Zeit zu gehen

Der VfB Stuttgart und die erste Bundesliga gehen in der kommenden Saison wahrscheinlich getrennte Wege. Man hat sich jahrelang auseinander gelebt und scheidet in Frieden.

Samstag, 7. Mai 2016 - ein Verein schafft sich ab. Bilder: www.vfb-bilder.de

Samstag, 7. Mai 2016 in Stuttgart – ein Verein schafft sich ab. Bilder: www.vfb-bilder.de

21. Februar 2016, Unentschieden gegen den FC Schalke 04. Experten, Konkurrenten, Blogger, Podcasts, Fans, Spieler, Vorstand – alle sind sich einig: Der Klassenerhalt des VfB Stuttgart ist reine Formsache. In den folgenden elf Spielen holt der VfB noch fünf Punkte, ein beispielloser Absturz folgt. Er wurde am Samstag endgültig besiegelt, der zweite Abstieg steht fest. Natürlich ist es weiter Fan-Pflicht, sich an die kleine Hoffnung Relegation zu klammern. Dazu müsste eine desolate Stuttgarter Mannschaft zunächst einmal in Wolfsburg gewinnen – womöglich scheitern die Rechenspiele also schon an der eigenen Aufgabe. Ich sah am Samstag eine Mannschaft, die sich aufgegeben hat. Und ich meine nicht die Szenen nach dem Abpfiff, sondern die 90 Minuten, als die Spieler die Gelegenheit hatten, sich zu wehren. Wenn es gegen den Abstieg geht, erwarte ich von meiner Mannschaft wenigstens, dass sie ihre Zweikämpfe gewinnt. Blöd, dass die Defensive dazu nicht geeignet ist; blöd, dass die Offensive spielerisch glänzen, aber nicht kämpfen kann. Der VfB – zeitweise noch als Chancen-Maschine der Liga bezeichnet – schoss gegen Mainz acht Mal aufs Tor, die meisten Versuche hatte Linksverteidiger Philip Heise.

Konnte Kramny es nicht besser?

Jürgen Kramny wollte Mut beweisen im letzten Heimspiel, er ist kläglich gescheitert. Die Viererkette stellte er komplett um, überzeugt hat hier nur Timo Baumgartl. Warum er nach Verletzung und Krankheit derart lange außen vor war, weiß Kramny wohl nur selbst. Neben ihm versuchte Toni Sunjic zu verteidigen. Es blieb leider beim äußerst traurigen Versuch. Man könnte die Positionen so weiter durchgehen und würde wenige bis keine Ausreißer nach oben ausmachen. Kramny entschied sich auch, Martin Harnik und Florian Klein komplett aus dem Kader zu streichen. Das sorgte für viel Zustimmung seitens der Fans, die beiden Österreicher gelten bekanntlich als Ausgeburt der Stuttgarter Fußball-Hölle. Und ja: Keiner von beiden konnte überzeugen in dieser Saison. Damit reihen sie sich zwischen 20 weiteren Spielern ein. Harnik hätte dennoch in einem solchen Spiel den Unterschied machen können, irgendeinen Ball reinwurschteln. Stattdessen komplett ohne Stürmer zu starten – wie gesagt: Kramny war mutig. An Charisma fehlte es ihm von Beginn an, von Souveränität konnte ich wenig erkennen. In den vergangenen Spielen hat er zudem dafür gesorgt, dass seine fachliche Qualität infrage gestellt werden muss. Ein Trainer, der gleich zwei Mannschaften in den Abstieg begleitete, muss sich diesen Vorwurf gefallen lassen. Fragen an Kramny könnte man genug stellen: Warum erhielt Mitchell Langerak seine Chance so spät? Warum wirft er im wichtigen Spiel gegen Mainz nicht nur den Kader, sondern auch die Taktik über den Haufen?

Am Ende bleibt der Eindruck: Kramny ist irgendwie ins Profitrainer-Geschäft reingerutscht, seine Beförderung zum Cheftrainer gleicht einem Zufall. Vielleicht war er der letzte, der sich wehren konnte, als Robin Dutt einen Nachfolger für Alexander Zorniger suchte? Fand der Sportchef schlicht keinen „besseren“? Kramny wirkte während der Niederlagenserie zum Ende der Saison überfordert und, ja: ratlos. Sein Mangel an Erklärungen für die radikalen Umstellungen vor dem Spiel gegen Mainz (die ja nach einem 2:6 durchaus zu erläutern gewesen wären) lässt tief blicken.

Kevin der Große

Es gefällt mir nicht, dass mit Jürgen Kramny ausgerechnet ein Trainer den lange erarbeiteten Abstieg begleiten muss. Denn persönlich lebt er diesen Verein, der VfB ist ihm eine Herzensangelegenheit. Das sollte man bei all der (durchaus gerechtfertigten) Lobhudelei auf Kevin Großkreutz nicht vergessen. Kramny war auf der Pressekonferenz nach dem Spiel sichtlich angefasst, wenn das heute als Nachweis gelten soll für „echten Fußball“. Dennoch darf man Großkreutz durchaus erwähnen. Wie er nach dem Spiel reagierte, beeindruckt in Zeiten von glatt gebügelten, perfekt geschulten Medien-Profis, die in der Mixed Zone mal eben ein Interview runterschnodddern. Großkreutz ist nicht einmal ein halbes Jahr in Stuttgart, er weiß aber offenbar gut genug, das er dem Verein zu verdanken hat,noch einmal in der Bundesliga spielen zu können.

„Wir sind verantwortlich. Ich bin sprachlos, es tut mir leid für die Fans.“ (Kevin Großkreutz)

Es ist ein Armutszeugnis für den restlichen Kader, wenn die VfB-Fans jenem Kevin Großkreutz, der noch bis vor kurzem eine Witz- und Hassfigur war, nach dem Abpfiff huldigen und NUR ihm huldigen. Und nicht etwa Christian Gentner, der nahezu seine gesamte Karriere in Stuttgart verbracht hat. Das Netz feiert Großkreutz für seine Tränen vor dem Sky-Mikro und er erscheint ihnen als einziger Lichtblick in der wahrscheinlichen Zweitligasaison. Während Bernd Wahler, der zweite Stuttgarter, der sich äußerte, seltsam gleichmütig wirkte, die Fragen des Reporters mit einem leichten Lächeln beantwortete. Kurios, tatsächlich ist Großkreutz einer der wenigen Spieler, denen zuzutrauen ist, den VfB wieder zurück in die Bundesliga führen zu können und zu wollen. Er hat das richtige Alter, die nötige Erfahrung, das Herzblut und die Einstellung für Drecksspiele gegen Aue, Bielefeld, Sandhausen und Co.

Außer Kevin könnt ihr alle gehen - das Netz und die Fans feiern Großkreutz.

Außer Kevin könnt ihr alle gehen – das Netz und die Fans feiern Großkreutz für seine Emotionen.

Geht, oder ihr werdet gegangen

Um eines klar zu stellen: Der Abstieg ist das Schlimmste, was einem Fußballverein passieren kann. Ich kann sie nicht mehr hören, die Beschönigungen: Es sei gut für den VfB mal runter zu gehen, da kann endlich aufgeräumt werden; ein Abstieg sei wie ein reinigendes Gewitter. Wir leben nicht mehr in den 70er-Jahren, als die Zweitklassigkeit tatsächlich kurzfristig verkraftbar war. Frankfurt-Präsident Heribert Bruchhagen hat einmal gesagt: Der Abstieg koste einen Verein heutzutage zwischen 20 und 30 Millionen Euro. Bedenkt man, dass in der übernächsten Saison ein neuer TV-Vertrag große Summen in die Kassen schwemmt, ist der VfB dazu verpflichtet, wieder direkt aufzusteigen. Andernfalls stürzt er mit großer Wahrscheinlichkeit in die absolute Bedeutungslosigkeit ab. Kaiserslautern, Bochum, Bielefeld, Duisburg und 1860 München lassen grüßen. Der VfB Stuttgart ist nicht der SC Freiburg, der mit Auf- und Abstiegen plant und sich entsprechend aufstellt.

Natürlich wird er nun kommen, kommen müssen: Der radikale Umbruch. Der VfB muss einen Etat extrem verschlanken, die teuren Spielerverträge – wenngleich sie auch Gültigkeit für die 2. Liga haben – kann er sich schlicht nicht leisten. Es wird Ausstiegsklauseln geben. An dieser Stelle fällt dem VfB nun genau das auf die Füße, wofür er sich die ganze Saison auszeichnete: „Der Kader ist ja viel zu gut für den Abstieg“, hieß es allerorten. Bei der großen Entrümpelung darf nun keinesfalls der Fehler begangen werden, genau jene Spieler zu halten, die überhaupt für den Niedergang verantwortlich zeichnen – aus Mangel an Alternativen. Wenn schon Wandel, dann gehörig! Und wenn der (doppelte) Abstieg überhaupt eine Chance bietet, dann ist es die, dass die größten Talente der U23 beim VfB bleiben könnten. Möglicherweise werden sie schneller gebraucht, als sie sich erträumten. Ich jedenfalls sehe lieber den eigenen Nachwuchs Fehler machen und aus diesen zu lernen, als vermeintlich gestandene, zufriedene Alt-Profis.

Wer den Umbruch vollziehen wird, ist noch nicht in Aussicht. Wer ihn nicht vollziehen dürfte, sollte klar sein. Weder Vorstand, noch Sportchef, noch Trainerteam sollten am 1. Juli noch im Amt sein. Ein Trainer, der den Abstieg (mit)verantwortete, hat keinerlei Argumente – nicht vor den Spielern, nicht bei den Fans. Bernd Wahler ist in seiner Amtszeit als Präsident krachend gescheitert, er sollte den Anstand haben, entsprechend zu reagieren und anderen, besseren den Vortritt lassen. Und wenn sich Dutt zu diesem Schritt für sich nicht durchringen kann, dann haben andere diese Aufgabe zu lösen.

„Wir haben uns letztes Jahr für einen Weg entschieden, der auch den Worst Case eines Abstiegs vorgesehen hat. Wenn es nun so kommt, dann werden wir sehr gut vorbereitet sein.“ (Robin Dutt)

Letztlich ist es jetzt am Aufsichtsrat, den Verein auf die zweite Liga vorzubereiten. Nicht mehr an Dutt also, sondern an einem Mini-Gremium aus Wirtschaftsweisen, ohne sportliches Know-How. Ganz ehrlich: Gerade gibt es stille Minuten, in denen sehne ich mich nach Gerhard Mayer-Vorfelder und Dieter Hundt zurück. Vermutlich wäre spätestens am 15. Mai dann am Wasen kein Stein mehr auf dem anderen. Unter Wahler und seinem Team muss man wohl eher damit rechnen, dass es ab da schlicht #Neuanfang hieße.

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