Schwäbisch Roulette

Warum arbeiten andere Vereine eigentlich so viel besser als der VfB Stuttgart und haben ihn links und rechts überholt? Weil viele Rädchen funktionieren und weil der Wille da ist. Eine Analyse vor dem Abstiegsfinale.

Montagsspiele drohen beim VfB zum Alltag zu werden. Bild: www.vfb-bilder.de

Montagsspiele drohen beim VfB zum Alltag zu werden. Bild: www.vfb-bilder.de

Über mangelnde Spannung muss man sich als VfB-Fan nicht beschweren. Schade eigentlich. So eine Saison als graue Maus der Bundesliga hätte Stuttgart ganz gut zu Gesicht gestanden. War ja auch das angemessene Ziel im vergangenen August. Für Top-Platzierungen sprach die überdurchschnittliche Offensive um Daniel Didavi, Filip Kostic, Daniel Ginczek und Talent Timo Werner; für Abstiegskampf sprach die vogelwilde Abwehr, die nicht ausreichend verstärkt wurde. Der X-Faktor sollte ein selbstbewusster Trainer sein, der sich bald als realitätsfremd erweisen sollte. Macht also: Irgendetwas zwischen Rang acht und zwölf wird wohl runterfallen. Blöd nur, dass Arithmetik im Fußball noch nie funktioniert hat.

Der VfB spielt Russisch Roulette, benutzt dafür aber fünf Patronen statt einer. Nun zum dritten Mal in Folge. Gegen Wolfsburg am letzten Spieltag wird man schon irgendwie gewinnen, die haben erstaunlicherweise ja noch weniger Bock als ihre Stuttgarter Kollegen. Leider kann man sich mit einer Niederlage am Samstag bereits eine der fünf Kugeln ins Hirn gejagt haben.

Warum machen eigentlich so viele andere Mannschaften so vieles besser als der VfB? Mit lachhaft minderen Voraussetzungen? Ich weiß schon, dieser Gedanke ist etwas verbraucht, weil sooft herbeizitiert. Aber er ist es, der mir in den letzten Wochen nicht aus dem Kopf wollte. Ich bin mir inzwischen sicher, es gibt nicht DIE eine Antwort auf die obige Frage. Eines meine ich aber zu wissen: Mit Glück hat der Erfolg der Konkurrenz höchstens marginal zu tun. Viel eher geht es um den Faktor Kompatibilität. Das klingt jetzt verdammt wissenschaftlich, brechen wir es also runter: Trainer und/ oder Spieler und/ oder Manager, ja sogar Vorstand und Aufsichtsrat „funktionieren“ bei manchen Vereinen, bei anderen eben nicht. Muss ich erwähnen, in welche Kategorie der VfB fällt?

Entwicklung? Welche Entwicklung?

Mainz profitierte jahrelang von Christian Heidel, der – Ausnahmen bestätigen die Regel – bei der Trainerbesetzung ein äußerst glückliches Händchen bewies; Augsburg profitierte vom vermeintlichen Hemdsärmel-Duo Reuter und Weinzierl; zum Holztribünen-Image von Darmstadt scheint Dirk Schuster charakterlich zu passen. Die Liste wäre endlos fortzusetzen, was nicht gerade für Stuttgart spricht. Selbst in Köln, wo jahrelang Chaos in der Führung herrschte, bekommt man den Eindruck: Das passt, da entwickelt sich etwas.

Dem VfB traue ich das derzeit auch nach langem Überlegen nicht zu. Man wird den Eindruck nicht los, der Verein mache – wenn er denn überhaupt einmal reagiert – oft das Falsche. Auf der Trainerposition haben die Schwaben in den vergangenen fünf Jahren so ziemlich jeglichen Typus durch: Autokraten, Spielerkumpel, Laptop-Trainer, Nachwuchscoach. Man ist geneigt dazu, sich zu überlegen, was als nächstes kommt – die Halbwertszeit von Jürgen Kramny schätze ich als eher gering ein. Als Manager hat man nach dem Abgang von Geldschleuder Horst Heldt auf eine Vereinslegende gesetzt, mit bescheidenem Erfolg. Dass für Robin Dutt immer noch keine Bewertung zu fällen ist, spricht für sein Mäandern im Ungefähren, Halbgaren. Als Sinnbild kann man hier die missglückte Lösung der Innenverteidiger-Problematik sehen. Dutt reagierte zu spät – was wohl auch mit den zähen Verhandlungen rund um die Personalie Antonio Rüdiger zu tun hat. Dann präsentierte er Toni Sunjic, der den Ansprüchen bei Weitem nicht genügte; mit Federico Barba schoss Dutt erneut ins Blaue, das Ergebnis ist bekannt. Und so hantiert der VfB mit einer Abwehr, die nur in Anführungszeichen als eine solche zu bezeichnen ist und von ganz Fußball-Deutschland mit Kopfschütteln betrachtet wird. Eine Entwicklung, die leider bereits zu Beginn der Saison absehbar war. Und gehört eigentlich wirklich nur Glück oder Pech dazu, wenn man im Sturm statt beispielsweise Alfred Finnbogasson Artem Kravets verpflichtet – ohne ernsthaftes Scouting des Ukrainers?

Getestet und für satt befunden

Der VfB wird zum Versuchslabor, hier darf sich jeder mal ausprobieren. Aber eben nicht die besten und talentiertesten in ihrem Bereich – sondern buchstäblich JEDER. Das passt zum Geschehen auf dem Platz, denn zu Talent gehört der Hunger danach, mehr zu erreichen; sich eben nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufrieden zu geben. Wenn nicht sogar wörtlich so geäußert, dann vermittelten die Spieler nach dem überraschend erfolgreichen Rückrundenstart mindestens mit ihrer Körpersprache: Ist doch alles ganz lauschig, hinten wird’s eh nicht mehr eng, lassen wir die Saison mal locker auspendeln. In Darmstadt beispielsweise leben sie das Gegenteil vor: Zahlreiche Spieler, deren Karriere fast beendet schien, reißen sich dort (zumindest von außen betrachtet) den Hintern auf. Weil sie eben nicht so verflucht satt sind.

Ich brauche keine Leitwölfe im klassischen Sinne, dieser Typ Spieler existiert (bald) nicht mehr. Aber was nützen mir 20 von 25 (selbst)zufriedene Kicker, die zwar lieb und nett sind, aber eben auch satt – unabhängig davon, wie lange ihre Karriere noch währen wird.

In stillen Momenten denke ich darüber nach, wie Dutt versucht, potentielle Neuzugänge vom VfB oder gar dem „Stuttgarter Weg“ zu überzeugen. Und vergleiche das dann mit den Voraussetzungen, die Jörg Schmadtke, Alexander Rosen oder Rouwen Schröder haben. Mir kommen dann fast die Tränen. Weil mir nichts einfiele, nach Stuttgart zu wechseln, außer der schieren Schönheit der Stadt. Aber leben lässt es sich eben auch in Mainz oder Augsburg gut und nach Sinsheim pendelt man notfalls von Heidelberg aus.

Dass sich Dutts Verhandlungsposition stark verbessern würde, sehe ich als völlig unrealistisch. Selbst wenn der VfB noch die Klasse hält, was ich diese Saison auf wundersame Weise noch schwerer einschätze als 2014/15. Didavi ist schon weg, Kostic wohl so gut wie, wie und ob Ginczek nach seinen zig Verletzungen zurückkehrt, ist unklar. Auf welcher Position besitzt Stuttgart dann noch Qualität, die für mehr sprächen? Notgedrungen arbeitet man weiter mit dem, was dann eben noch an Spielern auf dem Hof steht – verlängert womöglich sogar noch Verträge, deren Verlängerung einem mephistophelischen Pakt gleicht. Ein Schreckensszenario, ähnlich sexy wie künftige Montagsspiele gegen Sandhausen, Aue und Bielefeld.

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