Vorschau 18. Spieltag: FC St. Pauli – VfB Stuttgart

Der wichtigste Baustein der Rückrunde: Wie geht Hannes Wolf mit einem fitten Daniel Ginczek um? Bild: Thomas Niedermueller/Bongarts/Getty Images

Der wichtigste Baustein der Rückrunde: Wie geht Hannes Wolf mit einem fitten Daniel Ginczek um? Bild: Thomas Niedermueller/Bongarts/Getty Images

Hannes Wolf hat ein Problem. Es ist vielleicht gleichzeitig das dankbarste und dennoch unangenehmste aller Fußballlehrer-Probleme. Wolf hat die Qual der Wahl. Bis auf Tobias Werner sind derzeit alle Spieler einsatzbereit, die für die Rückrunde in der 2. Liga Ansprüche auf Einsatzzeiten erheben können – über Jens Grahl und Hans Nunoo Sarpei muss hier nicht die Rede sein. Das heißt: Wolf muss bereits in Sankt Pauli harte Entscheidungen treffen. Und die werden nicht wie bisher nur Alexandru Maxim treffen, der zumindest laut seinem Berater mindestens das Potential für europäische Top-Clubs hat.

Was passiert mit Grgic, Pavard und Hosogai?

So könnte sich Anto Grgic, obwohl er eine starke Vorbereitung spielte und obwohl Wolf große Stücke auf ihn hält, in Hamburg zunächst auf der Bank wiederfinden. Weitere Namen, denen Ähnliches droht: Benjamin Pavard, Hajime Hosogai, Berkay Özcan. Alles Spieler, die in dieser Saison bereits ordentlich Spielzeit hatten. Alles aber auch Spieler, die Sinnbild für eine in Stuttgart kaum mehr gekannte Kaderdichte sind. War es in den vergangenen Jahren nicht eines der Grundprobleme, dass man froh sein musste, wenn es für jede Position wenigstens einen geeigneten Spieler gibt? Inzwischen scheinen sich nur noch, wie der Lagos-Reisende Philipp Maisel kürzlich im Brustring-Talk ausführte, Mitch Langerak und Emiliano Insúa auf dem bequemen Kissen der Konkurrenzlosigkeit ausruhen zu können. Natürlich liegt dies vor allem an der ungleich schwächer besetzen 2. Liga.

An sich reden wir hier von der Wunschsituation eines jeden Trainers. Gefühlt wird inzwischen heute doch über nichts mehr gesprochen als über „die vielen Verletzten“. Es ist die Gift-Schrank-Phrase Nummer 1 und scheint fast alles zu entschuldigen. Und dennoch: Wolf wird sich dieser Herausforderung der Auswahl stellen müssen. Sie könnte der Beweis für seine Autorität werden. Die meisten der oben genannten Spieler wird er wohl einfangen können – aus Altersgründen (Öczan, Pavard, auch Julian Green könnte dazu zählen) oder aus charakterlichen Gründen (Hosogai). Komplex wird die Sache im Fall von Daniel Ginczek.

Wie geht der VfB mit der Kaderdichte um?

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Bloß keine Quenglerei

Der hat endlich einmal wieder eine Vorbereitung mitmachen dürfen, ist entsprechend ungeduldig und zudem Liebling der Fans – hat aber nun einmal den besten Torjäger im Kader vor der Nase. Ich prophezeie: Ewig wird sich Ginczek nicht mit der Rolle als Stürmer Nummer zwei abfinden, seine Geduld wird endlich sein. Dann ist es an Wolf und Jan Schindelmeiser, ihm klarzumachen, wer in der Hinrunde elf Mal getroffen hat und wer sich deshalb zunächst hintanstellen muss. Zwei echte Spitzen wird es unter Wolf nicht geben, wir dürfen uns auf ein 4-1-4-1 oder ein 4-2-3-1 einstellen – je nach Gegner, je nach Spielsituation. Der denkbar schlechteste Schritt Ginczeks – wenngleich er in Stuttgart wenig verwundern würde – wäre der Gang an die Öffentlichkeit mit seinen Sorgen.

Hat Wolf vielleicht deshalb auch gelassen reagiert, dass der Kader nicht noch weiter aufgefüllt worden ist? Schätzt er die Mannschaft so ein, dass es vor allem auf ein Wir-Gefühl ankommt, um aufzusteigen – und nicht auf weitere Spieler? Weiß er, dass er keine Querulanten gebrauchen kann? Dass der Kader des VfB bereits jetzt locker die Qualität hat, direkt aufzusteigen, steht außer Frage. Die Rückrunde wird deshalb von zwei Fragen bestimmt werden: Kann Hannes Wolf Chef? Wie professionell verhält sich Daniel Ginzcek?

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Make Stuttgart great again: Warum Hannes Wolf der richtige Trainer für den VfB ist

45 Tage währt die Amtszeit von Hannes Wolf, wenn der VfB am Sonntag Arminia Bielefeld zum Heimspiel empfängt. Er könnte aus Stuttgart wieder eine Marke machen.

Eine Unterschrift für lange Zeit? Hannes Wolf kann den VfB Stuttgart in neue Höhen führen. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Eine Unterschrift für lange Zeit? Hannes Wolf kann den VfB Stuttgart in neue Höhen führen. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Hannes Wolf macht skeptisch. Wie kann ein Mensch zugleich derart nett, umgänglich, echt und dennoch kompetent sein? Im Trainergeschäft lässt sich das offenbar nicht in Einklang bringen. Das sagt mehr über die sozialen Standards des Fußballs als über die Stärken und Schwächen Wolfs aus. Als erfolgreicher Trainer habe man größenwahnsinnig und arrogant (José Mourinho/Diego Simeone), eigenbrödlerisch und stur (Pep Guardiola), oder wenigstens manisch (Jürgen Klopp) zu sein.

In Stuttgart waren die Hoffnungen und Sorgen gleichermaßen groß, als Jan Schindelmeiser Wolf vorstellte. Einen Trainer aus der BVB-Schule, geprägt vom Dialog mit Klopp und Thomas Tuchel. Die einen versprachen sich von ihm nach der drögen wie kurzen Phase unter Jos Luhukay einen jungen, frischen Hoffnungsträger. Die anderen spotteten über den nächsten „Jugendtrainer“ beim VfB – das habe schließlich schon einmal nicht funktioniert, mit Thomas Schneider aus dem eigenen Haus.

Danke, Jos

Inzwischen ist Wolf angekommen. Er hat das Potential und den Eifer, eine neue Ära beim VfB zu prägen. Er ist vielleicht sogar der erste Trainer seit Jahren, dem das zuzutrauen ist. Und er kommt vielleicht genau im richtigen Moment zum VfB, der darniederlag, der sich neu beweisen muss, der einen bitteren Gang durch die zweite Liga gehen muss. Denn, bei allem Respekt vor Bielefeld: Eigentlich würde man sich an diesem Wochenende doch lieber gegen Dortmund, Bayern oder ja, meinetwegen auch Leipzig spielen sehen.

Hannes Wolf erscheint in der öffentlichen Wahrnehmung erfolgreicher, als es die Ergebnisse eigentlich zulassen würden. In sechs Spielen mit dem VfB hat er zwar dreimal gewonnen, aber einmal auch nur Unentschieden gespielt und zweimal verloren – darunter ein Null zu *hust* in Dresden. Er selbst hat betont, dass er das große Glück hatte, einen Verein mitten in der Saison zu übernehmen, der qua Tabellenplatz eigentlich keinen neuen Trainer benötigt hatte. Nun kann man Luhukay vieles vorwerfen, doch er hat Wolf keinen lichterloh brennenden Scheiterhaufen hinterlassen. Sondern eine Mannschaft, die auf nahezu allen Positionen so aufgestellt ist, dass sie durch die zweite Bundesliga marschieren kann und am Ende auch Opfer des unlösbaren Zwists zwischen Luhukay und Jan Schindelmeiser war. Ein Bauer würde von einem bestellten Feld sprechen, der Bayer von der g’mahten Wiesn.

Vergesst den Straßenstrich

Alter spielt im Trainerwesen längst nicht mehr eine so große Rolle wie früher, das behaupten allenfalls die Granden anderer Generationen – Ottmar Hitzfeld, Otto Rehhagel. Ein heutiger Torwart-Rentner und früherer VfB-Keeper sagte einmal einen damals umjubelten Satz: Du kannst nicht jung und erfahren sein, außer auf dem Straßenstrich. Schade, weil der Satz ja irgendwie auch charmant war, aber er gilt nicht mehr. Wolf hat, wie viele seiner anderen jungen Kollegen in der Bundesliga, Erfahrungen gesammelt. Einerseits durch fast 200 Spiele als BVB-Coach. Andererseits bildet sich die heutige Trainergeneration ganz anders aus und fort als es früher der Fall war. Erfahrung muss nicht heißen: Ich muss mindestens 200 Spiele bei einem Bundesligisten an der Linie gestanden haben. Das mag manchen helfen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, ist jedoch kein Erfolgsgarant.

Die Fähigkeiten, auch Multimillionäre zu trainieren, die möglicherweise nahezu im selben Alter sind wie der Trainer, von 60.000 statt 1000 Zuschauern beobachtet zu werden, dem gesamten Mediensalat Stand zu halten. Das alles kann man, oder man kann es nicht. Wolf scheint zur ersten Gruppe zu gehören. Er scheint es zu schaffen, der Mannschaft ihre Sattheit, ihren Blues und den Schlendrian austreiben zu können. Langsam nur, aber erkennbar. Die Blamage in Dresden hätte sich hervorragend geeignet, um den üblichen VfB-Prozess in Gang zu setzen: Hoher Sieg gegen Fürth – die Spieler sind pappsatt und lassen sich von Dresden demontieren – und dann geht es eben dahin. Nun hat sie aber – wenn auch ohne Glanz und Gloria – danach reagiert, 1860 München besiegt und nach einem verschmerzbaren Pokal-Aus in Gladbach das der Stimmung nicht gerade abträgliche Spiel in Karlsruhe gewonnen. Nicht umsonst, wurde es in Sachen Marketing vom VfB derart ausgeschlachtet: Derbysieger-Erinnerungs-Tweets, Derbysieger-Shirts inklusive.

Hannes Wolf ist der erste Trainer seit Langem, dem zuzutrauen ist, seinen Vertrag (bis 2018) zu erfüllen. Das einzige was derzeit dagegen spricht: Ein anderer Verein schnappt ihm den VfB wieder weg, wäre mal wieder was Neues.

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