Warum die Trennung von Kevin Großkreutz richtig ist

Warum sich der VfB Stuttgart von Kevin Großkreutz trennen musste. Bild: Matthias Kern/Getty Images

Warum sich der VfB Stuttgart von Kevin Großkreutz trennen musste. Bild: Matthias Kern/Getty Images

Kevin Großkreutz ist mindestens ein Prozentpunkt mehr Mensch als Fußballprofi. Das wusste auch der VfB Stuttgart, als er ihm im vergangenen Jahr eine zweite Chance in Deutschland bot. Großkreutz war aber auch auf dem besten Weg, nicht mehr als Döner-Werfer, Hotel-Lobby-Pinkler, Mentos-Typ wahrgenommen zu werden. Nicht als Deutschlands Kickschuh-Lachnummer. Sondern als Spieler, der sich zerreißt für seinen Verein; dem die Fans in Zeiten des Fußball-Nomadentums wirklich wichtig zu sein scheinen. Das wird nicht vergessen werden, auch beim VfB nicht. Nicht nur, weil er nun zum zweiten Mal Tränen wegen des Clubs vergossen hat. Dass es eine Randnotiz bleibt, dafür ist Großkreutz vor allem selbst verantwortlich.

Großkreutz ist keine 18 mehr

Kevin Großkreutz ist kein schlechter Mensch, das vorweg. Tatsächlich ist er herzlich und umgänglich, hat einen Draht zu und ein offenes Ohr für jüngere Kollegen. Im heutigen Fußball ist er eine Ausnahmeerscheinung. Er selbst nannte sich in der Vergangenheit oft einen „dieser Typen, die es heute nicht mehr gibt“. Eine fragwürdige Einschätzung, die am Bild eines Fußballers klebt, als in den Kabinen gequalmt, nach dem Spiel gesoffen und nackt durch die Hotelflure gerannt wurde. Es ist Großkreutz‘ Zuflucht, sich nicht an die modernen Gegebenheiten des Fußballs anpassen zu können.

Dazu gehört eben auch, nicht als junger Vater mit Stuttgarter Jugendspielern auf einer Schülerparty abzuhängen und danach mutmaßlich durchs einschlägig bekannte Stuttgarter Bohnenviertel zu galoppieren, um sich schließlich verprügeln zu lassen. Nun mag man argumentieren: Was jemand in seiner Freizeit macht, geht niemanden etwas an. Doch, tut es eben. Wenn er eine Vorbildfunktion einnimmt. Fußballprofis bekommen dieses Zugeständnis in Sachen weniger Privatleben fürstlich bezahlt. Ausreißer kann man zugestehen, wenn sie im Rahmen passieren und der Ausreißende keine 28 ist, sondern ein junger Mann, der eben auch einmal Blödsinn macht.

Der richtige und notwendige Schritt

Die Entscheidung des VfB Stuttgart, sich von Großkreutz zu trennen, ist deshalb richtig und notwendig. Sie ist mutig, auch weil Großkreutz‘ Wert für den Verein weit über den sportlichen hinausreicht – als Marketing-Figur. Bis auf Großkreutz selbst und die Leute, die dabei waren in jener ominösen Nacht von Stuttgart, können alle nur spekulieren, was genau passiert ist. Fakt ist aber: Großkreutz wurde bereits früher zum Gespräch gebeten wegen seiner Auswüchse in den sozialen Medien. Ob es vielleicht bereits bei seiner Verpflichtung die klare (vertraglich fixierte) Ansage gab: Kevin, wir wollen dich beim VfB, aber dies und das darf nicht passieren. Zumindest ist das vorstellbar. 

Ist die Trennung von Kevin Großkreutz richtig?

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Seit Jan Schindelmeiser Sportchef beim VfB Stuttgart ist, spätestens aber seit Wolfgang Dietrich Präsident ist, weht in Cannstatt ein anderer Wind. Er ist kühler, eine steifere Brise, kein lauer Gute-Laune-Föhn mehr. Er sorgt aber auch für mehr Professionalität und Zielstrebigkeit. Der professionelle Fußball entfernt sich immer weiter von seiner Prolligkeit, der Party-Modus weicht Business-First-Denken. Wenn Großkreutz für Ersteres steht, stet Schindelmeiser für Letzteres. Man kann diese Entwicklung verteufeln und sich wegen des Verlusts von Identität zum Amateur-Kick verabschieden. Oder man nimmt es zähneknirschend in Kauf und genießt diese neue, sicherlich andere Fußballwelt so gut es geht.

Kevin Großkreutz ist nur alles Glück zu wünschen, er würde mit Kusshand bei einer möglichen Aufstiegsparty begrüßt werden. Gut vorstellbar, dass die Fans ihm am Montagabend in Braunschweig den ein oder anderen plakatierten Gruß zukommen lassen. Dass er sich nun vom Profi-Fußball zumindest vorerst zurückziehen will, ist der richtige Schritt. Wenn er möchte, dass ihn „die Medien bitte in Ruhe lassen“, sollte man dieser Bitte nachkommen. Das allerdings hätte sich Kevin Großkreutz leichter machen können, wenn er intimste Momente seines Privatlebens nicht fast täglich selbst öffentlich zur Schau gestellt hätte. Aber er ist eben ein Mensch.

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Myrrhe und Weihrauch sind schon da

Pünktlich vor der Abreise ins Trainingslager hat Robin Dutt die ersten Neuzugänge eingetütet. Noch vor dem Dreikönigstag. Ungewöhnliches Gebaren für den VfB. In der Regel gibt es im Winter keine Neuzugänge vor 30. Januar. Die Lieferanten von Myrrhe und Weihrauch sind mit Artem Kravets und Kevin Großkreutz also bereits in der Vorbereitung dabei – wenngleich der Vertrag mit Großkreutz nach wie vor nicht unterschrieben ist. Das ist nicht unwichtig und wird vor allem Jürgen Kramny freuen. Reagiert er deshalb sonderbar zaghaft auf Nachfragen, ob noch ein weiterer Spieler kommt? Genau genommen geht es darum: Verpflichtet der VfB Stuttgart noch einen Innenverteidiger, der die Abwehr zu führen versteht? Um im Dreikönigs-Sprech zu bleiben: Das Gold fehlt noch.

Obacht - nur echt mit König. Bild: Southgeist

Obacht – nur echt mit König: Original Schweizer Dreikönigskuchen. Bild: Southgeist

Freilich, Martin Hinteregger hätte so jemand sein können. Angeblich gab es von Stuttgarter Seite ja sogar ein Angebot. Und der Spieler selbst war nicht abgeneigt zum VfB zu wechseln – vielleicht der Bonus der Ösi-Fraktion am Wassen. Doch die kolportierten fünf Millionen Euro waren eine deutlich zu niedrige Offerte für die Salzburger Bedürfnisse. Blöd, dass Max Eberl auch neun Millionen Euro zahlen kann. Nun wird sich Jürgen Kramny nicht vor die versammelte Presse stellen können und verkünden: Hinteregger oder nix. Doch es ist ihm das Selbstbewusstsein zu wünschen, zumindest intern auf die Notwendigkeit einer defensiven Verstärkung hinzuweisen. Wie bereits an anderer Stelle geschrieben: Kevin Großkreutz hat die sportlichen Qualitäten, dem VfB weiterzuhelfen. Und zwar sofort. Es ist ihm zuzutrauen, sich voll für seinen neuen Verein reinzuhauen. Auch weil er weiß, dass sich die Chance Bundesliga nicht unbedingt ein drittes Mal bieten wird. Er ist vielseitig einsetzbar, Kramny wird nun prüfen müssen, wo er ihn sieht. Aber: Ein Innenverteidiger ist Großkreutz auch mit Mentos nicht.

Artem Kravets ist wohl die große Wundertüte. Für eine Leihgebühr von einer halben Million Euro kann Robin Dutt nicht viel falsch machen. Bei Kaufinteresse würden mehreren Quellen zufolge am Ende der Saison fünf Millionen Euro fällig. Das ist ein ziemlich Riemen. Dafür müsste der Ukrainer deftig einschlagen – und zwar ebenfalls sofort. Viele Spiele Zeit wird er nicht haben. Daniel Ginzcek wird zurück kommen, spätestens im März. Bei Ladehemmungen oder Anlaufschwierigkeiten sähe sich Kravets schnell auf der Bank wieder. Denn Kramny hält große Stücke auf Timo Werner und wir das Eigengewächs nicht für den ukrainischen Leih-Stürmer opfern. Zumal auch taktisch eine Doppelspitze Ginczek/ Kravets wenig Sinn machen würde: Beide sind „Wand-Spieler“.

Erfreuliches am Rande

Unterdessen hat Filip Kostic angekündigt, den VfB nicht verlassen zu wollen. Zumindest noch nicht sofort. Das ist aller Ehren wert. Auch weil er wohl einer der dankbarsten Spieler des Trainerwechsels ist. Kramny liebt das Flügel-Spiel, will es nach eigener Aussage wiederbeleben (wofür übrigens auch die Verpflichtung von Großkreutz spricht). Klar ist: Kostic wird nicht mehr ewig zu halten sein. Nur einmal angenommen, die Rückrunde ist ihm gewogen – die Angebote werden wieder kommen. Und vermutlich auch jene 20 Schalker Millionen vom vergangenen Sommer übersteigen. Ähnlich wie bei Daniel Didavi spielt Kostic mit erstaunlich offenen Karten. Keine Treuebekenntnisse, die ohnehin niemand für bare Münze nähme. Kostic sieht Stuttgart als Durchgangsstation, wer will es ihm verdenken?

Mit Odisseas Vlachodimos und Carlos Gruezo sind zwei nicht verletzte Kandidaten ebenfalls nicht nach Belek mitgereist.Für beide gilt: Sucht’s euch etwas anderes. Für Vlachodimos ist das bitter, über Jahre hat er sich als künftige Nummer eins aufbauen lassen. Jetzt rutschte er durchs Raster. Ebenso wie Gruezo, von dem man sich viel versprach. Erstaunlich abgeklärt spielte er in seiner Anfangszeit, im zarten Alter und in einer völlig fremden Kultur. Nach einer katastrophalen Kurz-Phase – genau genommen war es nur ein wirklich dunkles Spiel in der vergangenen Saison – hat er sich nicht wieder gefangen. Ihn zieht es offenbar wieder zurück nach Süd- oder Nordamerika. Projekt Europa: Gescheitert. Beide Abgänge sind verschmerzbar. Es gäbe da noch den ein oder anderen Kandidaten…

Möge das Krönchen mit ihm sein. Bild: Hellebardius/flickr.com

Möge das Krönchen mit ihm sein. Bild: Hellebardius/flickr.com

Auf der Suche nach dem König

In der Schweiz gibt es pünktlich zum Dreikönigstag einen Brauch, wenn nicht sogar DEN Brauch der Eidgenossen: Sie decken sich zu Hunderttausend mit dem Dreikönigskuchen ein. Frei nach dem Ritual der Kür des Bohnenkönigs wird in diesem Hefegebäck (den Schwaben erinnert er an Zopf) ein kleiner Plastikkönig eingebacken. Wer das Stückchen mit dem König erwischt, darf sich die goldende Plastikkrone aufsetzen. Es wäre Robin Dutt zu gönnen, dass er sich heute in Belek ein Stückchen genehmigt. Und sich dabei heftig verschlucken muss: Die Entdeckung des Königs.

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Sportlich einwandfrei

Laut türkischen Medienberichten ist der VfB Stuttgart an einer sofortigen Verpflichtung von Kevin Großkreutz interessiert. Warum der Transfer Sinn machen würde.

Es gab Zeiten, da wurde Kevin Großkreutz als einer der vielseitigsten Spieler Europas gelobt. Trainer wie Lucien Favre oder Bruno Labbadia schwärmen dann gerne von „Polyvalenz“. Franz Beckenbauer würde es so ausdrücken: „Der kann’s links wie rechts.“ Genau genommen als Linksaußen, als Rechtsaußen, als Rechtsverteidiger…

Und dann gibt es da noch den – nennen wir es doch einfach – Menschen Kevin Großkreutz. Der sich selbst der Dortmunder Ultra-Szene zurechnet, was natürlich ein Gschmäckle hat nach dem Fahnen-Gate Anfang Dezember. Zum Menschen Großkreutz gehören Werbespots, die er besser nicht hätte mitmachen sollen. Es gehören Döner-Würfe in einem Hotel dazu. Genauso wie Wett-Pinkeln in die Lobby eines Berliner Clubs nach dem verlorenen Pokalfinale inklusive Pöbeleien gegen das Personal. Großkreutz hat sich nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft besoffen aufs Kinn gelegt und sich anschließend den WM-Pokal tätowieren lassen – obwohl er nicht einmal spielte. Schließlich wechselte er mit einigermaßen Frust im Bauch nach Istanbul, spielte dort wegen eines formellen Fehlers keine Sekunde und hat jetzt: Heimweh.
Mit anderen Worten: Kevin Großkreutz ist nicht bloß ein Typ, von denen es ja angeblich im Fußball keine mehr gibt. Er ist das Überbleibsel des echten Prolls. Man kann sich darüber lustig machen, ihm den goldenen Umberto verleihen. Seinen sportlichen Wert für eine Mannschaft zu vergessen, wäre allerdings falsch.

Erfahrung und Kämpferherz
Im Gegensatz zur Weltmeisterschaft, wo er ausschließlich schmückender Alleinunterhalter war, hat Goßkreutz am Gewinn der beiden Deutschen Meisterschaften und des Pokalsiegs von Dortmund erheblichen Anteil. Bekanntlich kann und konnte er es nie mit den technisch versierten Spielern à la Reus, Götze, Sahin und Co. aufnehmen. Aber er haut sich rein, bis zum letzten Körnchen. In Dortmund wird man dies bestätigen. Eine Haltung zum Beruf, an der es in Stuttgart nicht nur mancherorts mangelt.
Er rennt im Schnitt über 11,5 Kilometer pro Spiel. Ein Spitzenwert. Er hat die Erfahrung von 176 Bundesliga- und 29 Champions League-Spielen. In sechs Jahren beim BVB. Mit 27 Jahren ebenfalls nicht das schlechteste Zeugnis. Im Schnitt war er während seiner Dortmunder Zeit in jedem dritten Spiel an einem Tor beteiligt. 
Was ebenfalls viele ausblenden, die vor dem möglichen Wechsel die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Auf dem Platz ist Großkreutz trotz allen Einsatzes keine Drecksau. In seiner Profikarriere kassierte er nicht einmal die rote oder gelb-rote Karte.

Nach dem gescheiterten Abenteuer Türkei, ist Großkreutz Manns genug, die zweite Chance in der Bundesliga als Last Shot hinzunehmen? Gelingt ihm das, traue ich ihm sogar zu, zum Publikumsliebling zu werden. Vor allem aber zum sportlichen Leistungsträger, zu einem Einpeitscher. An sich ein Spieler wie gemacht für den Abstiegskampf.

Was gegen eine Verpflichtung von Großkreutz spräche? Die kolportierten 2,6 Millionen Euro Ablöse. Das ist deftig und dürfte an einen eventuellen Abgang von Filip Kostic geknüpft sein, dessen Position er einnehmen kann. Und dann wäre da noch die Saison 2014/15, in der sich Großkreutz unter anderem einen Müskelbündelriss zuzog und später am Knie operiert werden musste. Lange Ausfallzeiten waren die Folge. Auch wenn es seine erste schwere Verletzung war: Darauf gilt es zu achten. So wie auf die aktuell mangelnde Spielpraxis nach der unfreiwilligen halbjährigen Pause in der Türkei.

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