Mit Ansage

Die Trauer nach dem Abstieg des VfB Stuttgart hält sich in bizarren Grenze. Der sportliche Absturz kam zu schleichend, um schockiert zu sein. Der Traum vom Durchmarsch in der 2. Liga – er muss erst noch dem Faktencheck standhalten.

Der VfB Stuttgart darf sich künftig auf echten Fußball freuen.

Der VfB Stuttgart darf sich künftig auf echten Fußball freuen.

So fühlt es sich also an, abzusteigen. Ich kann meine eigene Gefühlswelt nicht so richtig ernst nehmen. Abstieg? Da tauchen vor meinem inneren Auge am Boden zerstörte Fans auf, da sitzen Spieler konsterniert und fassungslos auf dem Rasen und in irgendeiner Katakombe liegt Andy Brehme schluchzend in den Armen von Rudi Völler. Aber dieser unerklärliche Gleichmut – darf der sein? Muss ich mich dafür schämen? Zugegeben, so richtig realisiert hat man den Abstieg auch am Tag danach nicht; versuchte den Verarbeitungsprozess auch irgendwie hinauszuzögern und einfach nicht schlafen zu gehen.

Nun machten es einem die Spieler auch nicht gerade leicht, mitzuleiden. Als um 17.21 Uhr abgepfiffen war standen sie da, mit Händen in den Hüften. So wie eben nach einer der unzähligen Niederlagen der vergangenen Wochen zuvor. Stimmungslage: Tja nun. Lag vielleicht auch daran, dass der Abstieg in den beiden Spielen gegen Bremen und Mainz eingetütet wurde. Sie wollten nach dem Spiel auch nicht mehr zu nah an die Fans herantreten, die ihnen zunächst „Vorstand raus“ und schließlich „Versager. Alle raus.“ entgegen schmetterten.

Ich hatte mir erhofft, der VfB haue gegen die Schönwetterkicker aus Wolfsburg noch einmal einen raus, verabschiedet sich wenigstens mit Würde aus der Bundesliga. Das war nicht der Fall. Stuttgart spielte wie eine Mannschaft, die sich den Abstieg redlich verdient hatte; wie eine Mannschaft, die nicht mehr an sich glaubte (wenn sie überhaupt je an sich geglaubt hatte). So wurden meine Augen auch nur ein einziges Mal kurz feucht – als ich Jürgen Kramny schwer getroffen auf der Bank sitzen sah. Vermutlich wusste er zu diesem Zeitpunkt bereits, dass er ab heute nicht mehr Trainer der Profis sein wird. Es wird nicht der Job-Verlust gewesen sein, der ihn zu Tränen rührte. Kramny sieht sich als VfBler, ein Prädikat, dass nicht vielen im Verein zuteil wird. Dem Vernehmen nach soll er zurück zur zweiten Mannschaft kehren und darf zumindest dort dafür sorgen, einen seiner zwei Abstiege wieder vergessen zu lassen. Seine Rückstufung ist dennoch folgerichtig. Kramny hat es nicht geschafft, eine Mannschaft in der Liga zu halten, die für „die 2. Liga ja viel zu gut ist“.

Keine Bauernopfer

Wichtig ist nun: Kramny darf kein Bauernopfer sein. Er sollte der erste Kegel sein, der fällt. So bitter er ist: Der Abstieg muss – jetzt darf man das endlich sagen – dafür genutzt werden, das einiges anders läuft in Stuttgart. Zweitklassigkeit passt zum stolzen Selbstverständnis in Stuttgart in etwas so gut wie Tofu-Würstchen zu Linsen. Der Abstieg darf nicht mehr als ein Ausrutscher sein. Selbst Stuttgarts OB Fritz Kuhn – ausgewiesener Bayern-Fan – fühlt sich bemüßigt, aus dem Urlaub zu verkünden: „Das Projekt Wiederaufstieg hat schon gestern mit Schlusspfiff begonnen.“ Angeblich trafen sich gestern Abend noch die Granden des VfB und debattierten über die Zukunft. Konkret soll es dabei, neben Kramny, auch um Robin Dutt und Bernd Wahler gegangen sein. Offenbar wird Präsident Wahler zurücktreten. Alles andere wäre eine große Blamage – für ihn als Person und für den Verein. Wahler beschäftigte sich ausgiebig mit der heißgeliebten Ausgliederung, wies die baldige Rückkehr in die Champions League überschwänglich als Ziel aus, während sich der VfB langsam sportlich bedeutungslos machte. Mit einem selbst gewählten Rücktritt würde Wahler zumindest die Schmach umgehen, die ihm bei der Mitgliederversammlung Mitte Juli blühen würde. Statt Königsklasse steht in seinem Arbeitszeugnis die größte Enttäuschung der Vereinsgeschichte seit mehr als 40 Jahren.

Jürgen Kramny ist der erste Kegel der fällt: Er wird in der kommenden Saison nicht mehr Cheftrainer sein. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Jürgen Kramny ist der erste Kegel der fällt: Er wird in der kommenden Saison nicht mehr Cheftrainer sein. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Auch für Sportvorstand Dutt dürften die Tage am Wasen gezählt sein. Er hat seine Amtszeit mit markigen Worten begonnen, das war mutig und machte Fans und Medien glücklich. Endlich einmal einer, der dazwischen haut, der aufräumt. Dutt hatte keine leichte Aufgabe in Stuttgart: Ein mit Spielern der untersten Mittelklasse gespickter Kader und ein von bräsiger Vetterleswirtschaft durchwirkter Verein – das ad hoc zu ändern, ist schier unmöglich. Vielleicht war Dutt sogar nahe dran. Kaum jemand hätte ihm zugetraut, vor der Saison den Kader derart auszudünnen; einige Spezis, die rund um den VfB irgendetwas zu sagen zu haben glaubten, sind verschwunden. Reicht halt nicht, wenn man keine Abwehr zusammengestellt bekommt, die diese Bezeichnung verdient hätte. Das Geschäft ist hart, Missgriffe darf man sich in der Bundesliga nicht ohne Konsequenzen erlauben. Niemand in Stuttgart wird so gnädig sein und Dutt zutrauen, beim VfB den Hertha’schen Preetz-Weg zu gehen, der sich seine Sporen erst in der Zweitklassigkeit der Berliner verdiente.

Selbstläufer? Mitnichten!

Das Erfreuliche am gestrigen Tag (und bis heute): Häme und Spott sind erstaunlich spärlich ausgeschüttet worden. Monatelang hatte man sich ja in Fußballdeutschland ein wenig beeumelt über die unfähigen Schwaben, ihren zwischenzeitlichen Hau-Drauf-Trainer, die Witz-Abwehr. Im Moment herrscht eher Mitleid und Zuspruch und ja: auch eine gewisse Traurigkeit. Offenbar hätten sich doch viele gewünscht, nächste Saison gegen den VfB statt gegen Leipzig zu spielen. Ein kurzes, aber von Herzen kommendes Dankeschön an euch. Und an die wenigen Versprengten, die jetzt ihren Spaß am VfB-Abstieg finden: Mei, geht’s Champions-League-Finale in Mailand gucken – am Fernseher.

Es bereitet nun etwas Sorgen, dass kollektiv damit gerechnet wird, der VfB kehre nach einem Jahr selbstverständlich wieder zurück ins Oberhaus. Das kann so laufen, klar. Durchmarsch, Meisterschaft (yeah!), gereinigte und wiedererstarkt back in business. Muss es aber eben nicht. Es wird ja gerne von der „stärksten 2. Liga aller Zeiten“ gesprochen, jedes Jahr. Aufgrund Unkenntnis wage ich das nicht zu beurteilen. Zu selten sah ich bisher die 2. Liga. Ein Problem, das auch die Spieler haben. Zweitligaerfahrung hat im Kader so gut wie niemand. Dort wird anders gespielt, heißt es. In a nutshell: Mehr Zweikämpfe, weniger technisches Bohei. Da muss man als VfB-Fan schlucken, gerade in Sachen Zweikämpfen hat man sich ja nun zuletzt nicht gerade einen Ruf der Extraklasse erarbeitet. Hinzu kommt: Abwarten und auf Konter spielen wird kommende Saison nicht mehr möglich sein. Nahezu alle Mannschaften werden im VfB den Favoriten ausmachen. Es könnten uns verdammt eklige Spiele drohen. Ein Trainer, der dies aufzufangen weiß, der womöglich die zweite Liga kennt, wäre nicht die verkehrteste Verpflichtung.

Zum Abschluss des gestrigen Tages erlebte ich mich dann noch bei etwas, was ich seit Jahren nicht mehr tat: Ich dachte über den Reiz nach, den es mir bereiten würde, für die nächste Saison eine Dauerkarte zu erstehen. Genau jetzt. Davor befasse ich mich ein wenig mit den kommenden Gegnern, ein wenig freue ich mich darauf, mal nicht gegen Schalke, Leverkusen, Bayern und Co. zu spielen. Kennt man ja alles: Trikots, Stadien, Gesänge. Dresden, Sandhausen, Union – das hat schon was. Einzig an die Anstoßzeiten muss ich meinen Biorhythmus noch anpassen.

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