Standpunkt Stuttgart IX

Standpunkt Stuttgart IX

Bild: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Der Moment ist ein „Zeitraum von sehr kurzer Dauer“. So beschreibt ihn der Duden. Das Moment ist gemäß desselben Wörterbuchs ein „ausschlaggebender Umstand“. Die Trennung des VfB Stuttgart von seinem Trainer zeigt: Zwischen beiden Momenten liegt eben nur ein Artikel. Am Samstagabend sagte Sportvorstand Michael Reschke, er würde eine Trennung „im Moment komplett ausschließen“. 13 Stunden später ist Hannes Wolf nicht mehr Trainer des VfB, das Moment sprach gegen ihn.

Wer Reschke – und mehr noch – VfB-Präsident Wolfgang Dietrich seit ihrer Zeit beim VfB beobachtet, wird sich allenfalls über den Zeitpunkt der Trennung wundern. Nicht aber über die Tatsache an sich. Lobt die Leitung der VfB-AG nun ihren jungen Trainer, so trägt sie die Reste von Gift noch auf den Lippen. „Ein Zeichen von Größe“ sei es, so Reschke im Gespräch mit dem SWR, dass Wolf von sich aus gesagt habe, ihm fehlten „ein paar Prozentpunkte im Zugang zur Mannschaft“. Das ist kein Zeichen von Größe, sondern vielmehr erschreckend. Weil es den Blick auf ein Problem richtet, das beim VfB Stuttgart nach Jahren überwunden schien. Auf Spieler, die – obwohl sie hierfür nicht die sportliche Rechtfertigung liefern – ihren eigenen Status im Verein über allem anderen wähnen. Dies nun noch gepaart mit einem Präsidenten und Aufsichtsrat in Personalunion, dem diese Denkweise nicht ganz fremd ist. Und spätestens nach den nicht unglücklichen sondern blank unverschämten Kommentaren von Reschke nach dem Mainz-Spiel in Wolfs Richtung, ist ihm nicht zu verdenken, dass er die logische Konsequenz zieht.

Bei aller Kritik, die Wolf sich gefallen lassen muss – fehlender Mut bei der Taktik, ein unglückliches Händchen bei der Aufstellung sind als Beispiele zu nennen: Im Januar 2018 ist der VfB Stuttgart wieder ganz der Alte. Im schlechtesten Sinn. Trainer einfach schassen, darüber wollte man in Stuttgart weg sein; sollten andere Clubs doch so doof sein, lachte man. Das System Wolfgang Dietrich sieht jedoch vor: Business first. Eine langfristige, tiefgreifende sportliche Entwicklung ist mit Blick auf nervöse Investoren nicht zu riskieren. Dass die Zeit mit Jan Schindelmeiser jäh vorbei war, im Moment des größten Erfolgs der vergangenen Jahre, wies deutlich in diese Richtung. Mit Wolfs Entlassung kein halbes Jahr später machen Reschke und Dietrich ein Fass ungeahnter Größe zur Unzeit auf. Ganz gleich, wer ihm nachfolgt – Markus Weinzierl, Andries Jonker oder ein anderer Kandidat – für die Fans wird er ein Reschke/Dietrich-Trainer sein. Denn dass sie nach Abpfiff des Spiels gegen den FC Schalke 04 „Aufwachen“ polterten und die Schnauze voll hatten – an Hannes Wolf lag es nicht. 

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Standpunkt Stuttgart VI

Bild: www.vfb-bilder.de

Bild: www.vfb-bilder.de

Die Liste ist lang. Es gibt weiß Gott genug Gründe, den DFB und die DFL kritisch zu sehen: Die Bandbreite reicht vom eingekauften Sommermärchen zum Helene-Fischer-Auftritt im Pokalfinale; vom Zerpflücken des Spieltags bis zum Einschleusen chinesischer Juniorenmannschaften in die Regionalliga. Salopp gesagt: Man kann das “scheiße” finden. Wenn dies jene Kreise tun, die schon vor 20 Jahren riefen: „Fußballmafia DFB“. Dass DFL und DFB dabei sachlich vermengt und als Wurzel allen Übels vereinheitlicht werden: geschenkt. Dass Kriegsrhetorik jenseits des guten Geschmacks im Fußballstadion ist, sollte logisch sein.

In Stuttgart haben sich die Fans des VfB mit einem Banner gegen die Bevorzugung “des Chinesen” am Smartphone auf Kosten der eigenen Anhängerschaft im Stadion gewehrt. Soweit, so metakritisch. Denn auf das Banner folgte auch eines mit chinesischen Schriftzeichen. Was folglich von der Mehrheit nicht verstanden werden konnte und – Achtung, Pointe – schnell auf dem Smartphone gegoogled werden musste. Es folgte ein Wechsel-Gesang, der den DFB mit Fäkalien beschrieb. echote es auf das “Scheiß DFB” aus der Cannstatter Kurve ein “Vau Ef Beee” aus der gegenüberliegenden Untertürkheimer Kurve. Die Macht der Gewohnheit.

Es dauerte, bis das Echo angepasst wurde – auch in den Blöcken 74 bis 76 und 80 bis 82. Das war, um im Bild zu bleiben, der eigentliche Griff ins Klo. Jene Blöcke sind die Familienzone des VfB. Dort, wo Kinder mit Fritzle-Club-Trikots herumspringen und im Sekundentakt snappen; wo Mütter und Väter sich vor den Ausgang stellen, um verstohlen an ihrer im Block verbotenen Zigarette zu ziehen; wo jeder Ruf über einen “scheiß Pass” oder einen „beschissenen Schiri“ von Mamas mit bösen Blicken und Kopfschütteln quittiert wird. Dass der DFB dort scheiße sein darf und Kindern von ihren fröhlich-lächelnden Eltern beim Mitlästern beobachtet werden, würden Linguisten als Paradoxon bezeichnen. Auch Nicht-Linguisten dürften dagegen wissen: Diese Familienblöcke gäbe es ohne die Eventisierung der Bundesliga durch DFB und DFL gar nicht. Wut auf die Verbände ist verständlich, wenn der Absender einen Grund dazu hat. Wird Hass allerdings zur Mode, verkommt er zur beliebigen Stadion-Folklore. 

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Standpunkt Stuttgart IV

Bild:  Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Bild: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Die Verantwortlichen des VfB Stuttgart sollten sich mit ihrer Wortwahl zügeln. Weder ist jemand ein Vollidiot, der Spieler als Notlösung erachtet. Noch ist dieser jemand ein Fortschrittverweigerer, wenn er sich kritisch zur Ausgliederung positioniert. Bisher waren Fans in Stuttgart froh, dass man frei vom Hannoverschen Gepolter à la Martin Kind ist. Einige der jüngsten Aussagen der VfB-Bosse greifen ähnlich tief ins Regal.

Zurecht ereifert sich halt Deutschland über den Zungenschlag und das Gebaren einiger Ultra-Gruppierungen. Ob gesprochen oder verkleidet: Krieg hat im Fußball nichts verloren. Ob gegen den DFB, die Fifa oder noch viel fragwürdige Organisationen. Die Folge: Ultras werden pauschal mit Hooligans gleichgesetzt, das eigentliche Problem bleibt damit aber verkannt.

Kritisch zu sein, muss erlaubt sein. Dass einige Fans in Stuttgart Dennis Aogo und Andreas Beck – und vielleicht sogar Holger Badstuber – als Notlösungen zum Plan A bezeichnen, mag für die Betroffenen schmerzlich sein. An der Sache vorbei geht es eher nicht. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst sind, wissen die drei auch von der ihr vorerst zugedachten Rolle. Zu lange dokterten sie beim VfB an den vermeintlich großen Namen als Neuzugänge herum – für die drei Verteidigerpositionen, die nun von den oben genannten Herren besetzt sind. Grundsätzlich wäre es nicht einmal falsch, Aogo, Badstuber und Beck als bedeutende Stabilisatoren einer sonst talentierten aber sehr unerfahrenen Bundesligamannschaft zu bezeichnen.

Falsch bleibt aber, jene die das anders sehen als Vollidioten zu beschimpfen. Der neue Sportchef Michael Reschke folgte nun auf eine, wenn man ihn zu kennen meint, überraschend unangenehme Weise dem Ton des Präsidenten. Der hatte Kritiker an der durchgesetzten Ausgliederung als Fortschrittsverweigerer bezeichnet. Pauschal und ohne Not. Wer mit Argumenten zu überzeugen weiß, muss niemanden beschimpfen oder herabwürdigen. Schon gar nicht die, die dem Verein bereits die Stange hielten, lange bevor dort auch nur das Wort Aktiengesellschaft zum ersten Mal ausgesprochen wurde. Diese Wortwahl wirkt überheblich, abgehoben und ist Wasser auf die Mühlen der Hasser des Systems Profifußball.

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