Standpunkt Stuttgart V

Bild: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

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64,35 und 2,38 Millionen Euro. An diesen beiden Zahlen wird der VfB Stuttgart heute gemessen. Es handelt sich um den gesamten beziehungsweise durchschnittlichen Marktwert des Kaders. Zumindest wie sie das einschlägige Portal angibt. Hört man sich bei den Vereinen – nicht nur beim VfB Stuttgart – um, wundert man sich: Warum hat transfermarkt.de eigentlich noch keine neue Kategorie eingeführt? Wiederverkaufswert könnte sie heißen.

Zugegeben, diese Kategorie wäre hanebüchen, weil die Zahlen schlicht geraten sein müssten. Verletzungen, Formdellen, schlechte Berater – all das und mehr müsste sie einbeziehen. Sie drückte dennoch aus, worum es den Clubs zu gehen scheint: Wer erwischt den neuen Ousmane Dembélé oder zumindest den neuen Maximilian Philipp? Mit anderen Worten: Wer erwirtschaftet mit seinen U-20-Neuzugängen in nicht allzu ferner Zukunft das meiste Geld? Ihren sportlichen Mehrwert nehmen die deutschen Fußballsportchefs für den Moment noch so mit. Aber es erschreckt, wie unverblümt mittlerweile betont wird, dass Spieler X eine wirtschaftlich wichtige Verpflichtung ist.

Natürlich wussten sowohl Vereine wie der SC Freiburg als klassischer Ausbildungsverein wie der VfB als Durchgangsstation schon immer, dass die besten Spieler nicht ewig im Breisgau oder am Neckar bleiben würden. Aber man hat den Fans immerhin den Eindruck vermittelt, den Stars von morgen den eigenen Verein noch das ein oder andere Jahr schmackhaft zu machen. Schwer vorstellbar, dass ein Spieler namens Sami Khedira in der heutigen Fußballwelt vier Jahre für den VfB in der Bundesliga spielen würde. Der Wiederverkaufswert ist der Identifikation mit dem Verein längst entwachsen. Santiago Ascacíbar oder Chadrac Akolo spielen auch deshalb heute in Stuttgart, weil sie bald teuer weiterverkauft werden sollen.

Bei aller Freude über die guten Leistungen von Chadrac Akolo, Santiago Ascacíbar, Orel Mangala oder Benjamin Pavard schwingt mehr denn je die Freude darüber mit, dass ihr Verkaufswert damit Ende der Saison bereits ungeahnte Höhen erreichen könnte. Das ist wirtschaftlich verständlich, für Fußballromantiker allerdings eine mühevolle Aufgabe. Sie müssen sich umorientieren. Bloß nicht zu viel identifizieren mit den Neuen, bloß keinen neuen Liebling mehr suchen. Denn der ist schneller weg, als man seinen Nachnamen der Rückennummer zuordnen kann.

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Standpunkt Stuttgart III

Bild: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

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Stuttgart ist nicht Darmstadt. Im Neckarstadion holen sich die Spieler in den Kabinen keine Spreißel im Oberschenkel von den alten Holzbänken. Holger Badstuber, Dennis Aogo und Andreas Beck sind nicht Aytac Sulu, Jan Rosenthal und Kevin Großkreutz. Dennoch: Einige Transfers des VfB werfen Fragen auf hinsichtlich des viel beschworenen Plans, der den Fans zuletzt angekündigt worden war. Badstuber und Beck sind zweifelsohne Spieler mit Qualitäten, auch Ron-Robert Zieler kann man in diese Reihe nehmen; bei Aogo darf das zumindest bezweifelt werden. Für sie ist der Wechsel zum VfB Stuttgart aber ein Ast, an dem sie sich beim Abrutschen der Karriere festhalten können. Das zeitweise erfolgreiche Darmstädter Modell, in der Extended Edition: etwas mehr Qualität, etwas weniger Gescheiterte als in Hessen.

Es ist nicht verwerflich, dass der VfB offenbar auch auf erfahrene Spieler setzt, die Stuttgart als Chance nützen müssen, um nicht alsbald in der Versenkung zu verschwinden. Es entspricht nur nicht den Erwartungen, die von der Vereinsführung geschürt worden waren. Auch wenn das niemand aus dem Verein so sagte, lautete sie: Wenn wir schon nicht mehr den eigenen Nachwuchs aufbauen und im Verein halten können, dann sammeln wir die Talente eben aus der ganzen Welt ein. Michael Reschke als bestens vernetzter Ex-Bayern-Kaderplaner sollte die Arbeit von Jan Schindelmeiser weitertreiben. Die Folge: Die neuen Hoffnungsträger müssen sich entweder zuerst an Liga, Land und Sprache gewöhnen. Oder sie sind nicht besonders lange hier, weil erfolgreichere oder besser zahlende Clubs sie zwecks Spielpraxis nur nach Stuttgart verleihen. Werden sie doch für längere Zeit verpflichtet, ist der VfB Opfer des Fußballmarkts 2017 und bezahlt für einen 20-Jährigen aus der argentinischen Liga geschätzte acht Millionen Euro.

Santiago Ascacíbars Transfer legt zumindest den Schluss nahe, man habe ihn gescoutet und erwartet sich einst einen Mehrwert – heutzutage denkt ja niemand mehr unter der Kategorie Dembélé. Für die Verpflichtungen von Holger Badstuber, Dennis Aogo und Andreas Beck dagegen braucht es kein besonderes Netzwerk oder Talent bei der Einschätzung von Spielern. Man weiß, was man bekommt. Im Guten, wie im Schlechten. Sie sind bestenfalls ein Nullsummenspiel. Sind sie gut genug, erleben sie in Stuttgart noch einige erfolgreiche Jahre zu einem hoffentlich vernünftigen Gehalt. Geld aus einem Weiterverkauf spülen sie jedenfalls nicht mehr in die Kassen. Vielleicht ist das bereits die Notlösung der Notlösung. Europas Talenten wie Chadrac Akolo oder Orel Mangala – und sei es zu deren Eingewöhnung – einige erfahrene Spieler an die Seite zu stellen, mag altmodisch sein. Verkehrt ist diese Justierung der Philosophie nach dem Abstieg nicht.

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