Endlich Fußball

Endlich ist es vorbei, dieses unsägliche Konstrukt namens Fußball-Europameisterschaft. Zeit, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Jetzt neu: Auch mit Sportdirektor.

War was in den vergangenen vier Wochen? Bald geht dieser Fußball wieder los. Bild: www.vfb-bilder.de

War was in den vergangenen vier Wochen? Bald geht dieser Fußball wieder los. Bild: www.vfb-bilder.de

Sind wir mal ehrlich: Die EM in Frankreich war nicht gut, sie war auch nicht halb-gut. Sie war in etwa so spannend wie langsam verrottendes Gemüse. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit Geometrie auf dem Rasen einfach schwer tue – schon immer. Mag ja alles interessant sein, dieses Verschieben, Abhängen, Umschalten. Aber in Mathematik war ich schon immer schlecht. Ich will eigentlich nur, dass ich während und nach einem Fußballspiel mit einem seligen Grinsen in die Realität zurück gleite.

Das wird schwierig, wenn hohlköpfige Randalierer (die es schon immer gab) plötzlich zum politisch-philosophischen Zeichen für das Dahinsiechen der europäischen Leitkultur herangezogen werden. Oder wenn die Uefa hoheitlich darüber bestimmt, welche Bilder die TV-Sender denn zeigen dürfen. Oder wenn ein staatlicher Energiekonzern aus der Muster-Demokratie Aserbaidschan auf den Banden leuchtet; neben irgendwelchen chinesischen Schriftzeichen, die in Europa auf einen Konzern verweisen, den (noch) kein Mensch kennt. Oder wenn die ARD in der Sportschau versucht, ganz arg fancy zu sein und mir etwas von Packing erzählen möchte – und dabei eigentlich nur Schleichwerbung für ein Sport-Analyse-Unternehmen macht. Man könnte jetzt ewig weiter erzählen: Über stundenlange Vorberichte ohne Sinn; über eine Sendung aus Malente, die keiner sehen sollte; über den lächerlich aufgeblähten Modus (eine Freude, jetzt an die 40-Team-WM zu denken). Aber dann komme ich mir vor, wie mein eigener Uropa, der Geschichten „von früher“ erzählt. Damals, als das tote Meer noch krank und der Regenbogen noch schwarz-weiß war. Außerdem wisst ihr – glaube ich – worauf ich hinaus will. Vergessen wir also, was da angeblich geschehen sein soll in unserem Nachbarland und konzentrieren uns endlich wieder auf Fußball.

T  minus ein Monat

So richtig hat es die EM ja eh nicht geschafft, den Blick vom Wesentlichen abzulenken. 8. August und so. Montag, 20.15 und so. Prime-Time-Kick für den VfB Stuttgart. Es wird sicherlich nicht der einzige bleiben. Fast logisch, dass das Auftaktspiel des absoluten Zweitliga-Favoriten (ich bekomme Schüttelfrost bei diesem Wort) gemeinsam mit „non-established“ FC St. Pauli top-top-top ist. Es wird jener Moment sein, 48 Stunden nach dem Auftakt der Olympischen Spielen, dass wir uns denken: Was? Geht schon los?

Kurios: Die Vorfreude will dennoch nicht so ganz verpuffen. Noch macht es keinen Unterschied, dass der VfB ab August in 10.000er-Stadien statt in den Fußball-Palästen des Landes spielt. Und ich frage mich: Wann wird sich dieses Gefühl einstellen? Kommt es überhaupt noch? Darf man sich auf Zweitliga-Fußball freuen? Man darf offenbar, immerhin sind fast 25.000 Dauerkarten weg. Wenn man bedenkt, dass die meisten Experten voraussagten, ins Neckarstadion werden sich in der zweiten Liga höchstens ein paar verlorene Seelen verirren, ist das beachtlich. Es soll Vereine geben, die bekommen diesen Schnitt nicht einmal in der Champions League hin.

It’s the Schindelmaster

Man muss sich jetzt auch nichts schönreden. Zweite Liga ist mitunter dunkelstes Schwarzbrot, der VfB hat durch den Abstieg Spieler verloren. Vergessen wir Daniel Didavi und Filip Kostic, deren Abgang stand quasi nie zur Debatte. Teilweise liest sich die Transferbilanz sehr erbaulich (Niedermeier, Schwaab, Harnik, Tyton, Kravets, Barba – auf der anderen Seite Terodde, Zimmer) – und was weh tut, auch wenn das der ein oder andere ungern hört (Werner, Ferati).

Nach langen Wochen hat der VfB nun auch einen neuen Sportdirektor. Man suchte lang und wollte keinen Fehler machen. Man fand: Jan Schindelmeiser. Ein Nordlicht (Flensburger), der immerhin keinen Stallgeruch hat. Und sonst so: Entdecker von Mirko Slomka als Trainer (TeBe Berlin), Geschäftsführer des FC Ausgburg. Und dann das große Ding: Hoffenheim groß machen, gemeinsam mit Ralf Rangnick. Regionalliga Süd goes Bundesliga. Höhepunkt des Schaffens und dann? Pfffffffffffffffffffffffffffftttt, Luft raus, nie mehr etwas gehört. Kommt da jemand aus der Versenkung und versucht mit Anfang 50 den beruflichen Reset? Es mutet so an. Zumindest gibt es seitens des Vereins bereits einen kleinen Hinweis, warum es in Sinsheim nicht mehr weiterging.

Jan Schindelmeiser hat sich bei allem Erfolg immer als Teamplayer gesehen, als Teil des Ganzen. Und er hat immer betont, dass ein Verein nur dann erfolgreich sein kann, wenn jeder einzelne sich dem Mannschaftsgedanken unterordnet.Homepage VfB Stuttgart

Da niemand von uns weiß, was Schindelmeiser in den vergangenen Jahren so gemacht hat – gehen wir mal davon aus, dass es nicht gerade ein 60-monatiges Sabbatical war – sollte man Vorsicht walten lassen, ihn vorab zu be- und erst recht verurteilen. Was er in und mit Hoffenheim getan hat, war so schlecht nicht. Aufbauen kann er jedenfalls. Und was bräuchte der VfB derzeit nötiger als dies? Ich möchte nicht soweit gehen, ihn in Union mit Jos Luhukay als kongeniales Duo zu bezeichnen. Aber tatsächlich könnte es von Hilfe sein, wenn dem Sportfachmann Luhukay ein eher nüchterner Denker steht – Schindelmeiser sollte qua Studium auch etwas von Medienarbeit und Wirtschaft verstehen. Eigenschaften, die seinen Vorgängern manchmal ein bisschen durchgingen. Ob er zum Schindelmaster taugt? Kann, kann nicht.

Klar ist: Es hätte den VfB auch schlimmer treffen können – amMontag in vier Wochen geht der Fußball wieder los.

Schluss mit satt

Während die Europameisterschaft in Frankreich vor sich hin langweilt, bereitet sich der VfB Stuttgart auf die 2. Liga vor: Ein Verein zwischen Wut, Trauer und Euphorie – und der Hoffnung auf eine neues Selbstbewusstsein.

Kommt gleich mal mit einem Versprechen um die Ecke: Jos Luhukay wird sich beim Aufstieg den Bart rot färben. Bilder: vfb-exklusiv.de

Kommt gleich mal mit einem Versprechen um die Ecke: Jos Luhukay wird sich beim Aufstieg den Bart rot färben. Bilder: vfb-exklusiv.de

So ist das also, wenn du deinen Verein erst einmal suchen musst auf der digitalen Landkarte. Im Online-Angebot des Kicker findet man den VfB seit Neuestem einen knappen Zentimeter weiter rechts: Nix mehr Bundesliga, Hallo Zweitligist! Nun geht das schon in Ordnung, dass der Kicker etwas voreiligen Gehorsam an den Tag legt. Denn mit dem Trainingsauftakt am vergangenen Mittwoch ist der VfB auch sportlich nicht mehr Bundesligist. Und es knallt rhetorisch bereits wieder gewaltig am Wasen: Maximale Bereitschaft, volle Kraft, positive Energie, der schnellste Weg führt geradeaus – so heißt es nach der ersten Pressekonferenz mit Trainer Jos Luhukay auf der Homepage. Ist das das neue schwäbische Selbstbewusstsein oder albernes Säbelrasseln?

Die Mannschaft muss Vertrauen bei den Fans zurückgewinnen. Ich fordere von ihnen, dass sie die Anhänger auf ihrem Weg mitnehme.Jos Luhukay, Trainer VfB Stuttgart

Es ist richtig, dass der VfB seine Cojones wiederfindet. Allzu sehr drängte sich in den vergangenen drei Jahren der Eindruck auf: Hier hat sich jemand klammheimlich von seinen einst hohen Ambitionen verabschiedet. Alexander Zorniger explizit ausgenommen. Lägen die Stuttgarter weiterhin mangelnde Gier und schnelle Zufriedenheit an den Tag, würden sie sich mit ihrem neuen Status lächerlich machen. Ohne Frage: Der VfB Stuttgart wird ab August das Maß aller Dinge in der 2. Liga sein, mehr noch als RB Leipzig zuletzt. Alles andere als der direkte Wiederaufstieg wäre eine sportliche Enttäuschung – von den weitreichenden finanziellen Folgen einmal ganz abgesehen. Natürlich werden die Trainer aus Würzburg, Sandhausen oder Bielefeld auch vor dem Spiel gegen den VfB erklären, sie wollen selbstverständlich gewinnen. Allerdings – und ich schäme mich fast, das zu schreiben – käme so gut wie jede Niederlage für den VfB einer Überraschung gleich, angesichts eines bis zu vier Mal höheren Etats. Das sind Münchner Verhältnisse. Ohne dabei respektlos zu werden, muss es dem VfB vom ersten Spieltag an gelingen, eine gewisse Arroganz zu entwickeln, ein Uns-Kann-Keiner-Was.

Zweieinhalb Zeilen statt Blumen und warmer Worte

In seiner ersten Ansprache forderte Trainer Luhukay „hundertprozentige Identifikation“ der Spieler mit dem Verein und seinen Zielen, ergo: dem direkten Wiederaufstieg. Einen Tag zuvor erschienen auf der Vereinshomepage folgende Zeilen:

Wir haben uns dazu entschieden, die Verträge mit Martin Harnik, Georg Niedermeier und Daniel Schwaab jeweils nicht zu verlängern. Wir danken den Spielern für die langjährige Zusammenarbeit und wünschen ihnen für ihre private und berufliche Zukunft alles Gute.Jochen Röttgermann, Vorstand Marketing

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Georg Niedermeier hatte seinen Abschied schon zuvor via Facebook angekündigt, aber alle drei werden trotz längerer Vereinszugehörigkeit durch die Hintertür hinaus gebeten. Ein langjähriger Fan sagte mir an dem Tag: „Allein wegen dem Ende der Zusammenarbeit mit diesen dreien, freue ich mich über den Abstieg.“ Zugegeben, das geht mir zu weit. Auch weil vor allem Niedermeier und Harnik aus meiner Sicht einen gebührenden Abschied verdient gehabt hätten. Blumen, irgendein komisches Gemälde und dieser Schnick-Schnack eben. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass beim Klassenerhalt die Verträge von Niedermeier, Harnik und Schwaab verlängert worden wären.

Was die Freude angeht: Das ist wohl das falsche Wort, aber tatsächlich herrscht im Umfeld des VfB bereits wieder so etwas wie Euphorie. Ein Segen vielleicht, dass man gar nicht wirklich lange trauern konnte. Zwischen Abstieg und Trainingsauftakt lag nur etwa ein Monat. Immerhin besuchten mehr Fans das erste Training als in der vergangenen – von Allmachtsfantasien geprägten – Frühphase der Saison 2015/16.

Zum Vergleich: Zum Auftakt von Darmstadt 98 – ihr erinnert euch: sensationeller Klassenerhalt – kamen 300 Leute.

Die Mär von der Handlungsunfähigkeit

Die Freude über die Rückkehr von Thomas Hitzlsperger ist groß.

Die Freude über die Rückkehr von Thomas Hitzlsperger zum VfB Stuttgart ist groß.

Der VfB wäre nicht der VfB, wenn es hinter den Kulissen nicht noch gewaltig rumpeln würde. Auch sechs Wochen nach der einvernehmlichen Trennung von Robin Dutt hat der VfB nach wie vor keinen neuen Sportdirektor. Das ist zu lange und deutet darauf hin, dass die Trennung von Dutt alles andere als geplant war. Mit Marc Kienle und Thomas Hitzlsperger gibt es bereits zwei Appetizer: Kienle wird fortan Manager Sportkoordination, Hitzlsperger Beauftragter des Vorstandes in der Schnittstelle zwischen der Vereinsführung und dem Lizenzspielerbereich. Was sich dahinter jeweils verbirgt? Man darf gespannt sein. Die meisten sind aber allein schon über die Rückkehr Hitz‘ derart froh, dass es erst einmal egal ist, was er denn genau machen wird. Man wünschte ihn sich als Aufsichtsrat, als Präsidenten gar, jetzt koordiniert er eben Dinge.

Wer Kienles und Hitzsperger direkter Ansprechpartner (und Chef?) wird? Weiterhin unklar. Man führe in Ruhe Gespräche, heißt es beim VfB, man wolle den perfekten Mann für die Position. Das klingt irgendwie bekannt aus der Vergangenheit. Und ist deshalb dennoch akzeptabel, als sich der Verein – wider allen Unkenrufen – als handlungsfähig erweist. Neben der Verpflichtung des polnischen Abwehrspielers Marcin Kaminski hat die „provisorische Vereinsführung“ mit dem Transfer von Simon Terodde ein Ausrufezeichen gesetzt. Der Torschützenkönig vom VfL Bochum hätte auch andere Vereine wählen können, ergänzt nun aber den „Nicht-Zweitliga-Kader“ des VfB.

Pursuit to happiness 

Das beste was dem VfB Stuttgart derzeit passieren kann, ist das Ausbilden eines Corps-Geistes. Auch wenn dazu gehört, dass abwanderungswillige Spieler verhöhnt werden. Ärger, Wut und Trauer kanalisieren sich in Richtung Timo Werner und neuerdings Lukas Rupp. Das ist bitter für die Spieler, aber gut für den Verein, der sich wieder Vertrauen zurück erarbeiten muss. Ich möchte Werner seinen Wechsel zu Leipzig nicht verübeln, möge er sein Glück dort finden. Bei aller berechtigten Kritik am Projekt und Konstrukt RB Leipzig – es ist vielleicht derzeit der spannendste Ort für junge Fußballspieler in Deutschland. Und es fällt schwer, sich Timo Werner in der zweiten Liga als tragende Kraft vorzustellen. Dafür fehlt ihm nicht das Talent, aber die Reife und die entsprechende Mentalität.

Lukas Rupp - will dem VfB Stuttgart unbedingt den Rücken kehren.

Vom Helden zum Feindbild: Lukas Rupp will den VfB Stuttgart schnellstmöglich verlassen.

Lukas Rupp hat sich gelinde gesagt unglücklich geäußert: Der Kicker (schon wieder) verkaufte das als „Klartext reden“.

Diese Situation ist ziemlich belastend für mich. Ich hätte mir gewünscht, dass vor dem Saisonstart eine Entscheidung gefallen wäre.Lukas Rupp

Das ist die Aussage, an der sich derzeit viele VfB-Fans reiben. Rupp ärgert sich darüber, dass er nicht – wie vom Verein angeblich versprochen – wechseln darf, um weiter erstklassig zu spielen. Vergessen die vergangene Saison, als Rupp wahlweise als einziger Lichtblick, neuer Held, Kämpfernatur oder bester Mann gefeiert wurde. Nun ist er Sinnbild des Söldners, der binnen zwei Jahren zum zweiten Mal abgestiegen ist (und deshalb wieder einen Vereinswechsel vorzieht). Kurz zurückgeblickt: Der VfB will „keine unzufriedenen Spieler“. Damit ist klar, dass Rupp den Verein verlassen wird – man wird sich wohl mit der TSG Hoffenheim auf eine angemessene Ablösesumme einigen können. Am Transfer von Lukas Rupp jedenfalls wird der Aufstieg des VfB nicht scheitern.

Wenn der VfB Stuttgart am ersten Augustwochenende zum ersten Mal seit über 40 Jahren Zweitligarasen betritt, hat er sich binnen drei Monaten gefühlt mehr gewandelt als in den gesamten fünf Jahren zuvor zusammengenommen. Präsident weg, Manager weg, Trainer weg (und zwar ganz), Kader umgekrempelt, dazu den Stab an vielen Positionen ausgetauscht (z.B. Torwarttrainer-Legende Ebbo Trautner, Psychologe Philipp Laux): Wer viel mehr verlangt, lebt abseits der Realität des Geschäfts Profifußball. Vieles liegt nun an einem erfolgreichen Saisonstart. Gelingt der, darf sich der VfB auf neue Euphorie freuen. Ja, das geht auch in der 2. Liga.

Das Herz schlägt bald wieder

Es ist zuletzt etwas still gewesen ums Tragische Dreieck. Das lag nicht an Resignation. Auch nicht an der EM, die kann mir gestohlen bleiben. Zweite Liga, echter Fußballer. Nachdem nun mehrere Nachfragen gekommen sind (was mich sehr freute): Das Tragische Dreieck lebt noch und wird das noch sehr lange tun – selbst schuld, wenn ihr es nicht anders wolltet. Lasst uns den Trainingsauftakt noch vollends auftakten und dann geht’s weiter. Es wird groß – schon ab kommendem Wochenende… Wir lesen uns.

Keine Angst, das Tragische Dreieck lebt noch... Bild: Matt Zhang/ flickr.com

Keine Angst, das Tragische Dreieck lebt noch… Bild: Matt Zhang/ flickr.com