Schwäbische Appetitlosigkeit

In wenigen Stunden ist Baden-Württemberg schlauer und hat eine neue (oder alte) Regierung. So schwer wie das Ergebnis der Landtagswahl in diesem Jahr ist aktuell nur der VfB Stuttgart einzuschätzen. Mangelt es an der absoluten Gier?

Auf und nieder, immer wieder. Jetzt auch in der Binnen-Spiel-Version. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Auf und nieder, immer wieder. Jetzt auch in der Binnen-Spiel-Version. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Wenn alles gut läuft im Leben, dann kann man sich irgendwann auf seinem Schaukelstuhl zurücklehnen, den Whiskey schwenken, auf die Enkel blicken und der Sonne entgegen grinsen: Lief ganz gut soweit. So mit 70 plus kann man sich Selbstzufriedenheit durchaus einmal gönnen. Als Profisportler im Saft der Karriere ist es eine unangebrachte Eigenschaft. Im Gespräch beim Podcast Rund um den Brustring sprach Philipp (@el_pibe12) kürzlich von der mangelnden Gier des VfB, dem absoluten Biss, noch etwas reißen zu wollen. In gewisser Weise liege das in der schwäbischen Mentalität begründet, sagte Philipp. Das brachte mich ins Grübeln. Auch weil ich die Podcast-Folge erst nach dem Spiel gegen Hoffenheim sah. Ich dachte mir etwas süffisant: Ätsch, Philipp.

„Sei mit dir nie zufrieden, außer etwa episodisch, so dass deine Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer Unzufriedenheit zu stärken.“ (Christian Morgenstern)

Nun sollte ich den Kollegen inzwischen gut genug kennen, um zu wissen: Er weiß in der Regel, wovon er spricht – wenigstens, wenn es um den VfB geht. Es war irgendwann Mitte der ersten Halbzeit gegen Ingolstadt am Samstag, als ich mir dachte: Das ist sie, jene Gier, die dem VfB abgeht. Die zu früh einkehrende Selbstzufriedenheit. Selten habe ich gesehen, wie sich eine Mannschaft derart selbst hypnotisiert nach einem schnellen Ausgleich. Dachten die Spieler etwa: Ach kommt, gerade Hoffenheim überrannt – was soll und schon Ingolstadt anhaben? Auch das Hintergrundrauschen im Laufe der Woche gefiel mir schon nicht. Das war ziemliches Easy Listening. Dabei wäre der VfB gut beraten, die nötigen Punkte zum Klassenerhalt zu sammeln, so rasch es geht. Das letzte Saisonviertel ist für Stuttgart ein reichlich ekliges. Klar, gegen Ingolstadt sahen schon andere Mannschaften schlecht aus, in dieser Saison. Man frage mal bei Mainz nach. Ja, die Defensive ist mehr als beachtlich. Aber wenn der VfB in Ingolstadt schießt, dann darf es nicht sein, dass die schlechteste Offensive (0,8 Tore pro Spiel) da einen Punkt mitnehmen. Entsprechend wenig kann ich nach dem Spiel mit Überschriften wie „VfB erkämpft sich in Ingolstadt noch einen Punkt“ anfangen.

Abwehr zum Davonlaufen

Genau genommen hätte es jene Aufholjagd, über die natürlich auch ich froh war, gar nicht mehr gebraucht bei etwas mehr Konzentration aufs Wesentliche. Christian Gentner scheint in seiner Form wieder stark abzufallen. Gegen Ingolstadt sah man ihn im Prinzip außer bei seinem Fehlpass zum 0:1 nicht. Fast zehn seiner kurzen Zuspiele kommen pro Spiel nicht an. Das ist zu viel. Auch wenn ich ihm zugute halten möchte: Er spielt sehr viele Pässe. Gegen Ingolstadt mag die Leistung auch daran gelegen haben, dass er angeschlagen ins Spiel ging. Aber dann hätte er vielleicht auch einfach mal pausieren müssen. Kapitän und wichtiger Charakterkopf hin oder her – sofern das überhaupt im positiven Sinne zu verstehen ist. Daniel Schwaab – der wohl bessere von drei schwachen aufgebotenen Verteidigern – kam auf 47 % Fehlpässe. Tja nun. Überhaupt war die Passquote der gesamten Mannschaft einmal mehr zum aus der Haut fahren. Sie lag bei 63 %, das ist unterirdisch. Gut sind zwischen 75 und 80 %.

Um noch einmal auf die mangelnde Gier zurückzukommen: Es schlich sich wieder jeder Schlendrian ein, der eigentlich beiseite gelegt schien. Keiner mag so richtig den extra Weg gehen. Lukas Rupp vielleicht einmal ausgenommen, der läuft immer wie ein Blöder. Auch im Zweikampfverhalten in der Abwehr fehlte es eindeutig am Biss – gelinde gesagt. Was Georg Niedermeier nach seiner Euphorie-Partie gegen Hoffenheim anbot, ist mir unverständlich. Ist auch er ob des bald eintrudelnden neuen Vertrags bereits wieder wohl genährt? Sieben gewonnenen Zweikämpfe und 20 Ballkontakte? Das kann nicht sein ernst sein. Über Toni Sunjic sollte man vielleicht besser keine Worte verlieren. Nur so viel: Er hat sich nachhaltig dafür empfohlen, eine sehr kurze Zwischenlösung für die Innenverteidigung gewesen zu sein.

Tingel-Tangel VfB

Und noch ein Wort zur vermeintlich „ekligen“ bis „unfairen“ Ingolstädter Mannschaft: Besagte Foulstatistik fiel 22:15 aus. Aus Sicht des VfB. Sorry an den Supporter. Nun habe ich etwas getan, was ich generell eher ungern mache: Einzelne Spieler herausgehoben und vielleicht auch bloßgestellt. Das mag fragwürdig sein. Bruddel-Modus auf an gestellt. Ich tue es aber lieber jetzt, als mir im Mai wieder die Fingernägel abkauen zu müssen. So wie ich Niedermeier vergangene Woche euphorisch gen Himmel hob, so erlaube ich es mir jetzt auch kritisch zu sein. Das ist Fußball, darum bin ich Fan. Der VfB steht bei einem Sieg aus den letzten fünf Spielen. Das ist noch nicht bedenklich. Aber wenn man das Zwischenhoch hochgejazzt hat, dann darf man jetzt auch ertragen, wenn es heißt: Wehret den Anfängen. So kann Stuttgart vorerst froh über die Ergebnisse der meisten anderen Mannschaften sein. Acht Punkte bis auf den Relegationsplatz sind noch komfortabel. Noch. Ich bin mir sicher, dass das ein oder andere interne Wort fallen wird. Jürgen Kramny kann mangelnde Leidenschaft ungefähr so gut leiden wie eine Wurzelbehandlung. Wenn diese nur zehn Minuten in der ersten Halbzeit und 15 Minuten in der zweiten an den tag gelegt wird, dann langt das eben nicht in der Bundesliga. Kramny wird einmal mehr „Dinge ansprechen“. Und nächste Woche gegen Leverkusen packen sie dann eben wieder fünf aus. Logisch, oder? Der VfB Stuttgart ist ungefähr so gut auszurechnen, wie der Wahlausgang in Baden-Württemberg 2016. Ländle-Style, eben.

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Eckstein, Eckstein…

Überheblichkeit? Mangelnde Konzentration? Es wäre falsch, den Spielern des VfB Stuttgart nach der überraschenden Niederlage gegen Hannover 96 mangelnden Charakter zu unterstellen. Alte Muster sind einfach noch nicht beseitigt. Die Pleite ist ein Weckruf zur richtigen Zeit.

Die große Ratlosigkeit? Die Niederlage gegen Hannover 96 kann wohl niemand wirklich erklären. Bild: www.vfb-bilder.de

Die große Ratlosigkeit? Die Niederlage gegen Hannover 96 kann wohl niemand wirklich erklären. Bild: www.vfb-bilder.de

Jede Serie endet einmal. Wenn du die Chancen vorne nicht machst, dann. Das könnte sich aber noch rächen… Das Spiel gegen Hannover 96 war ein Fest für Floskel-Liebhaber. Es hätte nicht verloren werden müssen, es hätte nach dem Spielverlauf nicht verloren werden dürfen. Wenn die Hannoveraner ehrlich sind, wissen sie wahrscheinlich selbst nicht, warum sie das Spiel gewonnen haben. Es sprach eigentlich alles für einen Sieg des VfB. Die aktuelle Form, der historische Vergleich der beiden Mannschaften, selbst der Spielverlauf. Aufhänger Nummer eins nach Abpfiff: Das Eckenverhältnis von 17:1. Das sieht ziemlich erschreckend aus, wenn man es dem Endergebnis nach Toren gegenüberstellt. Nun erklären sich die vielen Ecken – nicht nur gegen Hannover – ganz einfach mit der Spielweise des VfB: Keine Mannschaft der Bundesliga schlägt mehr Flanken als die Schwaben. Flanken, die eben auch prädestiniert dafür sind, von Verteidigern ins Toraus geklärt zu werden. Problematisch wird es, wenn die daraus resultierenden Ecken massenhaft nicht beim eigenen Mann ankommen. 103 Ecken des VfB waren in dieser Saison ungenau. Das sind mehr als 30 mehr als der Zweitplatzierte in dieser unrühmlichen Statistik, Bayern München – und drei Mal so viele wie beim kommenden Gegner Borussia Mönchengladbach. Masse bedeutet eben nicht immer Klasse. Wäre es nicht an den Trainern der vergangenen Jahre gewesen, Ecken verstärkt zu üben? Der VfB spielt nicht erst seit gestern viel über die Flügel. Man hat es verpasst, dieses Stilmittel gewinnbringend einzusetzen.

Wiederkehrende Elemente

Gegen Hannover hat der VfB mal wieder aufs Tor geballert, was die Beine von Timo Werner, Alexandru Maxim und Co. eben so hergaben. 22 Mal war das am Samstag der Fall, der Saisondurchschnitt liegt bei 16 pro Spiel – nur der GröVaZ Bayern München versucht es öfter. Aber eben auch erfolgreicher. Nur jeder zehnte Schuss des VfB geht auch ins Tor. Man könnte sagen: Schwaben sind eben fleißig, oder dass sie einen enormen Aufwand für nichts und wieder nichts betreiben. Hertha BSC Berlin könnte als Musterbeispiel angeführt werden, wie es auch geht. Die Berliner schießen zwar so selten aufs Tor, wie keine andere Mannschaft. Aber eben auch nur knapp halb sooft neben das Tor wie der VfB. Nicht umsonst stehen die Berliner da, wo sie derzeit stehen.

In der zweiten Halbzeit haben wir viel Druck gemacht, viel investiert. Wir waren aber überhaupt nicht effektiv. Wir hatten einige Hochkaräter. (Jürgen Kramny – wie recht er doch hat)

Die Protagonisten auf Seiten des VfB räumten nach Abpfiff reumütig ein, dass die Chancenverwertung eben nicht jene der letzten Spiele war. So könne man eben kein Spiel gewinnen. Es hat so seine Vorteile, dass das Ende der Serie ausgerechnet gegen Hannover – den designierten Absteiger – besiegelt war. Es zeigt Verein und Fans, wo der VfB eigentlich steht. In der vergangenen Woche träumten nicht nur Medien und Fans von Europa. Mir wurde etwas mulmig, als Filip Kostic im Interview verkündete, auch der VfB könne in der kommenden Saison international spielen. Jetzt ist man erst einmal wieder eingenordet. Irgendwo im Mittelfeld der Liga. Weit genug weg von den Abstiegsplätzen, um sich noch keine größeren Sorgen machen zu müssen. Aber eben auch noch weit genug weg, um nicht den europäischen Höhenflug zu bekommen. Man mag anführen, dass die Chancen auf einen Verbleib von Daniel Didavi und/oder Filip Kostic mit internationalem Geschäft ungleich höher wären. Doch ernsthaft mag man nicht daran glauben, dass die Euro League den beiden genügt. Didavi wird in der kommenden Saison die Gelegenheit zur Champions League nutzen können – oder zumindest zu einem Verein wechseln, bei dem die Chancen darauf in den kommenden drei bis vier Jahren höher sein werden als beim VfB. Für Kostic werden Angebote aus der Premier League kommen, zu denen Robin Dutt nicht Nein sagen können wird. 

Vom Bayern-Jäger zur grauen Maus in einer Woche

Ein weiterer Vorteil des Zeitpunkts der Niederlage: Schon in der kommenden Woche geht es in der Bundesliga weiter. Es spielt keine Rolle, dass Gladbach deutlich besser platziert ist als der VfB. Es wird ein einfacheres Spiel für die Kramny-Elf als das gegen Hannover. Die Erwartungshaltung ist wieder auf ein realistisches Maß eingedampft. Es tut nicht weh, dass es nicht mehr wie zuletzt heißt: Neben Dortmund kann derzeit wohl nur der VfB mit den Bayern mithalten. 

Meinetwegen können wir gerne über europäische Überraschungen sprechen. Mitte April, mit 40 + X Punkten. Dann sind noch fünf Partien offen und vielleicht alles möglich. Ungeachtet der Niederlage gegen Hannover ist dem VfB zuzutrauen, dieses Jahr frühzeitig nichts mehr mit dem Abstieg zu tun zu haben. Das wäre der erste wichtige Erfolg, auch was die Planungssicherheit für 2016/17 angeht. Jürgen Kramny muss jetzt unter Beweis stellen, dass er nicht auf der Welle eines Langzeit-Trainereffekts schwebte. Eine Niederlage ist kein Beinbruch, drei bis vier Punkte nach dem kommenden Wochenende vorausgesetzt.

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Jugend an die Macht

Nach fünf Siegen in Folge hat der VfB Stuttgart in Gelsenkirchen nur einen Punkt geholt. Kein Grund zur Trauer. Was dennoch Sorgen bereitet und warum ein Blick auf den Nachwuchs hilft.

Ein Bild, das täuscht: In Stuttgart herrscht mehr Rot als Grau. Bild: www.vfb-bilder.de

Ein Bild, das täuscht: In Stuttgart herrscht mehr Rot als Grau. Bild: www.vfb-bilder.de

Nein, grämen muss sich Jürgen Kramny nicht für „seinen“ VfB. Bei einem heimstarken Kandidaten für die Qualifikation zur Champions League muss man nicht gewinnen. Auch wenn es zuvor fünf Bundesligasiege in Folge gab und der VfB zum einzig legitimen Bayern-Jäger auserkoren wurde – so weit gingen einige tatsächlich. Was ist eigentlich passiert? Der VfB spielet eine tolle zweite Halbzeit, hätte sich vielleicht sogar einen Sieg verdient gehabt; Martin Harnik hat bewiesen, dass auch aus der zweiten Reihe mit ihm zu rechnen ist; Stuttgart liegt nach wie vor acht Punkte vor einem Relegationsplatz und außer Hoffenheim scheint keine der stark abstiegsbedrohten Mannschaften Anstalten zu machen, etwas daran zu ändern. Holen wir dennoch die Bruddel-Keule raus.

Unter Jürgen Kramny kann man beim VfB wieder von einer Defensive sprechen. Ob trotz oder wegen des Duos Georg Niedermeier und Daniel Schwaab lassen wir mal dahingestellt. Schlecht machen sie es jedenfalls nicht. Elf Gegentore in neun Spielen, das kann sich sehen lassen. Zum Vergleich: Unter Alexander Zorniger waren es 2,13 Gegentore je Spiel im Durchschnitt. Und jetzt kommt das große Aber. Nur Werder Bremen hat sich noch mehr Gegentore gefangen – zwei mehr, um genau zu sein. Die Schwaben werden wohl bis Ende der Saison eine miserable Tordifferenz mit sich herumtragen. Und auch unter Kramny gab es nicht mehr Spiele ohne Gegentor als unter Zorniger.

Schießbude der Ligen?

Haben wir es mit der Folge der neuen Linie zu tun, die sich seit Beginn durch alle Mannschaften ziehen soll? Denn: Auch ein Blick in die Untiefen der zweiten Liga zeigt, dass es der VfB mit Verteidigen nicht ganz so groß hält derzeit. Der zweite Anzug steht vor allem wegen seiner vielen Gegentore (46, keine Mannschaft hat mehr) auf dem letzten Platz und muss womöglich den Gang in die Regionalliga antreten. Dabei könnte es so einfach sein. Indem man den Blick mal nicht von unten nach oben, sondern in die entgegengesetzte Richtung legt. So wird die U19 des VfB dieses Jahr zwar nichts mehr mit der Meisterschaft zu tun haben – zu groß ist der Rückstand auf das Spitzenduo Hoffenheim und 1860 München – aber: Gerade einmal 18 Gegentore sprechen für die Arbeit von Sebastian Gunkel. Die ganze Welt spricht von Berkay Özcan als dem kommenden Mesut Özil (man verzeihe mir den Vergleich). Dabei hat der VfB mit Serkan Baloglu auch schon den neuen Serdar Tasci in den eigenen Reihen (man verzeihe mir den Vergleich erneut).

Noch rosiger sieht es für die B-Jugend aus. Die vom alten Abwehr-Kämpen Heiko Gerber trainierten Junioren fingen sich erst 15 Gegentore. Bestwert in der Staffel. Und sie stehen just deshalb auf dem ersten Tabellenplatz, beste Aussichten auf die Deutsche Meisterschaft in Berlin. Klar, Tim Pöhler netzt ganz fleißig – und heißt tatsächlich so. Aber José-Enrique Ríos Alonso (ein Hauch von Tiki-Taka) hält eben den Laden dicht.

Hm, aus Bruddel-Keule wurde jetzt am Ende doch wieder ein Love-Storm. Sah schon mal schlechter aus für den VfB…

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