Vier aus sechs

Der VfB Stuttgart ist bei Erzgebirge Aue in nahezu allen Statistik-Rubriken unterlegen – und gewinnt mit 4:0. Bester Zeitpunkt, den Ball flach zu halten.

Ruuuuuuuuuuuhig. Größte Aufgabe beim aktuellen Lauf des VfB für Hannes Wolf ist. Bild: Maja Hitij/Getty

Ruuuuuuuuuuuhig. Größte Aufgabe beim aktuellen Lauf des VfB für Hannes Wolf ist. Bild: Maja Hitij/Getty

Wäre Winston Churchill im Fußball tätig, und nicht englischer Politiker gewesen, er wäre der Typ Jörg Schmadtke oder Rudi Völler gewesen. Immer für einen guten oder schlechten Spruch gut. Angeblich soll er gesagt, er traue „keiner Statistik, die er nicht selbst gefälscht habe“. Abgesehen davon, dass er das mit großer Wahrscheinlichkeit nie gesagt hat (sondern es sich um deutsche Propaganda während des Zweiten Weltkriegs handelt), passt dieses Bonmot gut zum 15. Spieltag des VfB Stuttgart bei Erzgebirge Aue.

Der VfB hatte weniger den Ball (39 Prozent), war in den Zweikämpfen – wenn auch knapp – unterlegen (49,5 Prozent), hatte weniger Ecken (2 zu 5), verzeichnet weniger Torschüsse (6 zu 14), spielte weniger Pässe (360 zu 521) und die waren auch noch ungenauer als die der Sachsen. Der Unterschied: Aue traf nicht, der VfB viermal. Bedeutet das, dass Statistik Unsinn und unbrauchbar ist? Dass der VfB einfach extrem kaltschnäuzig war – und nun auf dem besten Wege zu einer Spitzenmannschaft der zweiten Bundesliga ist?

Wie ein Endspiel

Weder noch. Aber es lässt tief blicken. Davor wurde viel geredet, über die Kälte im Erzgebirge (warum, am vergangenen Montagabend in Nürnberg war es in Stuttgart nicht wesentlich wärmer), über die extrem unterschiedlichen Voraussetzungen der beiden Teams (Etat-Krösus versus -Schmalhans), über Hannes Wolfs aufrichtige Versuche, die Bedeutung des Spiels hochzuhängen („wie ein Endspiel“). Beim VfB herrschte eine Stimmung zwischen Vorfreude auf eine außergewöhnliche Auswärtsfahrt und Sorgen über einen Auftritt wie „auf dem Dorf“.

Letztlich war es ein ganz normales Zweitligaspiel für den VfB in seiner aktuellen Form. Es ist der Punkt erreicht, an dem alles klappt, auch wenn eigentlich gar nicht so viel klappt. Wir müssen uns nicht darüber unterhalten, dass der Sieg am Ende verdient, aber deutlich zu hoch ausgefallen ist. Wir müssen uns aber auch nicht darüber unterhalten, dass Aue mit einem Hauch der Zielgenauigkeit des VfB einen oder mehrere Punkte in Sachsen hätte halten können. Der Sieg war wichtig, weil der VfB damit vor den beiden potentiell schwierigeren Spielen gegen Hannover und Würzburg in einer guten Position geblieben ist.

Luft nach oben

Aber er lässt auch tief blicken. Viele fragte sich nach den Ankündigungen von Jan Schindelmeiser, sich im Winter eventuell verstärken zu wollen, nach dem Warum. Ein Blick auf die Ersatzbank genügt: Durch die Ausfälle von Daniel Ginczek und Tobias Werner saßen in Aue zur Einwechslung bereit: Ein Torhüter, ein Innenverteidiger, drei nominelle Außenverteidiger und zwei zentrale Mittelfeldspieler. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen: sowohl Ginczek und Werner könnten in dieser Saison noch häufig fehlen. Es mag auf den ersten Blick absurd scheinen, angesichts der aktuell besten Torausbeute der zweiten Liga. Aber Stuttgart fehlt es in der Offensive, mit Boris Tashchy rechnet nun wirklich gar niemand mehr. Nichts muss erzwungen werden, aber sollte Schindelmeiser im Winter die Chance haben, einen Vorgriff auf die kommende Saison zu tätigen (oder aber den anvisierten Aufstieg sicherer zu machen), dann sollte er das tun.

Der VfB ist Tabellenerster, er wird jedoch die Liga nicht dominieren. Nicht in dieser Saison und eine zweite sollte es hoffentlich nicht geben. Das Glück, dass den Stuttgartern in der Anfangsphase der Saison unter Jos Luhukay noch fehlte, ist unter seinem Nachfolger da. Es mag auch erzwungenes Glück sein, Wolf scheint nicht nur besser mit dem Kader zurecht zu kommen, er ist wohl auch der bessere, weil wacherer und zeitgemäß arbeitender Trainer. Bei der aktuellen Form scheint es absurd, dem VfB nicht den Aufstieg zuzutrauen. Vieles ist anders geworden: Stuttgart kommt auf den Platz – und ist voll da, wie die frühen Tore beweisen; es werden nicht mehr reihenweise Chancen verspielt. Beides Anlass für den Abstieg in der kommenden Saison.

Der dritte Anlass waren die persönlichen Befindlichkeiten der Spieler. Wolf betonte zuletzt den „Zusammenhalt der Gruppe“. Es sei nicht alles Terodde, Mané und Asano – sondern auch Kaminski oder Zimmermann. Es ist ihm zuzutrauen, die Spieler bei Laune zu halten, die außen vor sind oder bereits waren. Den Weltmeister Kevin Großkreutz, das ewige Talent Alexandru Maxim. Er macht das mit viel Fingerspitzengefühl, spricht viel, mit allen, mit einzelnen. Sollte er es schaffen, alle auf das viel beschworene gemeinsame Ziel einzuschwören, die Bedeutung des Ichs für ein paar Wochen noch dem des Wir unterzuordnen, dann wird der VfB wohl aufsteigen. Statistik hin oder her.

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Vorschau 13. Spieltag: Vor Berlin ist plötzlich alles geil

Gewinnt der VfB Stuttgart am 13. Spieltag bei Union Berlin, wäre Stuttgart Tabellenführer der zweiten Bundesliga. Bei den Fans hat sie angefangen – die große Zeit des Abpimmelns.

KARLSRUHE, GERMANY - OCTOBER 30: The players of Stuttgart celebrate the victory during the Second Bundesliga match between Karlsruher SC and VfB Stuttgart at Wildparkstadion on October 30, 2016 in Karlsruhe, Germany. (Photo by Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Blinded by the light? Beim VfB Stuttgart scheint gegen Ende der Hinrunde alles geil. Bild: Alexander Scheubert/Getty

Ach, was ist das schön: Stadien mit dem Charme der Vor- und Nachkriegszeit, echte Traditionsvereine, geile Fans machen super Stimmung, jedes zweite Wochenende eine Reise wert und zuhause rennen sie uns die Bühne ein. Willkommen im Land der Heuchler, willkommen beim VfB Stuttgart der Saison 2016/17.

Einmal zweite Liga und zurück. So hieß es in Stuttgart schon vor der Saison. Mal eben den Ausrutscher wiedergutmachen. Was lange holperte, läuft so langsam nach Plan. In der Theorie kann der VfB nach dem 13. Spieltag Tabellenführer der zweiten Bundesliga sein. Der Club selbst geht damit noch relativ defensiv um, schleudert seine Mitglieder aktuell lieber mit Mails voll – „was gut läuft und was noch nicht so gut läuft“. NOCH, wohlgemerkt. Denn bald ist ja alles im Lot, nur noch einen kalten Winter hinter sich bringen und dann ist der Spuk vorbei.

So denken inzwischen auch wir Fans des VfB, da muss ich mich nicht ausnehmen. Wir feiern es, wenn Tausende nach Sandhausen fahren, wenn wir endlich mal wieder ein Derby haben und den Betzenberg great again machen. Wir kulten ab, mal wieder Sankt Paulianer zu treffen und verbinden in Dresden Sightseeing mit einer der spannendsten Fanszenen Deutschlands. Aber bitte, bitte, bitte doch nur für ein Jahr. Ist ja ganz nett mal da unten. Ein wenig so, wie wenn man nach 25 Jahren wieder in die alte Heimatstadt kommt, aufs Land und denkt: ja gut, zum Entspannen passt das, aber morgen dann bitte Alltag.

So verhält es sich auch an diesem Spieltag in Berlin. Was ist es nicht geil, mal an der Försterei zu sein? Also das echte Berlin zu erleben, und nicht das, was uns Michael Preetz‘ Hertha als Berlin verkaufen möchte. Union – da weht doch mehr als nur ein Hauch Romantik bis nach Stuttgart. Wir denken: geil, das mit dem Weihnachtssingen und die haben ja auch selber ihr Stadion wiederaufgebaut bzw. renoviert.  Super Sache aus der Fremde. Solange man sich dabei die Hände nicht selbst schmutzig macht und sich nur darüber ärgern muss, dass der gemeine Schwabe nicht nur am Prenzlberg abhängt und auch nicht nur Kehrwoche macht und auch nicht nur Porsche oder Benz fährt.

Ob den anderen Clubs der zweiten Liga der VfB nicht schon auf den Zeiger geht? Ständig hören zu müssen: „Das ist ja DAS Spiel des Jahres für die Jungs.“ Oder: „Wenn mal der VfB kommt, da ist schon was los hier.“ Ganz ehrlich: Wir VfB-Fans gefallen uns auch ein wenig in diesem Abpimmeln, endlich mal wieder die Geilsten sein nach einem Jahr Fremdschämen. Beim Gegner Respekt zu sehen statt sich sorgen zu müssen, dass die Aubameyangs, Lewandowskis und Co. einen Lachkrampf bekommen, wenn sie gegen Stuttgart spielen dürfen.

Verkehrte Welt

Ändert sich gerade was? Sind es jetzt die VfB-Spieler, die angesichts der gegnerischen Aufstellung erstmal denken: Wer ist das eigentlich? Bei Union kennt man aus Stuttgart noch den Trainer – gezwungenermaßen. Und beim Namen Kroos klingelt zumindest etwas. Aber sonst? Große Unbekannte. Es muss eine der schwersten Aufgaben für Hannes Wolf sein, Woche für Woche klarzumachen: Hört mal her, die können schon geil kicken. Ansonsten? Dresden und so. Nicht umsonst hat er jetzt vor dem Berlin-Spiel da noch einmal hingewiesen. Für Union geht es um viel: oben dran bleiben, oder ins Mittelfeld rutschen.

Für den VfB wird der weitere Saisonverlauf nicht minder spannend. So langsam rutscht er in die Rolle, die er sich selbst vor der Saison ausgedacht hat. Berlin könnte ein dankbarer Gegner sein – weil Union sich bisher nicht gerne hinten reinstellt und kontert, das aber gegen die VfB-Offensive tun werden muss. Nach dem Spiel wird also auch der VfB schlauer sein: Darf denn jetzt wieder alles geil sein?

Für die taktischen Voraussetzungen vor dem Spiel empfehle ich euch bei den Kollegen der „Eisernen Ketten“ vorbeizuschauen. Die haben mit Jonas (https://vfbtaktisch.blogspot.de/) gesprochen.

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Make Stuttgart great again: Warum Hannes Wolf der richtige Trainer für den VfB ist

45 Tage währt die Amtszeit von Hannes Wolf, wenn der VfB am Sonntag Arminia Bielefeld zum Heimspiel empfängt. Er könnte aus Stuttgart wieder eine Marke machen.

Eine Unterschrift für lange Zeit? Hannes Wolf kann den VfB Stuttgart in neue Höhen führen. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Eine Unterschrift für lange Zeit? Hannes Wolf kann den VfB Stuttgart in neue Höhen führen. Bild: www.vfb-exklusiv.de

Hannes Wolf macht skeptisch. Wie kann ein Mensch zugleich derart nett, umgänglich, echt und dennoch kompetent sein? Im Trainergeschäft lässt sich das offenbar nicht in Einklang bringen. Das sagt mehr über die sozialen Standards des Fußballs als über die Stärken und Schwächen Wolfs aus. Als erfolgreicher Trainer habe man größenwahnsinnig und arrogant (José Mourinho/Diego Simeone), eigenbrödlerisch und stur (Pep Guardiola), oder wenigstens manisch (Jürgen Klopp) zu sein.

In Stuttgart waren die Hoffnungen und Sorgen gleichermaßen groß, als Jan Schindelmeiser Wolf vorstellte. Einen Trainer aus der BVB-Schule, geprägt vom Dialog mit Klopp und Thomas Tuchel. Die einen versprachen sich von ihm nach der drögen wie kurzen Phase unter Jos Luhukay einen jungen, frischen Hoffnungsträger. Die anderen spotteten über den nächsten „Jugendtrainer“ beim VfB – das habe schließlich schon einmal nicht funktioniert, mit Thomas Schneider aus dem eigenen Haus.

Danke, Jos

Inzwischen ist Wolf angekommen. Er hat das Potential und den Eifer, eine neue Ära beim VfB zu prägen. Er ist vielleicht sogar der erste Trainer seit Jahren, dem das zuzutrauen ist. Und er kommt vielleicht genau im richtigen Moment zum VfB, der darniederlag, der sich neu beweisen muss, der einen bitteren Gang durch die zweite Liga gehen muss. Denn, bei allem Respekt vor Bielefeld: Eigentlich würde man sich an diesem Wochenende doch lieber gegen Dortmund, Bayern oder ja, meinetwegen auch Leipzig spielen sehen.

Hannes Wolf erscheint in der öffentlichen Wahrnehmung erfolgreicher, als es die Ergebnisse eigentlich zulassen würden. In sechs Spielen mit dem VfB hat er zwar dreimal gewonnen, aber einmal auch nur Unentschieden gespielt und zweimal verloren – darunter ein Null zu *hust* in Dresden. Er selbst hat betont, dass er das große Glück hatte, einen Verein mitten in der Saison zu übernehmen, der qua Tabellenplatz eigentlich keinen neuen Trainer benötigt hatte. Nun kann man Luhukay vieles vorwerfen, doch er hat Wolf keinen lichterloh brennenden Scheiterhaufen hinterlassen. Sondern eine Mannschaft, die auf nahezu allen Positionen so aufgestellt ist, dass sie durch die zweite Bundesliga marschieren kann und am Ende auch Opfer des unlösbaren Zwists zwischen Luhukay und Jan Schindelmeiser war. Ein Bauer würde von einem bestellten Feld sprechen, der Bayer von der g’mahten Wiesn.

Vergesst den Straßenstrich

Alter spielt im Trainerwesen längst nicht mehr eine so große Rolle wie früher, das behaupten allenfalls die Granden anderer Generationen – Ottmar Hitzfeld, Otto Rehhagel. Ein heutiger Torwart-Rentner und früherer VfB-Keeper sagte einmal einen damals umjubelten Satz: Du kannst nicht jung und erfahren sein, außer auf dem Straßenstrich. Schade, weil der Satz ja irgendwie auch charmant war, aber er gilt nicht mehr. Wolf hat, wie viele seiner anderen jungen Kollegen in der Bundesliga, Erfahrungen gesammelt. Einerseits durch fast 200 Spiele als BVB-Coach. Andererseits bildet sich die heutige Trainergeneration ganz anders aus und fort als es früher der Fall war. Erfahrung muss nicht heißen: Ich muss mindestens 200 Spiele bei einem Bundesligisten an der Linie gestanden haben. Das mag manchen helfen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, ist jedoch kein Erfolgsgarant.

Die Fähigkeiten, auch Multimillionäre zu trainieren, die möglicherweise nahezu im selben Alter sind wie der Trainer, von 60.000 statt 1000 Zuschauern beobachtet zu werden, dem gesamten Mediensalat Stand zu halten. Das alles kann man, oder man kann es nicht. Wolf scheint zur ersten Gruppe zu gehören. Er scheint es zu schaffen, der Mannschaft ihre Sattheit, ihren Blues und den Schlendrian austreiben zu können. Langsam nur, aber erkennbar. Die Blamage in Dresden hätte sich hervorragend geeignet, um den üblichen VfB-Prozess in Gang zu setzen: Hoher Sieg gegen Fürth – die Spieler sind pappsatt und lassen sich von Dresden demontieren – und dann geht es eben dahin. Nun hat sie aber – wenn auch ohne Glanz und Gloria – danach reagiert, 1860 München besiegt und nach einem verschmerzbaren Pokal-Aus in Gladbach das der Stimmung nicht gerade abträgliche Spiel in Karlsruhe gewonnen. Nicht umsonst, wurde es in Sachen Marketing vom VfB derart ausgeschlachtet: Derbysieger-Erinnerungs-Tweets, Derbysieger-Shirts inklusive.

Hannes Wolf ist der erste Trainer seit Langem, dem zuzutrauen ist, seinen Vertrag (bis 2018) zu erfüllen. Das einzige was derzeit dagegen spricht: Ein anderer Verein schnappt ihm den VfB wieder weg, wäre mal wieder was Neues.

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