Endlich Mittelmaß

Man muss sich ziemlich lange die Augen reiben als Fan des VfB Stuttgart. Punktausbeute aus den vergangenen vier Spielen: Zwölf. Das gab es zuletzt irgendwann um die Jahrtausendwende – fast zumindest.

Samstag, 17.30 Uhr - der Würfel in Frankfurt sitzt. Bilder: www.vfb-bilder.de

Samstag, 17.30 Uhr – der Würfel in Frankfurt sitzt. Bilder: www.vfb-bilder.de

Wer erinnert sich eigentlich noch an den 7. Mai 2011? Auch in jener Saison war der VfB Stuttgart lange nicht vorm Abstieg gefeit. Erst durch einen Endspurt machte die Mannschaft, damals noch von Bruno Labbadia trainiert, den Klassenerhalt klar. Jürgen Kramny war damals schon beim VfB, es war sein erstes Jahr als Trainer der zweiten Mannschaft. Wie ist das eigentlich mit der Unternehmenshierarchie beim VfB? War Kramny damals eine Stufe unter Labbadia? Und wie hat Armin Veh das gehandhabt? Jedenfalls: Beide hatten gegen den einstigen „Lehrling“ das Nachsehen.

Ich gebe zu: Ich war skeptisch, als Kramny übernahm. Erst recht, als er von der Interims- zur Dauerlösung aufstieg. Ich dachte sogar ähnlich wie Fredi Bobic. Kein schlechter Mann, ja. Aber Bundesliga? Hat der nette Herr, den ich im Medienräumchen des Höhen-Stadions in Degerloch Kaffee schlürfend kennenlernen durfte, die Härte und das Charisma für den Job? Kurz gesagt: Mea maxima culpa. Kramny macht das dermaßen gelassen und seriös, dass es einen leicht schaudert. Wo nimmt er diese Ruhe her? Stilistisch eignet er sich als das Antipod zu Vorgänger Alexander Zorniger, der immer etwas zu aufgedreht wirkte. Kramny kommt an, Erfolg macht eben doch sexy. Ob er wirklich der tätschelnde Onkel-Typ ist, zu dem er aktuell in den Medien gemacht wird, darf hinterfragt werden. Aber er kann Menschlichkeit und das ist es, was die Spieler im Moment wohl brauchen. Neben der Tatsache, dass er sie gemäß ihrer Stärken aufstellt. Und nicht in ein theoretisches taktisches Konstrukt zwängt, wie in eine zu eng gewordene Jeans. Was wäre wohl gewesen, wenn… Zu schade, dass der Fußball so schlecht Konjunktiv verträgt.

Willkommen im Mittelmaß

Stuttgart steht auf dem ersten Tabellenplatz der Rückrundentabelle. Sei’s drum. Wichtig ist nicht die Rückkehr ins Mittelfeld der Tabelle. Klar dürfte man sich freuen, wenn man mal wieder 15 Sekunden kürzer warten muss, wenn die Tabelle eingeblendet wird, weil der VfB in der ersten Hälfte platziert wird. Im Moment zählen jene fünf Punkte. Das ist der Abstand zum Relegationsplatz. Wäre es nicht schon eine Wonne, zur Abwechslung mal wieder nicht bis in den Mai rechnen zu müssen? Wie viele Siege brauchen wir noch? Gegen wen könnte gepunktet werden? So eine Saison trocken zuende zu spielen – das hätte schon etwas.

Was die Seele allerdings noch viel mehr streichelt: Man wacht am Spieltag nicht mehr mit diesem Missmut auf. Ergebnisse hin oder her, es macht wieder Spaß dem VfB zuzuschauen. Ich hätte damit nicht mehr gerechnet. Denn Kramny lässt keinen biederen Hausfrauen-Fußball spielen, nur um Punkte einzufahren – so legitim das auch wäre. Den Kommentatoren im Fernsehen ist anzuhören, wie sehr es ihnen Spaß macht, die Spiele zu begleiten. Beispiele gefällig? Das 1:0 am Samstag, ein Konter wie aus dem Lehrbuch, das 2:0 per Seitfallzieher von Daniel Didavi. Dass ausgerechnet „Und-kommt-mir-nicht-mit-Niedermeier“ den Rückschlag nach der Halbzeit wieder zurecht rückt: eine Geschichte für sich.

In der aktuellen Form muss es einem nicht mehr bange sein um den VfB Stuttgart. Nicht gegen den Tabellendritten Herha BSC Berlin in der kommenden Woche, nicht gegen den Tabellenvierten Schalke 04 in der Woche darauf. Vielleicht nicht einmal gegen Borussia Dortmund am Dienstag. Zum Zeitpunkt der Auslosung zählte man im Geiste schon die Gegentore, stellte sich vor, wie Pierre-Emerick Aubameyang die Defensive zerlegte. Times are ‚a changin‘.

Mann des Spiels

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