Keine Wahl – keine Qual?

Die Mitglieder des VfB Stuttgart haben am 8. Oktober die einmalige Möglichkeit, nicht wählen zu müssen. Dass der Aufsichtsrat ihnen diese Last abnimmt, findet jedoch nicht jeder gut.

Es brennt unterm VfB-Dach: Wolfgang Dietrich trifft als Präsidentschaftskader nicht nur auf Gegenliebe. Bild: www.vfb-bilder.de

Es brennt unterm VfB-Dach: Wolfgang Dietrich trifft als Präsidentschaftskader nicht nur auf Gegenliebe. Bild: www.vfb-bilder.de

„Krönung durch Mitglieder im November.“ Was habe ich mich amüsiert, als die Deutsche Presseagentur so titelte am 8. August. Es ging um die Wahl von Uli Hoeneß zum neuen alten Präsidenten des FC Bayern. Eine Wahl, die keine ist. Das Lachen hätte mir im Halse stecken bleiben sollen. Ich hätte nachdenken sollen, wenigstens vorbereitet sein. Nur eine Woche später taucht auf der Homepage des VfB Stuttgart eine neue Meldung auf. Wolfgang Dietrich stelle sich zur Wahl, lese ich da. Vielleicht habe ich ja nur ein seltsames Verständnis vom Begriff des Wählens. Aber setzt er nicht immer Voraus, dass ich mir etwas aussuchen kann oder muss? Oder jemanden? Der VfB steht den von mir eine Woche früher belächelten Bayern in nichts nach. Er ist ja bekanntlich auch der FC Bayern der 2. LIga.

Das Ende der Ära Bernd Wahler und die Neuwahl eines Präsidenten am 9. Oktober hätten eine Chance sein können. Eine Chance für den Aufsichtsrat, ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen an die Fans: Wir haben verstanden. Euch gefällt es nicht, wenn wir euch jedes Mal genau einen Kandidaten als Präsidenten präsentieren, den ihr dann bitte einfach abnickt. Nächster Punkt in der Tagesordnung. Kittel geflickt, wie man in Schwaben so schön sagt. Dietrich erfülle – so die Mitteilung des VfB – alle erforderlichen Anforderungen. Mit anderen Worten: Er kennt den Profifußball, ist auf diesem Feld gut vernetzt, besitzt Wirtschaftskompetenz und Führungsqualitäten und – Achtung, ganz wichtig jetzt – bekennt sich klar zum VfB.

Hauptsache Ehrenamt

Auf seiner Homepage schreibt das Commando Cannstatt, immerhin gewichtigstes Sprachrohr der Stuttgarter Fanszene, dazu: „Die Möglichkeit einen zweiten Kandidaten ins Rennen zu schicken, wird mit der Begründung vom Tisch gewischt, Wolfgang Dietrich sei der optimale Kandidat. Diese Aussage wollen wir mit Nachdruck anzweifeln.“ Im Pokalspiel in Homburg am Samstag zeigten sie ein Spruchband mit der Aufschrift: „Echter Neuanfang statt Spaltung“ sowie das Profil von Wolfang Dietrich, auf dem „Spalter“ zu lesen war. Zwei Dinge stoßen dem Commando Cannstatt auf – und nicht nur den dort vernetzten Fans: Erstens seine Rolle beim Bahnprojekt Stuttgart 21 und zweitens das „undurchsichtige Firmengebilde hinter Herrn Dietrich“.

Die Vereinssatzung des VfB ermöglicht die Nominierung eines zweiten Kandidaten ausdrücklich. Der Aufsichtsrat habe sich gegen diese Möglichkeit entschieden, weil bei anderen Kandidaten, mit denen er sich beschäftigte „keine Bereitschaft für eine ehrenamtliche Tätigkeit vorlag“ oder aber mindestens eine der oben genannten Anforderungen fehlte. Ehrenamtliche Tätigkeit, das muss es also sein. Spätestens bei diesem Argument musste der Aufsichtsrat denken: Wenn das beim sparsamen Schwaben nicht zieht, was sollen wir ihnen denn dann noch bieten? Da schafft einer umsonst. Für unseren VfB.

Viereinhalb Jahre war Dietrich Sprecher des umstrittenen Projekts am Stuttgarter Hauptbahnhof. Das disqualifiziert ihn natürlich nicht für die Position des Vereinspräsidenten. Warum sollte es? Man kann zu Stuttgart 21 stehen, wie man will. Für das Wohl und Wehe des VfB spielt die Frage nach Kopf- oder Durchgangsbahnhof eine eher untergeordnete Rolle. Die Frage muss lauten: Verträgt es der Club, einen Mann an seiner repräsentativen Spitze zu haben, der zu polarisieren weiß? Gegen einen streitbaren Kopf ist nichts einzuwenden, war Bernd Wahler doch in Zeiten der schlimmsten Krise des Vereins erstaunlich blass geblieben. Das vom Commando Cannstatt erwähnte undurchsichtige Firmengebilde zielt wohl auf die Firma Quattrex ab, deren Vorsitzender und Hauptaktionär er war. Quattrex war unter anderem als Investor der Stuttgarter Kickers aktiv, rettete den Verein mit einer Einlage offenbar vor der Insolvenz. Ein Engagement bei den Blauen? Für VfB-Fans ist das allein schon ein Grund für mittelschwere Bauchschmerzen.

Herr Altenativlos

Mir persönlich liegt Konkurrenzdenken, gar Hass gegenüber dem kleinen Stuttgarter Verein aus Degerloch fern. Wahrscheinlich, weil ich sie nie auf Augenhöhe mit den Roten erlebte. Sie sind für mich eher der kleine Bruder, der es halt doch nie so richtig gepackt hat im Leben, den man aber trotzdem liebhaben kann. Insofern disqualifiziert Dietrich auch diese berufliche Vergangenheit (er hat sich vor sechs Jahren von Quattrex zurückgezogen) nicht. Auf der anderen Seite hebe ich Dietrich sicher nicht in den Himmel der Herzen, nur weil er ehrenamtlich als Präsident arbeiten möchte oder soll. Er hat vermutlich schlicht finanziell ausgesorgt, die zusätzlichen Kontakte über den VfB werden ihm – sollte er einstmals wieder als Präsident aufhören – allerdings auch nicht schaden. Ergo: Es liegt mir fern, Wolfgang Dietrich zu bewerten. Positiv wie negativ. Weil ich ihn nicht kenne und mich über zweite und dritte Quellen über ihn informieren muss.

Und da liegt das Problem, die Hürde, an der sich viele VfB-Fans stoßen: Sie hätten sich zumindest einen zweiten Kandidaten gewünscht, mit dem sie sich irgendwie verbunden fühlen. Einen fürs Herz. Typ: Opa mit Wohlstandsbauch, der eigentlich lieber mit dem Enkel in der Kurve sitzen würde und danach ein bis zwei Bier trinkt und den Rostbraten genießt. Das mag die Denke von vorvorgestern sein, aber so sind wir Fußballfans eben. Dass der Präsident eines Fußballvereins heute eher eiskalt kalkulierender Technokrat mit BWL-Studium als einfacher Fan sein muss, geht uns nicht so leicht in den Kopf. Vielleicht wagt der Aufsichtsrat deshalb keinen Alternativkandidaten. Er muss überzeugt sein: Wolfgang oder nix. Alternativlos. Das kennt man ja noch beim VfB – und wer quält sich schon gerne mit einer Wahl?

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One thought on “Keine Wahl – keine Qual?

  1. Das interessante beim VfB ist ja auch, dass der frühere „ehrenamtliche Präsi“ M-V eine Entschädigung für seine ehrenamtliche Tätigkeit in Höhe von 300 Tausend DM/Jahr ehalten hat und das neben seinem Ministergehalt ! Insoweit ist das „ehrenamtliche Engagement“ nur eine Verschiebung der Kommastelle um eins nach rechts….;-) Das sollte der geneigte VfB-Anhänger auch wissen ! Aber für eine Wahl des Präsidenten ist gemäß § 15 Absatz 3 a der Vereinssatzung eine „Mehrheit der abgegebenen Stimmen“ erforderlich ! Das heißt im Umkehrschluss 50 % + 1 Stimme der abgegebenen Stimmen. Es liegt also an den VfB-Mitgliedern selbst, sie tragen also auch die Verantwortung, ob der der Aufsichtsrat diese Mehrheit für den vorgeschlagenen Kandidaten erhält !

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