen für eine Geschichte voller schöner Bilder, die dem VfB nicht fremd sind. So geht Badstuber allenfalls ab.

Schlecht für den VfB, dass das wichtigste Bild in dieser Geschichte das Gesicht von Jan Schindelmeiser trägt. Ihm will beim VfB niemand danken für die neue Sicherheit in der Verteidigung. Auch wenn er maßgeblich für die Verpflichtung Badstubers verantwortlich zeichnete und unter anderem dafür seinen Job in Stuttgart verloren haben soll.

Allen Ernstes wird Schindelmeisers Nachfolger Michael Reschke nach dem Spiel die Frage gestellt: Hätte man Badstuber – wie seinem Vorlagegengeber Dennis Aogo – nicht besser auch einen Zweijahresvertrag angeboten? Natürlich antwortet er darauf nicht, die Kaderplanung beim VfB war erst kurz vor Saisonbeginn seine Aufgabe. Als die wichtigsten Schritte längst getan waren.

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