Das Ende (k)einer Liebesbeziehung

Neue Dimensionen beim VfB Stuttgart: Nach nur vier Bundesligaspieltagen tritt Jos Luhukay als Trainer zurück. Warum das kein schlechtes Zeichen und der Niederländer kein Loserkay ist.

Jos Luhukay nimmt sein letztes Hütchen als Trainers des VfB Stuttgart. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Jos Luhukay nimmt sein letztes Hütchen als Trainer des VfB Stuttgart. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Der Kardinalfehler beim VfB ist in dieser Saison nicht auf ein festes Datum festzulegen. Kein Tag, an dem ein Leistungsträger ohne Not verkauft wurde; kein Tag, an dem ein Mitläufer ohne sportlichen Wert verpflichtet wurde. Er fand irgendwann zwischen Mitte Mai und Anfang Juli diesen Jahres statt. Jos Luhukay wird neuer Trainer und bekommt etliche Vorschuss-Lorbeeren. Sehr erfahren, vielseitige Qualitäten, richtige Wahl – alles Aussagen vom damaligen ersten Mann des Vorstands, Jochen Röttgermann. Zurecht äußert er sich so. Kaum jemand, der die Verpflichtung des Zweitliga-Kenners und Ex-Aufsteigers als negativ bewertet. Sieben Wochen später kommt Jan Schindelmeiser als neuer Sportchef, nach langem Zögern und einem kaum mehr aufzuholenden Rückstand auf der Position des wichtigsten Verantwortlichen im Sportbereich des VfB. Etwas mehr als zwei Monate später wird Schindelmeiser sagen, er wusste vom ersten Gespräch mit Luhukay an, dass es zwischen den beiden nicht klappen würde. Spätestens nach der Heimniederlage gegen Heidenheim ist klar: Zwischen Luhukay und Schindelmeiser klafft ein Graben so tief wie das Death Valley. Lebten wir in einer Comic-Welt wären nach der Presskonferenz zwischen dem Niederländer und dem Kieler die Blitze zwischen den Blicken hin-und-her gezuckt.

Es stellt sich die Frage: Inwieweit ist es möglich, mit einem Angestellten (Luhukay) zusammenzuarbeiten, dessen berufliche Ansichten konträr zu der des Chefs (Schindelmeiser) verlaufen? Im Alltag begegnet eine solche Situation nur auf den ersten Blick auch jedem Otto-Normal-Fan. Natürlich hat man einmal eine andere Meinung als der Chef, würde Dinge anders lösen wollen. Aber das Gefühl in einem Unternehmen völlig anders arbeiten zu wollen als die Chefetage, hält niemand auf Dauer aus, ohne sein Gesicht oder seine Leidenschaft zu verlieren. Insofern ist der Rücktritt von Luhukay nur folgerichtig. Er tat weh, ja. Sportlich, weil er mitten in die englische Woche gefallen ist. Für das Ansehen des Vereins, der einmal mehr zur Witzfigur alias Klepperlesverein im deutschen Fußball wurde. Aber er ist auch eine jähe Befreiung aus einer Situation, die andernfalls dramatisch hätte enden können. Folgendes Szenario einmal kurz ausgemalt: Luhukay schleppt sich, im Bewusstsein eines gut dotierten, zweijährigen Vertrages, von Spiel zu Spiel – um dabei seinen durchaus guten Ruf und letztlich sein Gesicht zu verlieren. Nachdem der erste Ärger verflogen ist, darf man sagen: Respekt, Herr Luhukay. Mit Loserkay hat das wenig zu tun.

Aufbau Südwest

Man darf es als positives Zeichen werten, dass beim VfB inzwischen Missstände rechtzeitig erkannt und behoben werden. Es ist nicht schön, nach lächerlichen vier Spieltagen ohne Trainer dazustehen. Aber unter Schindelmeiser scheint eine neue Dynamik nach Stuttgart Einzug gehalten zu haben. Zwischen ihm und Luhukay hat es nicht gepasst und Schindelmeiser ist selbstbewusst genug – auch das nicht unbedingt eine VfB-Tugend in den vergangenen Jahren – sagen zu können: Dann halt nicht. Natürlich fällt ihm das verhältnismäßig leicht, weil er weiß, dass er nicht für die Verpflichtung des Trainers verantwortlich ist. Schindelmeiser schwebt Langfristigkeit und Nachhaltigkeit vor, er denkt nach eigenen Aussagen auch an die Zukunft des VfB. Deshalb verpflichtete er kurz vor Ende der Transferfrist junge Spieler, die zwar wenig Spielpraxis aber dafür umso mehr Talent haben. Luhukay wollte den schnellen, kurzfristigen Erfolg. Vielleicht auch mit der Erinnerung an seine bisherigen Stationen in der 2. Liga, wo es erst einmal nur um den Aufstieg ging. Zukunft kam nachrangig (Hertha BSC) oder war gar nicht erst fest eingeplant (FC Augsburg).

Schindelmeiser hat nun, wenn auch mit Verspätung, die Gelegenheit, den Verein nach seinen Vorstellungen aufzubauen. Das mag nicht jedem gefallen, als allzu sperrig wirkt der Technokrat aus Norddeutschland, dazu noch die Vergangenheit bei den „bösen“ Hoffenheimern und seine lange Auszeit nach dem Aus dort. Aber es ist seine Aussage, den langfristigen sportlichen Erfolg des VfB zu sichern. Wer heutzutage noch glaubt, das sportliche Sagen sollte vorrangig ein Trainer haben, schaut sich lieber den Fußball der 70er- und 80er-Jahre an. Nicht nur beim Dauer-Trainer-Wechsler Stuttgart gehört das sportliche Konzept in die Hand eines übergeordnet Verantwortlichen.

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