21. Spieltag: 1. FC Heidenheim vs. VfB Stuttgart

Timo Baumgartl kann nicht nur Nationalmannschaft, er kann auch Boss. Bild: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Timo Baumgartl kann nicht nur Nationalmannschaft, er kann auch Boss. Bild: Stuart Franklin/Getty Images

Timo Baumgartl kann also Nationalmannschaft. Das sage jetzt nicht ich, das sagt sein Kapitän. Den nennen die Kollegen der Bild Boss, was für Schmunzeln sorgt. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls hält Gentner Baumgartl für geeignet, auf Sicht ein Kandidat für den Löw’schen Fußball zu seim. Vor dem Spiel in Heidenheim sage ich: Baumgartl kann auch Boss.

Nach dem schwierigen Auftritt zuletzt gegen Sandhausen, war Baumgartl einer derjenigen, der sich nach dem Spiel noch den Journalisten zum Gespräch anbot – in der Mixed Zone, die in Stuttgart eigentlich nicht viel mehr ist als ein Flur auf dem Weg der Spieler zu ihren Autos. Um mal etwas Mystik aus der Sache zu nehmen. Baumgartl ist und war ein dankbarer Gesprächspartner, er hatte gegen Sandhausen die meisten Ballkontakte (über 100) und gilt als Fix-Punkt der VfB-Abwehr. Baumgartl sagt: „Ich mag es, am Spielaufbau beteiligt zu sein, dann habe ich eben auch viele Ballkontakte.“ Klar, bis zum unsäglich benannten Laser-Pass Boateng’scher Manier ist es noch ein wenig hin. Aber es wird schon klar, was Gentner meint, wenn er Baumgartl bescheinigt, dass er nicht nur gegen den Ball spielt, sondern auch mit ihm umgehen kann.

Baumgartl oder nix

Tatsächlich wundert es wenig, wenn ein Kollege Baumgartl fragt, ob es ihm eigentlich egal ist, wer neben ihm spiele. Gerade ist das Marcin Kaminski, mit dem sich Baumgartl laut eigener Sache „auch privat ganz gut versteht“. Timo Baumgartl ist zum Abwehrchef gereift. Mit 20 Jahren. Die Frage ist nicht: Spielt Timo Baumgartl in der Innenverteidigung. Sie lautet: Wen stellen wir neben Baumgartl? Der Grund für diese Entwicklung liegt auf der Hand und heißt 2. Liga. Baumgartl hätte nicht absteigen müssen, er hätte sich in jungen Jahren dafür entscheiden können, sein Glück abseits von Stuttgart zu finden – wie es Timo Werner mit Erfolg tat.

Baumgartl weiß jedoch, was er an einem Jahr 2. Liga hat; weiß auch, was er am VfB Stuttgart hat. „Es ist wahr, dass man in der 2. Liga auch mal einen Fehler machen darf und ihn dann korrigieren kann“, sagt er. „In der Bundesliga bedeutet ein Fehler eines Verteidigers meist ein Gegentor.“ Es wäre vermessen, von einem 20-Jährigen zu erwarten, er dürfe keine Fehler machen. Sein Verbleib in Stuttgart hilft also nicht nur dem Verein, sondern vor allem auch Baumgartl selbst. „Ich habe im Sommer die richtige Entscheidung getroffen und bereue nichts“, sagt er.

Auf den Spuren der Großen

Während des kurzen Gesprächs läuft Hannes Wolf hinter Baumgartl vorbei und wünscht einen guten Heimweg, als der gerade davon spricht, wie er den jüngeren Spielern hilft, wenn sie Fragen hätten. Ich wiederhole mich: Baumgartl ist 20. Als Fußballer wirkt er zehn Jahre älter – was nicht an mangelnder Fitness oder der schwarz-gerahmten Brille liegt, die er abseits des Platzes trägt; sondern für frühe Reife spricht. Wolf hat Baumgartl in den Mannschaftsrat berufen. Es kann davon ausgegangen werden, dass er mehr ist als der Jugendvertreter, als ein besserer SMV-Sprecher.

Timo Baumgartl ist auf dem besten Weg einen fast schon vergessenen Pfad beim VfB wieder vom Gestrüpp freizumachen. Er hat das Potential, sich einzureihen hinter Spielern wie Fernando Meira, Marcelo Bordon, Matthieu Delpierre und Serdar Tasci. Ein Glück für den VfB Stuttgart. Alle vier blieben relativ lange am Neckar. Die meisten waren – zumindest zeitweise – Bosse.

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Vorschau 18. Spieltag: FC St. Pauli – VfB Stuttgart

Der wichtigste Baustein der Rückrunde: Wie geht Hannes Wolf mit einem fitten Daniel Ginczek um? Bild: Thomas Niedermueller/Bongarts/Getty Images

Der wichtigste Baustein der Rückrunde: Wie geht Hannes Wolf mit einem fitten Daniel Ginczek um? Bild: Thomas Niedermueller/Bongarts/Getty Images

Hannes Wolf hat ein Problem. Es ist vielleicht gleichzeitig das dankbarste und dennoch unangenehmste aller Fußballlehrer-Probleme. Wolf hat die Qual der Wahl. Bis auf Tobias Werner sind derzeit alle Spieler einsatzbereit, die für die Rückrunde in der 2. Liga Ansprüche auf Einsatzzeiten erheben können – über Jens Grahl und Hans Nunoo Sarpei muss hier nicht die Rede sein. Das heißt: Wolf muss bereits in Sankt Pauli harte Entscheidungen treffen. Und die werden nicht wie bisher nur Alexandru Maxim treffen, der zumindest laut seinem Berater mindestens das Potential für europäische Top-Clubs hat.

Was passiert mit Grgic, Pavard und Hosogai?

So könnte sich Anto Grgic, obwohl er eine starke Vorbereitung spielte und obwohl Wolf große Stücke auf ihn hält, in Hamburg zunächst auf der Bank wiederfinden. Weitere Namen, denen Ähnliches droht: Benjamin Pavard, Hajime Hosogai, Berkay Özcan. Alles Spieler, die in dieser Saison bereits ordentlich Spielzeit hatten. Alles aber auch Spieler, die Sinnbild für eine in Stuttgart kaum mehr gekannte Kaderdichte sind. War es in den vergangenen Jahren nicht eines der Grundprobleme, dass man froh sein musste, wenn es für jede Position wenigstens einen geeigneten Spieler gibt? Inzwischen scheinen sich nur noch, wie der Lagos-Reisende Philipp Maisel kürzlich im Brustring-Talk ausführte, Mitch Langerak und Emiliano Insúa auf dem bequemen Kissen der Konkurrenzlosigkeit ausruhen zu können. Natürlich liegt dies vor allem an der ungleich schwächer besetzen 2. Liga.

An sich reden wir hier von der Wunschsituation eines jeden Trainers. Gefühlt wird inzwischen heute doch über nichts mehr gesprochen als über „die vielen Verletzten“. Es ist die Gift-Schrank-Phrase Nummer 1 und scheint fast alles zu entschuldigen. Und dennoch: Wolf wird sich dieser Herausforderung der Auswahl stellen müssen. Sie könnte der Beweis für seine Autorität werden. Die meisten der oben genannten Spieler wird er wohl einfangen können – aus Altersgründen (Öczan, Pavard, auch Julian Green könnte dazu zählen) oder aus charakterlichen Gründen (Hosogai). Komplex wird die Sache im Fall von Daniel Ginczek.

Wie geht der VfB mit der Kaderdichte um?

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Bloß keine Quenglerei

Der hat endlich einmal wieder eine Vorbereitung mitmachen dürfen, ist entsprechend ungeduldig und zudem Liebling der Fans – hat aber nun einmal den besten Torjäger im Kader vor der Nase. Ich prophezeie: Ewig wird sich Ginczek nicht mit der Rolle als Stürmer Nummer zwei abfinden, seine Geduld wird endlich sein. Dann ist es an Wolf und Jan Schindelmeiser, ihm klarzumachen, wer in der Hinrunde elf Mal getroffen hat und wer sich deshalb zunächst hintanstellen muss. Zwei echte Spitzen wird es unter Wolf nicht geben, wir dürfen uns auf ein 4-1-4-1 oder ein 4-2-3-1 einstellen – je nach Gegner, je nach Spielsituation. Der denkbar schlechteste Schritt Ginczeks – wenngleich er in Stuttgart wenig verwundern würde – wäre der Gang an die Öffentlichkeit mit seinen Sorgen.

Hat Wolf vielleicht deshalb auch gelassen reagiert, dass der Kader nicht noch weiter aufgefüllt worden ist? Schätzt er die Mannschaft so ein, dass es vor allem auf ein Wir-Gefühl ankommt, um aufzusteigen – und nicht auf weitere Spieler? Weiß er, dass er keine Querulanten gebrauchen kann? Dass der Kader des VfB bereits jetzt locker die Qualität hat, direkt aufzusteigen, steht außer Frage. Die Rückrunde wird deshalb von zwei Fragen bestimmt werden: Kann Hannes Wolf Chef? Wie professionell verhält sich Daniel Ginzcek?

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Das Orakel aus Stuttgart

Der VfB ist ja „der FC Bayern der 2. Liga“. Alter Hut, längst ad absurdum geführt. Dennoch Anlass genug, sich von Steffen von @miasanrot inspirieren zu lassen und in Anlehnung an seine 13 Thesen zur Bayern-Saison die Rückrunde des VfB zu orakeln. Acht Thesen müssen reichen, weil: halbe Saison und ist ja nur 2. Liga. Ob es sich um Fake-News handelt, wird der Faktencheck am Ende der Saison zeigen.

8 Thesen zur Rückrunde

Bild: Adam Pretty/Bongarts/Getty Images

Der Aufstieg entscheidet sich am 21. Mai

Und damit am letzten Spieltag im Heimspiel gegen die Würzburger Kickers. Dramaturgisch toll, konzeptionell bescheiden. Warum der VfB den Aufstieg nicht vorher klarmacht? Weil derzeit zu viel dafürspricht, dass auch in der Rückrunde bis zu fünf Niederlagen runterfallen: Die Defensive wackelt beträchtlich, Verstärkungen sind (noch) nicht in Sicht, sieht man einmal von Julian Green ab; Hannes Wolf werden auch in der Rückrunde taktische Fehlgriffe unterlaufen, wenngleich sie auch seltener werden; es werden immer wieder Spiele dabei sein, die an den Null-Bock-VfB der Vergangenheit erinnern. Aber hey, ich schreibe hier nicht, dass der Aufstieg nicht klappen würde.

Alexandru Maxim entspricht den Erwartungen

Und zwar jenen, die er seit Jahren schürt. Der Durchbruch wird ihm beim VfB nicht mehr gelingen, vielleicht ist er auch in der Rückrunde gar kein Stuttgarter mehr. Wer es unter sieben Trainern unterschiedlichster Mentalität und bevorzugter Spielweise und nun auch in der 2. Liga nicht schafft, dem ist nicht zu helfen. Talent hin oder her, Maxim wird in diesem Sommer 27 und hat bei genauem Hinsehen nie bestätigt, was man sich von ihm erhofft hat. Vielleicht waren diese Hoffnungen zu groß, vielleicht leidet er unter einem unerklärlichen Phlegma, vielleicht beschäftigt er sich zu viel mit Dingen, die mit Fußball wenig zu tun haben. Beim VfB hat er jedenfalls keine Zukunft. Er wird dann eben woanders ein ganz Großer – Shinji Okazaki lässt grüßen.

Guido Buchwald und Thomas Berthold warnen weiter

Es wird sich wenig ändern. Die beiden „Legenden“ werden weiter viel zu sagen haben – ohne Substanz aber dafür mit viel Aufmerksamkeit beschert. Wenn Berthold Klartext redet und über Maxim rätselt, dann mag das damit zu tun haben, dass er tieftraurig ist und allgemein über vieles im Leben rätselt. Darüber, dass er nicht irgendein VfB-Pöstchen bekommt. Darüber, dass statt ihm der alte Kollege und Namensvetter Thomas Häßler in den Dschungel fliegt. Aber warum der VfB es zulässt, dass sein Ehrenratsmitglied Buchwald regelmäßig zur großen Selbstdarstellung ausholt, darf ein Rätsel bleiben. Was sich humorig lesen mag, ist ein tiefgreifendes Stuttgarter Problem. Zu viele Menschen meinen, sich über den Verein äußern zu müssen – möglichst öffentlichkeitswirksam, ohne dem VfB damit zu helfen. Es mag keinen Hansi Müller alias „Der Maulwurf“ mehr geben. Aber in dieser Qualität schafft das heute in Deutschland allenfalls der Hamburger SV.

Der obligatorische Panikkauf bleibt aus

31. Januar heißt: Zittertag für alle Fans. Häufig zauberte einer der in den vergangenen Jahren sportlich Verantwortlichen kurz vor knapp noch eine „echt Verstärkung“ aus dem Hut. Kleine Liste? Artem Kravets, Felipe, Federico Macheda. Von Wintertransfers sollte man generell absehen, sofern es keine Vorgriffe eines ohnehin geplanten Wechsels im darauffolgenden Sommer sind. Ich weiß, das sehen viele anders und die kommen mir jetzt vielleicht mit Serey Dié, der treusten aller VfB-Seelen. Das Risiko einer aus der Not geborenen Idee aufzusitzen ist allerdings größer, als die Chancen darauf, die Ausnahme von der Regel zu erwischen. Jan Schindelmeiser wird sich nicht zu einem solchen Schritt hinreißen lassen. Im besten Fall, weil der Kader vorab komplett ist. Im schlechtesten, weil er wenigstens einsieht, dass Notkäufe keinen Sinn ergeben.

Die Defensive bleibt das Sorgenkind

Halten wir fest: Die Vereinsverantwortlichen wissen, wo der Schuh drückt. Vornehmlich defensiv. Timo Baumgartl hat eine starke Hinrunde abgeliefert, im scheint die 2. Liga sichtlich gutzutun für seine Entwicklung. Aber bereits hinter ihm gibt es einen gewaltigen Qualitätsabfall. Benjamin Pavard ist eine starke Rolle zuzutrauen, irgendwann. Noch fehlt ihm in vielen Momenten die Sicherheit, die Erfahrung und die Abgeklärtheit. Es ist ein Risiko, die gesamte Verantwortung in der Innenverteidigung zwei gerade der Jugend entwachsenen Spieler schultern zu lassen. Auch wenn nun erneut viele sagen werden: Im Fußball gibt es die Kategorie Alter nicht mehr. Marcin Kaminski ist ein durchschnittlich guter Spieler, ausreichend für die meisten Spiele in der zweiten Liga. Aber nicht mehr. Was der Autor von Toni Sunjic‘ fußballerischen Leistungen hält, dürfte bekannt sein.
Gleichzeitig scheint eine Lösung in dieser Frage nicht in Sicht zu sein. Die Zwickmühle für Schindelmeiser: Einen Spieler zu verpflichten, der auch in einer möglichen Bundesliga-Saison 2016/17 weiterhilft und eine feste Größe wird. Dass weder Holger Badstuber per Leihe kommt, der wohl ernsthaft in den Überlegungen eine Rolle spielte, ist ebenso gut, wie eine Nicht-Rückkehr von Serdar Tasci, um den es auch nur allenfalls halbgare Gerüchte gab. Ersterer ist – so schade das für ihn sein mag – einfach ein gesundheitliches Risiko und beschäftigt womöglich lediglich die Reha-Welt. Letzterer wäre die romantische Nummer gewesen: Rückkehrer, einer von uns. Das geht selten gut. Seltsamerweise sind diejenigen, die Tasci fordern, genau diejenigen, die in Christian Gentner den gescheiterten Rückkehrer und Wurzel allen Stuttgarters Schlendrian-Übels sehen.

Die VfB-Jugend liegt weiter brach

Zugegeben, eine bittere These. Aber gefühlt ist die Konkurrenz in Sachen Nachwuchsarbeit dem einstigen Vorzeigeverein VfB Stuttgart entwachsen. Und das liegt nicht daran, dass die Youngster gerade im Sindelfinger Glaspalast gegen die Kollegen aus Hoffenheim das Finale verloren haben.
Der VfB war ein Pionier, zu Zeiten, in denen nur wenige Clubs etwas auf einen funktionierenden Nachwuchs gaben. Leider kann er sich von dieser antizyklischen Arbeit heute wenig kaufen, außer regelmäßig in der Presse aufzutauchen unter der Schlagzeile: „Diese Nationalspieler haben eine VfB-Vergangenheit.“ Es ist lange her, dass ein Stuttgarter Jugendspieler den Durchbruch auch beim VfB geschafft hat. Timo Baumgartl ist immerhin drauf und dran, Berkay Özcan dagegen ist der Schritt nicht zuzutrauen. Ansonsten verlassen die Talente den VfB reihenweise bereits in der Jugend. Arianit Ferati und nun Max Besuschkow sind nur zwei Beispiele, denen viel zuzutrauen ist. Mittlerweile geben sich auch die Clubchefs bedeckter, was die Rückkehr zu den „Jungen Wilden“ Version XY angeht. Es ist weder ein neuer Kevin Kuranyi oder Aliaksandr Hleb in Sicht, und schon gar kein neuer Sami Khedira oder Mario Gomez.

Wolfgang Dietrich liefert keine Schlagzeilen

Für viele kommt diese These einer Traueranzeige gleich. Einmal großes Menno! Sie hätten sich gewünscht, dass sich Dietrich krachende Fehlgriffe leistet. Dass er in Stuttgart als Präsident so beliebt wird, wie Donald Trump in der freiheitlichen Welt. Ist nicht passiert. Weil Dietrich ein Kommunikations-Profi ist, anders als seine Vorgänger. Weil er weiß, was er wann, wie und wo zu lancieren hat. Und was besser nicht. Er weiß genau: Über seine umstrittene Wahl muss Gras wachsen, gelingt mit mir der Aufstieg, sieht die Welt anders aus. Dietrich bleibt im Hintergrund, auch in der Rückrunde. Sprechen lässt er den Vollprofi Schindelmeiser und everybodys darling Hannes Wolf.

Kevin Großkreutz sitzt nackend auf dem Crosstrainer

Zurück in Stuttgart! #2017

Ein von Simon Terodde (@simonterodde9) gepostetes Foto am


Wisst ihr Bescheid…

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