Anarchy in the Kessel

Keine Ahnung, keine Meinung, kein Konzept? Rast der VfB Stuttgart planlos und ohne sportliche Leitung der 2. Liga entgegen? 

Toll, ein anderer macht's

Keine Führung, kein Konzept – rast der VfB Stuttgart kopflos in die 2. Liga?

Der Montagabend hat noch einmal richtig weh getan. Man kam als Fan des VfB Stuttgart nicht umhin, die unvermeidbare Frage zu stellen: Warum sind wir nicht wenigstens 16. geworden? Gegen diesen 1. FC Nürnberg hätte womöglich sogar die luftige Stuttgarter Abwehr einen Stich machen können. Fußball lebt sich aber nicht im Konjunktiv – schöne Grüße an Neven Subotic an dieser Stelle. Der VfB ist direkt abgestiegen und so langsam versuche auch ich mich an den Gedanken zu gewöhnen. Und fast bin ich ein wenig froh um die kürzeste Sommerpause aller Zeiten. Mit dem Trainingsauftakt in vier Wochen wird die 2. Liga für Stuttgart Alltag sein. Sandhausen statt Schalke, Braunschweig statt Bayern, Dresden statt Dortmund – abgesehen von den unsäglichen, für mich nicht alltagstauglichen Anstoßzeiten (Weil ich es weder freitags noch montags rechtzeitig nach Stuttgart schaffen würde, kann ich keine Dauerkarte kaufen) gibt es Schlimmeres. Traurig ist eigentlich nur, dass das vorerst letzte Bundesligaspiel ausgerechnet in Wolfsburg hat stattfinden müssen. Passt aber irgendwie auch zur Stuttgarter Saison, diese Erinnerung.

Stuttgart ist nicht Nizza

Kaum war die Saison abgepfiffen, passierte beim VfB genau das, wovon viele seit Jahren geträumt haben: Tabula rasa allerorten. Präsident weg, Trainer weg, Sportchef weg. Ich habe bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass ich Jos Luhukay für befähigt halte, das Gefühl Zweitklassigkeit zu vermitteln. Seine Erfahrung wird helfen, denn weder Spieler, noch der Großteil der Fans oder der Medienvertreter haben bisher einen Eindruck über die 2. Liga, der über viel mehr als die Tabelle oder vereinzelte Spiele hinausreicht. Da schließe ich mich ausdrücklich mit ein.

„In der 2. Liga wartet eine andere Sportart! Da stehen Athletik, Dynamik und Kampf an erster Stelle, Spielkultur kommt erst danach.“Peter Neururer

Zum Selbstverständnis von Stuttgart passt es schlicht nicht, dass es nun erstmal unter anderem gegen Mannschaften geht, in deren Stadien 12.000 bis 15.000 Zuschauer passen. Sofern sie ausverkauft sind. Nix mehr mit großer Fußballbühne – man sollte sich daran gewöhnen. Die Persönlichkeit und das Auftreten von Luhukay – die man mögen kann, oder eben nicht – passt zu diesem neuen Gefühl: Alles ist etwas kleiner, etwas bärbeißiger, etwas mehr Arbeit statt Show. Dem Reinigungsprozess dieser Mannschaft kann das nur gut tun. Und für alle, die jetzt immer noch lamentieren, warum denn „wieder nicht Lucien Favre geholt wurde, Nizza ist jetzt auch nicht das Maß aller Dinge“ hier ein kleiner Hinweis:

In Nizza kann man es halt auch aushalten. Bild: flickr.com/ Andrea

In Nizza kann man es halt auch aushalten. Bild: flickr.com/ Andrea

Ich gebe zu: Nach der Verpflichtung von Luhukay war ich relativ angetan, wie schnell sich beim VfB offenbar Dinge ändern können. Ich habe dabei in meiner Blauäugigkeit erstmal ignoriert, dass das alles geschah, ohne dass der Chef des Niederländers feststeht. Das ist im Grunde noch nicht verwerflich, sofern der Verein hier schnell nachgelegt hätte. Nun hat sich der VfB allerdings seiner sämtlichen Köpfe beraubt. Und bisher auch keine neuen Könige von Cannstatt gekrönt. Genau genommen führen den VfB derzeit Finanzvorstand Stefan Heim und Marketingchef Jochen Röttgermann – kontrolliert von einem Aufsichtsrat, der ab und an eine kleine Skype-Konferenz einlegt. Ohne Präsident wird der Club noch bis 9. Oktober bleiben, erst bei der regulären Mitgliederversammlung wird Bernd Wahlers Nachfolger gewählt (die Ausgliederungs-Versammlung im Juli fiel verständlicherweise geräuschlos hinten runter). Sei’s drum – ich kann sehr gut ohne Präsident leben für einige Monate: Anarchy in the Kessel!

Wir regeln das?

So langsam frage ich mich allerdings: Wer plant eigentlich den Kader für die nächste Saison? Robin Dutt ist jetzt immerhin schon fast zwei Wochen Geschichte – war es vermutlich im Hintergrund schon früher. Walter Thomae als neuer Kaderplaner etwa? Der Mann, der mit der zweiten Mannschaft sang- und klanglos in die Regionalliga abstieg? Ich atmete kurz auf, als es kurzzeitig hieß, Jochen Sauer (RB Leipzig) sei für diese Position vorgesehen. Bis der VfB – was er sonst nie tut – eilig dementierte und sich gegen „Spekulationen und Unwahrheiten“ wehren zu glauben musste.

„Die Vereinsführung wird alle notwendigen Entscheidungen wie schon in den vergangenen Tagen mit dem notwendigen Nachdruck, aber auch mit der gebotenen Sorgfalt treffen und anschließend kommunizieren.“VfB Stuttgart, Vereinsführung

Mittlerweile ist von Sauer keine Rede mehr. Und den Kaderplaner mimt statt dem ebenfalls hoch gehandelten Stephan Schwarz (FC Augsburg) der genannte Walter Thomae. Was ihn für diese Position qualifiziert, erschließt sich mir bis dato nicht. Nochmal die Frage: Wer bestimmt, welcher der zig Bewerber sich Filip Kostic zu welchem Preis sichern kann? Wer entscheidet, ob Timo Werner in Stuttgart gescheitert ist und einfach noch einmal einige Euro einbringen soll? Wer versucht Lukas Rupp und Timo Baumgartl vom Verbleib zu überzeugen – den meiner Meinung nach letzten fehlenden Bausteinen für ein stabiles Grundgerüst in der 2. Liga? Ganz davon abgesehen, wer eigentlich hinter den ominösen Verhandlungen stecken soll, die derzeit mit diversen Kandidaten geführt werden sollen (Johannes van den Bergh, Branimi Hrgota, Hajime Hosogai, Carlos Embalo und, und, und…). Regeln das Heim und Röttgermann, die ihren Job sicher nicht gar so schlecht machen, aber mit der Einschätzung von Talenten nur so halb viel zu tun haben?

Nur ned huddlä – ein geflügeltes Wort im Schwäbischen. Aber so langsam könnte man dann doch mal in die Pötte kommen und sich eher aufs „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ konzentrieren.

Mit Ansage

Die Trauer nach dem Abstieg des VfB Stuttgart hält sich in bizarren Grenze. Der sportliche Absturz kam zu schleichend, um schockiert zu sein. Der Traum vom Durchmarsch in der 2. Liga – er muss erst noch dem Faktencheck standhalten.

Der VfB Stuttgart darf sich künftig auf echten Fußball freuen.

Der VfB Stuttgart darf sich künftig auf echten Fußball freuen.

So fühlt es sich also an, abzusteigen. Ich kann meine eigene Gefühlswelt nicht so richtig ernst nehmen. Abstieg? Da tauchen vor meinem inneren Auge am Boden zerstörte Fans auf, da sitzen Spieler konsterniert und fassungslos auf dem Rasen und in irgendeiner Katakombe liegt Andy Brehme schluchzend in den Armen von Rudi Völler. Aber dieser unerklärliche Gleichmut – darf der sein? Muss ich mich dafür schämen? Zugegeben, so richtig realisiert hat man den Abstieg auch am Tag danach nicht; versuchte den Verarbeitungsprozess auch irgendwie hinauszuzögern und einfach nicht schlafen zu gehen.

Nun machten es einem die Spieler auch nicht gerade leicht, mitzuleiden. Als um 17.21 Uhr abgepfiffen war standen sie da, mit Händen in den Hüften. So wie eben nach einer der unzähligen Niederlagen der vergangenen Wochen zuvor. Stimmungslage: Tja nun. Lag vielleicht auch daran, dass der Abstieg in den beiden Spielen gegen Bremen und Mainz eingetütet wurde. Sie wollten nach dem Spiel auch nicht mehr zu nah an die Fans herantreten, die ihnen zunächst „Vorstand raus“ und schließlich „Versager. Alle raus.“ entgegen schmetterten.

Ich hatte mir erhofft, der VfB haue gegen die Schönwetterkicker aus Wolfsburg noch einmal einen raus, verabschiedet sich wenigstens mit Würde aus der Bundesliga. Das war nicht der Fall. Stuttgart spielte wie eine Mannschaft, die sich den Abstieg redlich verdient hatte; wie eine Mannschaft, die nicht mehr an sich glaubte (wenn sie überhaupt je an sich geglaubt hatte). So wurden meine Augen auch nur ein einziges Mal kurz feucht – als ich Jürgen Kramny schwer getroffen auf der Bank sitzen sah. Vermutlich wusste er zu diesem Zeitpunkt bereits, dass er ab heute nicht mehr Trainer der Profis sein wird. Es wird nicht der Job-Verlust gewesen sein, der ihn zu Tränen rührte. Kramny sieht sich als VfBler, ein Prädikat, dass nicht vielen im Verein zuteil wird. Dem Vernehmen nach soll er zurück zur zweiten Mannschaft kehren und darf zumindest dort dafür sorgen, einen seiner zwei Abstiege wieder vergessen zu lassen. Seine Rückstufung ist dennoch folgerichtig. Kramny hat es nicht geschafft, eine Mannschaft in der Liga zu halten, die für „die 2. Liga ja viel zu gut ist“.

Keine Bauernopfer

Wichtig ist nun: Kramny darf kein Bauernopfer sein. Er sollte der erste Kegel sein, der fällt. So bitter er ist: Der Abstieg muss – jetzt darf man das endlich sagen – dafür genutzt werden, das einiges anders läuft in Stuttgart. Zweitklassigkeit passt zum stolzen Selbstverständnis in Stuttgart in etwas so gut wie Tofu-Würstchen zu Linsen. Der Abstieg darf nicht mehr als ein Ausrutscher sein. Selbst Stuttgarts OB Fritz Kuhn – ausgewiesener Bayern-Fan – fühlt sich bemüßigt, aus dem Urlaub zu verkünden: „Das Projekt Wiederaufstieg hat schon gestern mit Schlusspfiff begonnen.“ Angeblich trafen sich gestern Abend noch die Granden des VfB und debattierten über die Zukunft. Konkret soll es dabei, neben Kramny, auch um Robin Dutt und Bernd Wahler gegangen sein. Offenbar wird Präsident Wahler zurücktreten. Alles andere wäre eine große Blamage – für ihn als Person und für den Verein. Wahler beschäftigte sich ausgiebig mit der heißgeliebten Ausgliederung, wies die baldige Rückkehr in die Champions League überschwänglich als Ziel aus, während sich der VfB langsam sportlich bedeutungslos machte. Mit einem selbst gewählten Rücktritt würde Wahler zumindest die Schmach umgehen, die ihm bei der Mitgliederversammlung Mitte Juli blühen würde. Statt Königsklasse steht in seinem Arbeitszeugnis die größte Enttäuschung der Vereinsgeschichte seit mehr als 40 Jahren.

Jürgen Kramny ist der erste Kegel der fällt: Er wird in der kommenden Saison nicht mehr Cheftrainer sein. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Jürgen Kramny ist der erste Kegel der fällt: Er wird in der kommenden Saison nicht mehr Cheftrainer sein. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Auch für Sportvorstand Dutt dürften die Tage am Wasen gezählt sein. Er hat seine Amtszeit mit markigen Worten begonnen, das war mutig und machte Fans und Medien glücklich. Endlich einmal einer, der dazwischen haut, der aufräumt. Dutt hatte keine leichte Aufgabe in Stuttgart: Ein mit Spielern der untersten Mittelklasse gespickter Kader und ein von bräsiger Vetterleswirtschaft durchwirkter Verein – das ad hoc zu ändern, ist schier unmöglich. Vielleicht war Dutt sogar nahe dran. Kaum jemand hätte ihm zugetraut, vor der Saison den Kader derart auszudünnen; einige Spezis, die rund um den VfB irgendetwas zu sagen zu haben glaubten, sind verschwunden. Reicht halt nicht, wenn man keine Abwehr zusammengestellt bekommt, die diese Bezeichnung verdient hätte. Das Geschäft ist hart, Missgriffe darf man sich in der Bundesliga nicht ohne Konsequenzen erlauben. Niemand in Stuttgart wird so gnädig sein und Dutt zutrauen, beim VfB den Hertha’schen Preetz-Weg zu gehen, der sich seine Sporen erst in der Zweitklassigkeit der Berliner verdiente.

Selbstläufer? Mitnichten!

Das Erfreuliche am gestrigen Tag (und bis heute): Häme und Spott sind erstaunlich spärlich ausgeschüttet worden. Monatelang hatte man sich ja in Fußballdeutschland ein wenig beeumelt über die unfähigen Schwaben, ihren zwischenzeitlichen Hau-Drauf-Trainer, die Witz-Abwehr. Im Moment herrscht eher Mitleid und Zuspruch und ja: auch eine gewisse Traurigkeit. Offenbar hätten sich doch viele gewünscht, nächste Saison gegen den VfB statt gegen Leipzig zu spielen. Ein kurzes, aber von Herzen kommendes Dankeschön an euch. Und an die wenigen Versprengten, die jetzt ihren Spaß am VfB-Abstieg finden: Mei, geht’s Champions-League-Finale in Mailand gucken – am Fernseher.

Es bereitet nun etwas Sorgen, dass kollektiv damit gerechnet wird, der VfB kehre nach einem Jahr selbstverständlich wieder zurück ins Oberhaus. Das kann so laufen, klar. Durchmarsch, Meisterschaft (yeah!), gereinigte und wiedererstarkt back in business. Muss es aber eben nicht. Es wird ja gerne von der „stärksten 2. Liga aller Zeiten“ gesprochen, jedes Jahr. Aufgrund Unkenntnis wage ich das nicht zu beurteilen. Zu selten sah ich bisher die 2. Liga. Ein Problem, das auch die Spieler haben. Zweitligaerfahrung hat im Kader so gut wie niemand. Dort wird anders gespielt, heißt es. In a nutshell: Mehr Zweikämpfe, weniger technisches Bohei. Da muss man als VfB-Fan schlucken, gerade in Sachen Zweikämpfen hat man sich ja nun zuletzt nicht gerade einen Ruf der Extraklasse erarbeitet. Hinzu kommt: Abwarten und auf Konter spielen wird kommende Saison nicht mehr möglich sein. Nahezu alle Mannschaften werden im VfB den Favoriten ausmachen. Es könnten uns verdammt eklige Spiele drohen. Ein Trainer, der dies aufzufangen weiß, der womöglich die zweite Liga kennt, wäre nicht die verkehrteste Verpflichtung.

Zum Abschluss des gestrigen Tages erlebte ich mich dann noch bei etwas, was ich seit Jahren nicht mehr tat: Ich dachte über den Reiz nach, den es mir bereiten würde, für die nächste Saison eine Dauerkarte zu erstehen. Genau jetzt. Davor befasse ich mich ein wenig mit den kommenden Gegnern, ein wenig freue ich mich darauf, mal nicht gegen Schalke, Leverkusen, Bayern und Co. zu spielen. Kennt man ja alles: Trikots, Stadien, Gesänge. Dresden, Sandhausen, Union – das hat schon was. Einzig an die Anstoßzeiten muss ich meinen Biorhythmus noch anpassen.

Confessions of dangerous minds

Der VfB Stuttgart bereitet sich auf die nächste Saison vor. Spieler und Fans, Manager und Sponsoren bekennen sich eifrig zu zweiten Liga. Warum diese Signale nicht zwingend lobenswert sind.

Weisen diese Finger bereits in Richtung 2. Liga? Bild: www.vfb-exklusiv.de

Weisen Jürgen Kramnys Finger bereits in Richtung 2. Liga? Bild: www.vfb-exklusiv.de

Bernd Wahler muss ziemlich gefährlich leben. Täglich, nein stündlich trudeln beim Präsidenten des VfB Stuttgart neue Bekennerschreiben ein. Fans verkünden voller Stolz, dass sie ihre Dauerkarte verlängern; Sponsoren verlängern ihre Verträge oder weiten ihr Engagement gar noch aus; der Sportchef bietet an, auch für das halbe Gehalt zu arbeiten; die Stadtverwaltung will in Sachen Stadionmiete gesprächsbereit sein; und – am wichtigsten – die Spieler verkünden im Dutzend die Treue zum Verein. So weit, so löblich. Schade, dass bei all diesen Versprechungen der Nachsatz „auch in der 2. Liga“ mitschwingt.

Mitch LangerakSerey DiéKevin GroßkreutzRobin Dutt
Ich bin nach Stuttgart gekommen, um erfolgreich zu sein. Jetzt haben wir bisher ein richtig schlechtes Jahr gehabt, aber ich will mithelfen, das wieder gutzumachen und in der kommenden Saison erfolgreicher zu sein. Und sollte der schlimmste Fall eintreten, dann will ich helfen, schnell wieder hochzukommen.
Ich hatte gute Gespräche mit Robin Dutt und dem Klub, ich würde bleiben und alles dafür geben, dass wir sofort wieder aufsteigen.
Robin Dutt hat mir das Vertrauen geschenkt und mich nach Stuttgart geholt. Das will ich ihm und dem Klub zurückzahlen. Deshalb würde ich auch in die 2. Liga mitgehen und helfen, Stuttgart wieder in die Bundesliga zu bringen.
Wir waren nicht perfekt. Ich will das wieder ausbügeln.

Klärt das doch bitte später!

Fakt ist: Der VfB Stuttgart ist noch nicht abgestiegen, das dauert noch mindestens bis Samstag gegen 17.30 Uhr. Die Treueschwüre kommen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt und lassen vermuten, dass hier schon sehr viele mit der Erstklassigkeit ihres Vereins abgeschlossen haben. Freilich, es ist unerlässlich, die kommende Saison anständig vorzubereiten. Doch dies muss Robin Dutt natürlich längst getan haben. Wenn es nicht undenkbar wäre, könnte man meinen: In Stuttgart herrscht Vorfreude auf die 2. Liga. Zugegeben, ich sah ja selbst düsterstes Schwarz nach dem Spiel gegen Mainz. Selbst gewinnen müssen und auf andere hoffen? Keine gute Kombination. Aber, um dieses unsägliche Bonmot zu bemühen: rein rechnerisch ist ja noch alles möglich. Warum also gab der VfB gerade jetzt die Vertragsverlängerungen von Christian Gentner (bis 2019) und Daniel Ginczek (2020) bekannt? Kam dem Verein die Zeitung „Die Welt“ dazwischen, die die weitere Zusammenarbeit mit dem Kapitän bereits vorab vermeldete und dem VfB somit das Heft des Handelns entriss? Die Verlängerungen hätten früher oder eben später vermeldet werden können. Aber nicht genau jetzt. Einmal hätte die VfB-Standardantwort „Wir konzentrieren uns voll aufs nächste Spiel“ so richtig Sinn ergeben. Und dann das.

Dutt selbst sagt: Nach der Saison möchte er klare Ansagen der Spieler haben. Richtig, NACH der Saison. Man darf die vielen Treuebekenntnisse durchaus kritisch sehen. Dass Daniel Ginczek für den VfB unersetzlich ist, sah man in der Rückrunde. Eine kluge und überraschende, aber auch riskante Vertragsverlängerung – Stichwort Verletzungsanfälligkeit. Auch Serey Dié in Bestform wird Stuttgart weiter gut tun, Kevin Großkreutz ist neuerdings eh unersetzlich, ungeachtet seinem desolaten Auftritt gegen Mainz. Aber wie sieht es eigentlich beim Kapitän aus? Gehört Gentner nicht just zu denen Spieler, die sinnbildlich für den Typ Spieler stehen, an dem der Stuttgarter Fußball seit Jahren krankt? Man hatte das Gefühl, sein Tor gegen Mainz – so unnütz es am Ende war – war einer seiner ersten Gefühlsausbrüche. Muss man sich in diesem Zusammenhang nicht auch fragen: Wäre die Erfahrung von Georg Niedermeier und Daniel Schwaab nicht wichtig für die 2. Liga? Würde Niederstrecker nicht den kampferprobten Abräumer in den „Drecksspielen“ quer durch Deutschland abgeben? Denn sie haben es auch nicht wesentlich besser oder schlechter gemacht als Gentner – mit Ausreißern nach oben und nach ganz unten.

It’s about time

Es interessiert mich (noch) nicht, was ab 14. Mai abends passiert, erstmal will ich mir noch am kommenden Donnerstag die Relegation geben müssen. Dieses Denken sollte bei den Spielern in die Großhirnrinde tätowiert sein. Und nicht die Frage, ob Langerak, Großkreutz, Emiliano Insua, Timo Baumgartl, sowie Gentner, Dié, Lukas Rupp und Alexandru Maxim die künftige Achse beim VfB bilden. Über den Kader 2016/17 könnte man sich nur dann Gedanken machen, wenn man seit Wochen irgendwo in der Tabellenmitte herumirrt. Ist aber nicht so. Deshalb ist es auch ganz gleich, ob Dutt auf die Hälfte seines Gehalts verzichtet (und dafür weiterhin Sportchef ist). Oder ob Bernd Wahler schnellstmöglich seinen Posten räumen muss und wer der neue Trainer wird.

Wir Fans dürfen uns darüber Gedanken machen, dürften zetern, schimpfen und Sprüche klopfen. Für die Medien gehört das ebenfalls zum Teil des Geschäfts, Spekulationen machen Spaß, füllen Seiten und sichern Clicks. Aber wäre es nicht schön, wenn es allen aktiv Beteiligten am Samstag schlicht um eines ging: Das Rote in den Augen leuchten lassen, Wolfsburg zu zeigen, was Charakter im Fußball bedeutet und dann notgedrungen Eintracht Frankfurt alle schwäbische Liebe der Welt wünschen? Und wenn das nicht klappt, dann hat man sich wenigstens mit Anstand und Würde verabschiedet.

It’s about time: Wie endet die Saison vom #VfB?