Schluss mit satt

Während die Europameisterschaft in Frankreich vor sich hin langweilt, bereitet sich der VfB Stuttgart auf die 2. Liga vor: Ein Verein zwischen Wut, Trauer und Euphorie – und der Hoffnung auf eine neues Selbstbewusstsein.

Kommt gleich mal mit einem Versprechen um die Ecke: Jos Luhukay wird sich beim Aufstieg den Bart rot färben. Bilder: vfb-exklusiv.de

Kommt gleich mal mit einem Versprechen um die Ecke: Jos Luhukay wird sich beim Aufstieg den Bart rot färben. Bilder: vfb-exklusiv.de

So ist das also, wenn du deinen Verein erst einmal suchen musst auf der digitalen Landkarte. Im Online-Angebot des Kicker findet man den VfB seit Neuestem einen knappen Zentimeter weiter rechts: Nix mehr Bundesliga, Hallo Zweitligist! Nun geht das schon in Ordnung, dass der Kicker etwas voreiligen Gehorsam an den Tag legt. Denn mit dem Trainingsauftakt am vergangenen Mittwoch ist der VfB auch sportlich nicht mehr Bundesligist. Und es knallt rhetorisch bereits wieder gewaltig am Wasen: Maximale Bereitschaft, volle Kraft, positive Energie, der schnellste Weg führt geradeaus – so heißt es nach der ersten Pressekonferenz mit Trainer Jos Luhukay auf der Homepage. Ist das das neue schwäbische Selbstbewusstsein oder albernes Säbelrasseln?

Die Mannschaft muss Vertrauen bei den Fans zurückgewinnen. Ich fordere von ihnen, dass sie die Anhänger auf ihrem Weg mitnehme.Jos Luhukay, Trainer VfB Stuttgart

Es ist richtig, dass der VfB seine Cojones wiederfindet. Allzu sehr drängte sich in den vergangenen drei Jahren der Eindruck auf: Hier hat sich jemand klammheimlich von seinen einst hohen Ambitionen verabschiedet. Alexander Zorniger explizit ausgenommen. Lägen die Stuttgarter weiterhin mangelnde Gier und schnelle Zufriedenheit an den Tag, würden sie sich mit ihrem neuen Status lächerlich machen. Ohne Frage: Der VfB Stuttgart wird ab August das Maß aller Dinge in der 2. Liga sein, mehr noch als RB Leipzig zuletzt. Alles andere als der direkte Wiederaufstieg wäre eine sportliche Enttäuschung – von den weitreichenden finanziellen Folgen einmal ganz abgesehen. Natürlich werden die Trainer aus Würzburg, Sandhausen oder Bielefeld auch vor dem Spiel gegen den VfB erklären, sie wollen selbstverständlich gewinnen. Allerdings – und ich schäme mich fast, das zu schreiben – käme so gut wie jede Niederlage für den VfB einer Überraschung gleich, angesichts eines bis zu vier Mal höheren Etats. Das sind Münchner Verhältnisse. Ohne dabei respektlos zu werden, muss es dem VfB vom ersten Spieltag an gelingen, eine gewisse Arroganz zu entwickeln, ein Uns-Kann-Keiner-Was.

Zweieinhalb Zeilen statt Blumen und warmer Worte

In seiner ersten Ansprache forderte Trainer Luhukay „hundertprozentige Identifikation“ der Spieler mit dem Verein und seinen Zielen, ergo: dem direkten Wiederaufstieg. Einen Tag zuvor erschienen auf der Vereinshomepage folgende Zeilen:

Wir haben uns dazu entschieden, die Verträge mit Martin Harnik, Georg Niedermeier und Daniel Schwaab jeweils nicht zu verlängern. Wir danken den Spielern für die langjährige Zusammenarbeit und wünschen ihnen für ihre private und berufliche Zukunft alles Gute.Jochen Röttgermann, Vorstand Marketing

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Georg Niedermeier hatte seinen Abschied schon zuvor via Facebook angekündigt, aber alle drei werden trotz längerer Vereinszugehörigkeit durch die Hintertür hinaus gebeten. Ein langjähriger Fan sagte mir an dem Tag: „Allein wegen dem Ende der Zusammenarbeit mit diesen dreien, freue ich mich über den Abstieg.“ Zugegeben, das geht mir zu weit. Auch weil vor allem Niedermeier und Harnik aus meiner Sicht einen gebührenden Abschied verdient gehabt hätten. Blumen, irgendein komisches Gemälde und dieser Schnick-Schnack eben. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass beim Klassenerhalt die Verträge von Niedermeier, Harnik und Schwaab verlängert worden wären.

Was die Freude angeht: Das ist wohl das falsche Wort, aber tatsächlich herrscht im Umfeld des VfB bereits wieder so etwas wie Euphorie. Ein Segen vielleicht, dass man gar nicht wirklich lange trauern konnte. Zwischen Abstieg und Trainingsauftakt lag nur etwa ein Monat. Immerhin besuchten mehr Fans das erste Training als in der vergangenen – von Allmachtsfantasien geprägten – Frühphase der Saison 2015/16.

Zum Vergleich: Zum Auftakt von Darmstadt 98 – ihr erinnert euch: sensationeller Klassenerhalt – kamen 300 Leute.

Die Mär von der Handlungsunfähigkeit

Die Freude über die Rückkehr von Thomas Hitzlsperger ist groß.

Die Freude über die Rückkehr von Thomas Hitzlsperger zum VfB Stuttgart ist groß.

Der VfB wäre nicht der VfB, wenn es hinter den Kulissen nicht noch gewaltig rumpeln würde. Auch sechs Wochen nach der einvernehmlichen Trennung von Robin Dutt hat der VfB nach wie vor keinen neuen Sportdirektor. Das ist zu lange und deutet darauf hin, dass die Trennung von Dutt alles andere als geplant war. Mit Marc Kienle und Thomas Hitzlsperger gibt es bereits zwei Appetizer: Kienle wird fortan Manager Sportkoordination, Hitzlsperger Beauftragter des Vorstandes in der Schnittstelle zwischen der Vereinsführung und dem Lizenzspielerbereich. Was sich dahinter jeweils verbirgt? Man darf gespannt sein. Die meisten sind aber allein schon über die Rückkehr Hitz‘ derart froh, dass es erst einmal egal ist, was er denn genau machen wird. Man wünschte ihn sich als Aufsichtsrat, als Präsidenten gar, jetzt koordiniert er eben Dinge.

Wer Kienles und Hitzsperger direkter Ansprechpartner (und Chef?) wird? Weiterhin unklar. Man führe in Ruhe Gespräche, heißt es beim VfB, man wolle den perfekten Mann für die Position. Das klingt irgendwie bekannt aus der Vergangenheit. Und ist deshalb dennoch akzeptabel, als sich der Verein – wider allen Unkenrufen – als handlungsfähig erweist. Neben der Verpflichtung des polnischen Abwehrspielers Marcin Kaminski hat die „provisorische Vereinsführung“ mit dem Transfer von Simon Terodde ein Ausrufezeichen gesetzt. Der Torschützenkönig vom VfL Bochum hätte auch andere Vereine wählen können, ergänzt nun aber den „Nicht-Zweitliga-Kader“ des VfB.

Pursuit to happiness 

Das beste was dem VfB Stuttgart derzeit passieren kann, ist das Ausbilden eines Corps-Geistes. Auch wenn dazu gehört, dass abwanderungswillige Spieler verhöhnt werden. Ärger, Wut und Trauer kanalisieren sich in Richtung Timo Werner und neuerdings Lukas Rupp. Das ist bitter für die Spieler, aber gut für den Verein, der sich wieder Vertrauen zurück erarbeiten muss. Ich möchte Werner seinen Wechsel zu Leipzig nicht verübeln, möge er sein Glück dort finden. Bei aller berechtigten Kritik am Projekt und Konstrukt RB Leipzig – es ist vielleicht derzeit der spannendste Ort für junge Fußballspieler in Deutschland. Und es fällt schwer, sich Timo Werner in der zweiten Liga als tragende Kraft vorzustellen. Dafür fehlt ihm nicht das Talent, aber die Reife und die entsprechende Mentalität.

Lukas Rupp - will dem VfB Stuttgart unbedingt den Rücken kehren.

Vom Helden zum Feindbild: Lukas Rupp will den VfB Stuttgart schnellstmöglich verlassen.

Lukas Rupp hat sich gelinde gesagt unglücklich geäußert: Der Kicker (schon wieder) verkaufte das als „Klartext reden“.

Diese Situation ist ziemlich belastend für mich. Ich hätte mir gewünscht, dass vor dem Saisonstart eine Entscheidung gefallen wäre.Lukas Rupp

Das ist die Aussage, an der sich derzeit viele VfB-Fans reiben. Rupp ärgert sich darüber, dass er nicht – wie vom Verein angeblich versprochen – wechseln darf, um weiter erstklassig zu spielen. Vergessen die vergangene Saison, als Rupp wahlweise als einziger Lichtblick, neuer Held, Kämpfernatur oder bester Mann gefeiert wurde. Nun ist er Sinnbild des Söldners, der binnen zwei Jahren zum zweiten Mal abgestiegen ist (und deshalb wieder einen Vereinswechsel vorzieht). Kurz zurückgeblickt: Der VfB will „keine unzufriedenen Spieler“. Damit ist klar, dass Rupp den Verein verlassen wird – man wird sich wohl mit der TSG Hoffenheim auf eine angemessene Ablösesumme einigen können. Am Transfer von Lukas Rupp jedenfalls wird der Aufstieg des VfB nicht scheitern.

Wenn der VfB Stuttgart am ersten Augustwochenende zum ersten Mal seit über 40 Jahren Zweitligarasen betritt, hat er sich binnen drei Monaten gefühlt mehr gewandelt als in den gesamten fünf Jahren zuvor zusammengenommen. Präsident weg, Manager weg, Trainer weg (und zwar ganz), Kader umgekrempelt, dazu den Stab an vielen Positionen ausgetauscht (z.B. Torwarttrainer-Legende Ebbo Trautner, Psychologe Philipp Laux): Wer viel mehr verlangt, lebt abseits der Realität des Geschäfts Profifußball. Vieles liegt nun an einem erfolgreichen Saisonstart. Gelingt der, darf sich der VfB auf neue Euphorie freuen. Ja, das geht auch in der 2. Liga.

Das Herz schlägt bald wieder

Es ist zuletzt etwas still gewesen ums Tragische Dreieck. Das lag nicht an Resignation. Auch nicht an der EM, die kann mir gestohlen bleiben. Zweite Liga, echter Fußballer. Nachdem nun mehrere Nachfragen gekommen sind (was mich sehr freute): Das Tragische Dreieck lebt noch und wird das noch sehr lange tun – selbst schuld, wenn ihr es nicht anders wolltet. Lasst uns den Trainingsauftakt noch vollends auftakten und dann geht’s weiter. Es wird groß – schon ab kommendem Wochenende… Wir lesen uns.

Keine Angst, das Tragische Dreieck lebt noch... Bild: Matt Zhang/ flickr.com

Keine Angst, das Tragische Dreieck lebt noch… Bild: Matt Zhang/ flickr.com

Style und das Geld

In wenigen Wochen beginnen für den VfB Stuttgart die Vorbereitungen auf die erste Zweitligasaison seit mehr als vier Jahrzehnten. Es ist richtig, dass der VfB klotzen statt kleckern möchte.

Sie sollen den VfB auf sichere Beine stellen. Bild: vfb-exklusiv.de

Marketingbosse, Ehrenräte, Aufsichtsräte: Sie sollen den VfB Stuttgart auf sichere Beine stellen. Bild: vfb-exklusiv.de

Als der VfB am Dienstag Marcin Kaminski als Neuzugang verpflichtet hat, mussten einige schlucken. Schnell mal bei transfermarkt.de nachgeschaut und dann: Was!? Nur 850.000 Euro Marktwert, der auch noch dramatisch gesunken ist in den vergangenen Monaten! Wie soll der dem VfB helfen? Ekstraklasa ist da doch höchstens die Liga, aus der er wechselt. Willkommen in der Realität, liebe mit leidenden Fans. Verpflichtungen wie Kaminski gehören nun zum Stuttgarter Sauerbier. Ein Spieler aus einer unterklassigen Liga, der die zweite Bundesliga als nächsten Karriereschritt und den VfB dort als echte Chance sieht. Die polnische Liga gehört zu dieser Preisklasse, auch in Österreich, der Schweiz und Skandinavien wird man sich klugerweise umsehen.

Zugegeben, das von Rund um den Brustring mit Polen-Experte @jaceksta geführte Interview lässt auch mich nicht gerade mit der Zunge schnalzen. „Manchmal unkonzentriert (…), weil ihm die Physis fehlt (…), hat auch ein Problem damit, Risiken im Spiel richtig einzuschätzen (…), ein Anführer ist er nicht gerade.“ Das klingt alles reichlich bekannt für VfB-Fans. Nun hat Kaminski erst einmal drei Jahre Zeit, sich mit Maultaschen, Linsen und Spätzle und notfalls auch einem Rostbraten anfüttern zu lassen.

Handlungsfähig

Zuletzt wurde den Stuttgartern von allen Seiten mangelnde Handlungsfähigkeit vorgeworfen. Wer plant denn da? Jos Luhukay doch nicht, oder etwa Joachim Cast, der über sich sagt: „Die Arbeit im Hintergrund ist das Richtige für mich.“ Doch. Genau diese beiden sind derzeit verantwortlich für den Kader in der kommenden Saison. Zumindest bis der ominöse neue Gesamtverantwortliche für den Bereich Sport vorgestellt wird, dem Marc Kienle und Thomas Hitzlsperger dann als Bindeglied zwischen Scouting und Nachwuchsarbeit, respektive Profiabteilung und Vorstand dienen.

Es ist deshalb auch nicht etwa „paradox“, wenn der VfB neue Posten schafft und Robin Dutt genaue genommen von drei Personen ersetzt wird. Erstens weiß niemand, wie viel die drei gemeinsam verdienen werden im Vergleich zu Dutt. Zweitens tut es Stuttgart gut, abzukommen vom Glauben, ein Alleinherrscher sei das Maß aller Dinge und zeitgemäß. Finanzvorstand Stefan Heim mag seine größten Talente nicht bei der Präsentation seiner Person haben, vom Haushalten versteht er allerdings durchaus etwas.

In der Kernkompetenz, dem Fußball, dürfen wir uns nicht zu Tode sparen. Wir wollen immerhin sofort wieder aufsteigen.Stefan Heim, Vorstand Finanzen

Es ist richtig, dass der VfB zumindest finanziell alles dafür tun möchte, rasch wieder in der Bundesliga zu spielen. Man dürfte dabei auch die jetzt veröffentlichten Gelder aus den TV-Rechten im Blick haben. Die steigen in der übernächsten Saison auf rund 1,15 Milliarden Euro jährlich, liegen also fast doppelt so hoch wie aktuell (628 Millionen Euro). Jeder weiß: In der 2. Liga kommt man an diese Töpfe höchstens mit dem Teelöffel, bleibt der VfB also auch 2017/18 zweitklassig droht ihm tatsächlich die Bedeutungslosigkeit. Die Stuttgarter Ambitionen, mit einem für Zweitligaverhältnisse nahezu verschwenderisch erscheinenden Kader in die Saison zu gehen und alles dem Aufstieg unterzuordnen, ist auch eine Reaktion darauf.

Es wird genug Geld in die vom Abstieg stark geplünderte Kasse fließen, wenn die teuersten Spieler – Filip Kostic, Timo Werner und auch Lukas Rupp werden fast täglich mit neuen Vereinen in Verbindung gebracht – den Club verlassen. Dann kann sich Luhukay auch auf einen möglichen Stürmer Simon Terodde freuen. Dem Vernehmen nach geht es nur noch um die Ablösesumme, die der VfB an den VfL Bochum überweist. Sie dürfte sich bei drei Millionen Euro einpendeln. Die Freude über den Transfer scheint bei vielen Fans groß. Immerhin Torschützenkönig der 2. Liga, heißt es. Hier sollte man allerdings ebenso vorsichtig sein, wie bei einer frühzeitigen Bewertung von Marcin Kaminski. Nick Proschwitz, Olivier Occéan, Domi Kumbela, Jakub Sylvestr, Mahir Saglik, Rouwen Hennings – die letzten sechs Torschützenkönige vor Terodde. Wo sie aktuell spielen, oder gar wie: Es dürfte nur echten Kennern bekannt sein