Confessions of dangerous minds

Der VfB Stuttgart bereitet sich auf die nächste Saison vor. Spieler und Fans, Manager und Sponsoren bekennen sich eifrig zu zweiten Liga. Warum diese Signale nicht zwingend lobenswert sind.

Weisen diese Finger bereits in Richtung 2. Liga? Bild: www.vfb-exklusiv.de

Weisen Jürgen Kramnys Finger bereits in Richtung 2. Liga? Bild: www.vfb-exklusiv.de

Bernd Wahler muss ziemlich gefährlich leben. Täglich, nein stündlich trudeln beim Präsidenten des VfB Stuttgart neue Bekennerschreiben ein. Fans verkünden voller Stolz, dass sie ihre Dauerkarte verlängern; Sponsoren verlängern ihre Verträge oder weiten ihr Engagement gar noch aus; der Sportchef bietet an, auch für das halbe Gehalt zu arbeiten; die Stadtverwaltung will in Sachen Stadionmiete gesprächsbereit sein; und – am wichtigsten – die Spieler verkünden im Dutzend die Treue zum Verein. So weit, so löblich. Schade, dass bei all diesen Versprechungen der Nachsatz „auch in der 2. Liga“ mitschwingt.

Mitch LangerakSerey DiéKevin GroßkreutzRobin Dutt
Ich bin nach Stuttgart gekommen, um erfolgreich zu sein. Jetzt haben wir bisher ein richtig schlechtes Jahr gehabt, aber ich will mithelfen, das wieder gutzumachen und in der kommenden Saison erfolgreicher zu sein. Und sollte der schlimmste Fall eintreten, dann will ich helfen, schnell wieder hochzukommen.
Ich hatte gute Gespräche mit Robin Dutt und dem Klub, ich würde bleiben und alles dafür geben, dass wir sofort wieder aufsteigen.
Robin Dutt hat mir das Vertrauen geschenkt und mich nach Stuttgart geholt. Das will ich ihm und dem Klub zurückzahlen. Deshalb würde ich auch in die 2. Liga mitgehen und helfen, Stuttgart wieder in die Bundesliga zu bringen.
Wir waren nicht perfekt. Ich will das wieder ausbügeln.

Klärt das doch bitte später!

Fakt ist: Der VfB Stuttgart ist noch nicht abgestiegen, das dauert noch mindestens bis Samstag gegen 17.30 Uhr. Die Treueschwüre kommen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt und lassen vermuten, dass hier schon sehr viele mit der Erstklassigkeit ihres Vereins abgeschlossen haben. Freilich, es ist unerlässlich, die kommende Saison anständig vorzubereiten. Doch dies muss Robin Dutt natürlich längst getan haben. Wenn es nicht undenkbar wäre, könnte man meinen: In Stuttgart herrscht Vorfreude auf die 2. Liga. Zugegeben, ich sah ja selbst düsterstes Schwarz nach dem Spiel gegen Mainz. Selbst gewinnen müssen und auf andere hoffen? Keine gute Kombination. Aber, um dieses unsägliche Bonmot zu bemühen: rein rechnerisch ist ja noch alles möglich. Warum also gab der VfB gerade jetzt die Vertragsverlängerungen von Christian Gentner (bis 2019) und Daniel Ginczek (2020) bekannt? Kam dem Verein die Zeitung „Die Welt“ dazwischen, die die weitere Zusammenarbeit mit dem Kapitän bereits vorab vermeldete und dem VfB somit das Heft des Handelns entriss? Die Verlängerungen hätten früher oder eben später vermeldet werden können. Aber nicht genau jetzt. Einmal hätte die VfB-Standardantwort „Wir konzentrieren uns voll aufs nächste Spiel“ so richtig Sinn ergeben. Und dann das.

Dutt selbst sagt: Nach der Saison möchte er klare Ansagen der Spieler haben. Richtig, NACH der Saison. Man darf die vielen Treuebekenntnisse durchaus kritisch sehen. Dass Daniel Ginczek für den VfB unersetzlich ist, sah man in der Rückrunde. Eine kluge und überraschende, aber auch riskante Vertragsverlängerung – Stichwort Verletzungsanfälligkeit. Auch Serey Dié in Bestform wird Stuttgart weiter gut tun, Kevin Großkreutz ist neuerdings eh unersetzlich, ungeachtet seinem desolaten Auftritt gegen Mainz. Aber wie sieht es eigentlich beim Kapitän aus? Gehört Gentner nicht just zu denen Spieler, die sinnbildlich für den Typ Spieler stehen, an dem der Stuttgarter Fußball seit Jahren krankt? Man hatte das Gefühl, sein Tor gegen Mainz – so unnütz es am Ende war – war einer seiner ersten Gefühlsausbrüche. Muss man sich in diesem Zusammenhang nicht auch fragen: Wäre die Erfahrung von Georg Niedermeier und Daniel Schwaab nicht wichtig für die 2. Liga? Würde Niederstrecker nicht den kampferprobten Abräumer in den „Drecksspielen“ quer durch Deutschland abgeben? Denn sie haben es auch nicht wesentlich besser oder schlechter gemacht als Gentner – mit Ausreißern nach oben und nach ganz unten.

It’s about time

Es interessiert mich (noch) nicht, was ab 14. Mai abends passiert, erstmal will ich mir noch am kommenden Donnerstag die Relegation geben müssen. Dieses Denken sollte bei den Spielern in die Großhirnrinde tätowiert sein. Und nicht die Frage, ob Langerak, Großkreutz, Emiliano Insua, Timo Baumgartl, sowie Gentner, Dié, Lukas Rupp und Alexandru Maxim die künftige Achse beim VfB bilden. Über den Kader 2016/17 könnte man sich nur dann Gedanken machen, wenn man seit Wochen irgendwo in der Tabellenmitte herumirrt. Ist aber nicht so. Deshalb ist es auch ganz gleich, ob Dutt auf die Hälfte seines Gehalts verzichtet (und dafür weiterhin Sportchef ist). Oder ob Bernd Wahler schnellstmöglich seinen Posten räumen muss und wer der neue Trainer wird.

Wir Fans dürfen uns darüber Gedanken machen, dürften zetern, schimpfen und Sprüche klopfen. Für die Medien gehört das ebenfalls zum Teil des Geschäfts, Spekulationen machen Spaß, füllen Seiten und sichern Clicks. Aber wäre es nicht schön, wenn es allen aktiv Beteiligten am Samstag schlicht um eines ging: Das Rote in den Augen leuchten lassen, Wolfsburg zu zeigen, was Charakter im Fußball bedeutet und dann notgedrungen Eintracht Frankfurt alle schwäbische Liebe der Welt wünschen? Und wenn das nicht klappt, dann hat man sich wenigstens mit Anstand und Würde verabschiedet.

It’s about time: Wie endet die Saison vom #VfB?

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